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Airlines legen großen Wert auf das Erscheinungsbild ihrer Flugbegleiterinnen. Hier: Ein Einstellungstest bei der chinesischen Airline Hainan.

Flugbegleiter-Streik

Die Zeit des Glamours ist vorbei

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Als das Fliegen noch den Reichen, Schönen und Berühmten vorenthalten war, färbte deren Glanz ein wenig auch auf die Stewardessen ab. Doch inzwischen müssen die Flugbegleiter hart arbeiten - und werden dafür nicht besonders gut bezahlt.

Der Glamour-Faktor war enorm. Als das Fliegen noch den Reichen, Schönen und Berühmten vorenthalten war, färbte deren Glanz ein wenig auch auf die Stewardessen ab. Sie sorgten an Bord für das Wohl der Damen und Herren von Welt, reisten um den Globus und lernten Sehnsuchtsorte kennen, die kein Normalsterblicher je zu Gesicht bekommen würde. Sie kannten Strände auf Barbados, Bali und Hawaii und Bars in New York, Rio, Tokio. Damals, in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, bewegten sich Stewardessen in einer Liga mit Mannequins und Schlagersternchen.

Ein halbes Jahrhundert später ist vom mondänen Flair nichts geblieben. Das Flugzeug ist zum Massentransportmittel geworden. 3,3 Milliarden Passagiere zählte die internationale Flugverkehrsorganisation IATA 2014 weltweit, Prognosen zufolge wird sich die Zahl bis 2035 auf sieben Milliarden mehr als verdoppeln. Allein auf deutschen Flughäfen wurden im vergangenen Jahr gut 208 Millionen Reisende abgefertigt. Der globale Umsatz im Passagierverkehr erreichte 556 Milliarden US-Dollar. Auf vielen Strecken ist Fliegen billiger als Bahnfahren.

Entsprechend verändert hat sich die Kundschaft der Airlines. Kam man einst in Anzug und Kostüm zum Flugsteig, um der luxuriösen Fortbewegung Rechnung zu tragen, sind heute T-Shirts und Badelatschen gang und gäbe. Alle Exklusivität ist dahin. Für das Kabinenpersonal heißt das: Aus dem Traumberuf ist ein Knochenjob geworden, der nicht sonderlich gut bezahlt wird. Dass die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter der Lufthansa am Freitag für eine Woche in den Streik getreten sind, kommt nicht von ungefähr. Es geht um die Höhe der Vergütung, und, mindestens ebenso wichtig, um die Übergangs- und Altersversorgung für die 19.000 Kabinen-Crew-Mitglieder.

Die Einstiegsgehälter bei der Kranichlinie liegen nach Angaben der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation UFO aktuell bei monatlich 1380 Euro brutto. Enthalten ist darin eine Zwangsteilzeit während der Wintermonate, in denen weniger geflogen wird als im Sommer. Ohne diese Teilzeit läge das monatliche Entgelt bei rund 1600 Euro. Hinzu kommen Abwesenheits-, Nachtschicht- und Überstundenzuschläge, die je nach Einsatzdauer 200 bis 500 Euro pro Monat erreichen.

Nach 25 Jahren verdient eine Flugbegleiterin laut UFO ein Grundgehalt von 3100 Euro, die „Purser“ genannten Teamchefs können es auf 4000 Euro einschließlich Zulagen bringen. Nach Angaben der Lufthansa sind auch bis zu 7000 Euro möglich. „Das sind aber absolute Ausnahmen, die die Lufthansa gerne anführt, um angeblich üppige Bezüge zu illustrieren und Kürzungen zu rechtfertigen“, sagt UFO-Chef Nicolai Baublies. Solche Supergehälter seien nur für eine Handvoll lang gedienter Mitarbeiter einschließlich aller denkbaren Zuschläge auf der Langstrecke drin. Das Gros des Kabinenpersonals erhalte um die 2000 Euro. Das entspricht etwa dem Lohn eines Müllwerkers.

Nicht nur die Löhne, auch die Tätigkeiten ähneln sich mitunter. Bei Billigfliegern machen Flugbegleiter bei der Reinigung der Kabinen mit. Das Entfernen ekelerregender Hinterlassenschaften gehört zum Job. Dazu zählen Essensreste, Erbrochenes oder auch Fäkalien.

Berühmt ist der Ausraster des Schauspielers Gerard Depardieu, der 2011 während eines Fluges von Paris nach Dublin im Mittelgang seine Notdurft verrichtete. Andere prominente Flegel belassen es bei Pöbeleien: Jennifer Lopez wurde 2006 durch wüste Beleidigungen der Flugbegleiter auffällig, Oasis-Sänger Liam Gallagher randalierte in einigen tausend Metern Höhe mehrfach unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen, Topmodell Naomi Campbell erhielt wegen fortgesetzt schlechten Benehmens ein lebenslanges Flugverbot bei British Airways und Rocker Pete Doherty bei Easy Jet, nachdem er sein Spritzbesteck auf der Toilette hatte liegen lassen.

Rowdys an Bord

Weitaus verbreiteter und somit für das Kabinenpersonal belastender ist das Rowdytum ganz normaler Passagiere. Besonders leiden die Flugbegleiterinnen, die 80 Prozent des Kabinenpersonals stellen. Denn unter Alkoholeinfluss schwindet die Hemmschwelle, Brüste und Pos der Bediensteten zu begrapschen, ebenso wie die Neigung, auf Sicherheitsanweisungen der Cabin-Crew zu pfeifen. So musste ein Flieger im September 2013 von Glasgow nach Ibiza in Paris zwischenlanden, weil 16 Schotten im Zustand der Volltrunkenheit durch die Maschinen tanzten. Ein alkoholisierter Isländer, der auf dem Flug von Reykjavik nach New York seine Sitznachbarin würgte, konnte vom Kabinenpersonal überwältig und mit Klebeband bis zur Landung am Sitz fixiert werden. Zwischen 2007 und 2014 wurden der IATA 38 230 „unruly passengers“ gemeldet, die durch aggressives oder anderweitig sicherheitsgefährdendes Verhalten auffällig geworden waren.

Am Verfall der guten Sitten sind die Fluggesellschaften nicht unschuldig. Im Streben nach optimaler Auslastung und sinkenden Kosten wurden immer mehr Sitze in die Kabinen gequetscht. Zusatzgebühren für aufgegebenes Gepäck lassen Umfang und Menge des Handgepäcks anschwellen, was den Platzmangel verschärft. Hinzu kommt mitgebrachter Proviant, um die Kosten für den Snack an Bord zu sparen. Allzu große Enge, das ist keine neue psychologische Erkenntnis, kann Aggressionen und Platzangst hervorrufen. Gepaart mit Alkohol eine explosive Mischung.

Ein Traumjob sieht anders aus. UFO-Chef Baublies versichert, die allermeisten Kolleginnen und Kollegen liebten ihren Beruf trotz der Widrigkeiten. Die von der Lufthansa geplante Kürzung der Altersversorgung will die Gewerkschaft aber nicht hinnehmen. Und was, wenn sich das Unternehmen nicht bewegt? Baublies warnt: „Dann wird dieser nicht der letzte Streik sein.“

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