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Hängepartie mit Lächeln: Eine Aktivistin unter einem Baumhaus, das am Montag noch nicht geräumt worden war.

Hambacher Forst

Zimmer mit Aussicht

Nass, kalt, windig? Von wegen! In einem klug konstruierten Baumhaus ließ sich auch der Winter im Hambacher Forst gut überstehen. Ein letzter Besuch in den Wipfeln.

Von Ralf Jansen

Aus dem Baumhaus ragt ein Kaminrohr. Ein kleiner Ofen sorgt für wohlige Wärme. Es gibt sogar einzelne, mehrfachverglaste Fenster. Frisches Wasser wird in großen Kanistern bei Unterstützern in den umliegenden Dörfern gezapft und zu Fuß oder mit dem Rad an den Wald getragen.

Seit mehr als sechs Jahren leben junge Menschen im und am Hambacher Forst, um gegen den Braunkohleabbau und die Zerstörung des Waldes zu demonstrieren. Nun werden die Baumhäuser abgerissen. Was übrig bleibt, wird zu großen Holzhaufen aufgeschüttet. In etwa einer Woche sollen alle verschwunden sein, doch noch gibt es ein Wiesencamp auf einem privaten Grundstück nahe des Waldes, das Kurt Claßen aus Buir gehört. Claßen ist der Mann, dem RWE ein paar Tausend Euro für seine Wiese geben wollte, woraufhin Claßen ausrechnete, wie viel Geld der Konzern mit der Kohle unter dem Grundstück verdienen könnte – und den Preis auf 80 Milliarden Euro ansetzte.

Außerdem steht im Hambacher Forst der Räumung und dem Abbau des Bestehenden ein Zufluss von Neuem entgegen: Denn über Feldwege fahren immer mehr Wohnmobile und Busse heran, in denen neu eingetroffene Demonstranten leben.

In den Häusern, die nur an die Bäume gebunden, nicht genagelt worden sind, einer selbst gebauten Hütte oder einer ausgekleideten Mulde in der Erde auf der Wiese am Hambacher Wald kann man es erstaunlich lange aushalten: Die Böden und Wände der Unterkünfte in den Wipfeln nahe des heranrückenden Tagebaus Hambach bestehen aus Paletten, sind mit Platten von allen Seiten abgedichtet und von innen mit Stroh ausgestopft.

„Alle ein oder zwei Wochen kommt jemand mit einem Transporter und bringt Trinkwasser. Wir hatten bis vor Kurzem noch zwei 1000-Liter-Behälter, die regelmäßig gefüllt wurden. Doch die Polizei lässt uns jetzt an diese Tanks nicht mehr heran“, berichtet der 30 Jahre alte „Clumsy“. Er ist seit sechseinhalb Jahren bei den Waldbesetzern dabei, ein Mann der ersten Stunde. „Kälte“, sagt er, „ist überhaupt kein Problem.“ An nasskalten Novembertagen könne man sich in geheizte Baumhäuser oder Gemeinschaftshütten im Wiesencamp zurückziehen. Geduscht werde bei Freunden. „Außerdem sind in den einzelnen Dörfern im Wald Solarduschen verteilt, wie man sie vom Camping kennt“, berichtet der Österreicher.

Und falls mal jemand krank werde? „Es gibt hier in der Gegend eine Reihe Ärzte, die solidarisch mit uns sind und uns unterstützen. Sie behandeln selbst dann, wenn jemand keine Krankenversicherung hat. Manche kommen gelegentlich abends nach der Schließung ihrer Praxen im Wald vorbei und helfen.“ Clumsy selbst ist ausgebildeter Rettungssanitäter. Nicht nur er stammt aus dem Gesundheitssektor: „Wir haben Medizinstudenten, auch fertig studierte, aber auch ausgebildete Ersthelfer in unseren Reihen und helfen uns natürlich.“

Unterstützung erfahren die Waldbesetzer aus der näheren und weiteren Umgebung. Es gebe Menschen, die bei Supermärkten nachgefragt hätten, ob sie abgelaufene Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, einsammeln und an die Wiese oder in den Wald bringen dürften. Wenn Demonstrationen stattfänden wie an diesem Wochenende, brächten zahlreiche Demonstranten in ihren Rucksäcken Lebensmittel mit in den Wald. „Manchmal bringen Bauern auch mehrere Hundert Kilogramm Lebensmittel vorbei, die sie nicht verkaufen können, etwa weil die Möhren zu krumm sind“, sagt Clumsy.

Voller Vorräte stand auch bis gestern Morgen das nun komplett zerstörte Baumhaus des US-Amerikaners „Jus“ in Oaktown. Jus hält sich als letzter Bewohner der ehemaligen Baumhaussiedlung gestern Mittag noch in einem Nachbarbaum auf. Waghalsig schwingt er ohne Sicherung von Baum zu Baum und entzieht sich so dem Zugriff der aufs Klettern spezialisierten Polizisten. Im Schutthaufen, den die Bagger und Greifer unter Jus’ Baumhaus hinterlassen haben, finden sich Wasser, Saft, Salatöl, ein Soja-Drink, Couscous, Wundpflaster und „Citronencremeschnitten“. Dazu ein Eimer Sauerkraut, Bratensoße und Sojamedaillons.

Die Mengen erstaunen Polizisten und Presseleute. Clumsy sagt: „Die Vorräte in meinem Baumhaus hätten gereicht, um mich zwei Monate da oben ernähren zu können.“ In seiner Heimat im Wald hat es eine richtige Matratze gegeben, doch die braucht er nun nicht mehr, denn das Haus ist geräumt.

Überall rund um die Baumhausdörfer im Wald, die so symbolträchtige Namen wie „Oaktown“, „Gallien“ oder „Jesus Point“ tragen, finden sich auch Komposttoiletten. Getrennt wird nach flüssigen und festen Ausscheidungen. Die Notdurft wird mit Stroh, Sägespänen oder Laub bedeckt. Und tatsächlich dringen direkt neben einer solchen in die Erde gegrabenen und mit einem Brett verschlossenen Toilette kaum üble Gerüche aus dem laubbedeckten Waldboden. Pro Baumhausdorf gibt es laut Waldbesetzer zwei Komposttoiletten. Derzeit achten Polizisten darauf, bei ihren Einsätzen nicht versehentlich in die unscheinbaren Mulden zu geraten.

Über die Jahre hätten im Schnitt stets etwa 20 Menschen im Wiesencamp gelebt, dazu noch gut 30 in Baumhäusern, erinnert sich Clumsy. In den vergangenen Tagen ist die Zahl um ein Vielfaches gestiegen. Polizeisprecher Paul Kemen berichtete, bis Montagmorgen seien 28 der 51 Baumhäuser geräumt und entfernt worden. „Wir sind also etwa bei der Hälfte angelangt. Und alles ist sehr, sehr friedlich verlaufen.“ Abgesehen von einem Zwischenfall, als von einem Baumhaus Urinbeutel und andere Fäkalien nach den Beamten geworfen wurden: „Das ist aber nur ein Wermutstropfen. Die Stimmung ist über die gesamte Zeit gesehen entspannt.“

Clumsy ist anderer Meinung: „Es ist doch nicht gewaltfrei, wenn plötzlich Schneisen in den Wald geschlagen werden und schweres Gerät herangebracht wird, das alles zerstört, was wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Worin wir gelebt haben. “

Das letzte Wort sei aber noch nicht gesprochen, denn aufgeben wollen er und seine Mitstreiter nicht: „Wir machen weiter bis zur Unterzeichnung des Kohleausstiegs. Der Klimawandel schreitet rasant voran. Das Klima verhandelt nicht mit uns, ob wir in zehn oder 20 Jahren aussteigen. Es ist unsere Entscheidung, wie schlimm wir es für uns alle hier noch machen.“

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