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Ist mit ihrem Beruf hoffentlich glücklich: Auszubildende zur Schornsteinfegerin.

Fachkräftemangel

Zehn Wochen warten auf den Handwerker

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Der Auftragsstau im Handwerk zeigt, wo das Problem liegt: Es fehlt massiv an Personal. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Jens Schimpfs Auftragsbuch ist voll. Bis Mitte des Jahres sind die acht Mitarbeiter in seinem Betrieb in Südhessen, der auf die Installation von Photovoltaikanlagen spezialisiert ist, komplett verplant. Gerne würde der Handwerker noch mehr Aufträge annehmen. Doch ihm fehlen die Mitarbeiter. Beim Arbeitsamt, in Zeitungen und auf Facebook hat Schimpf Anzeigen geschaltet, in denen er Meister, Elektriker, Lehrlinge und Hilfskräfte sucht. Sogar eine private Agentur hat er mit der Suche beauftragt. „Kostet ein Schweinegeld“, sagt Schimpf, „und bringt nix.“ Denn, so der Elektrotechnikmeister, freie Fachkräfte gebe es einfach nicht: „Die guten Leute sind alle schon untergekommen. Und wer noch keine Stelle hat, hat es oft auch nicht verdient.“

Schimpf ist mit diesem Problem nicht allein. Nach Schätzung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) können vier von zehn Betrieben offene Stellen nicht nachbesetzen. Zugleich ist die Auftragslage anhaltend gut.

Das Missverhältnis hat Konsequenzen für Verbraucher: Wer zurzeit einen Handwerker bestellt, muss nach ZDH-Schätzungen zehn Wochen lang warten. Besonders gefragt sind nach Informationen des Handwerker-Vermittlungsportals Myhammer.de gerade Pflasterer, Landschaftsbauer, Maurer und Betonbauer für Außenarbeiten im Garten sowie – wegen der anhaltenden Kälte – die Bereiche Heizung, Klima und Sanitär.

Schulabgänger studieren lieber als Handwerker zu werden

Grund für den Fachkraft- und Nachwuchsmangel des Handwerks ist zuallererst der demografische Wandel: Die Zahlen der Schulabgänger sinken, im Vergleich zu 2006 ist ihre Zahl 2016 um 120.000 zurückgegangen. Ein Großteil von ihnen hat außerdem wenig Interesse daran, Maurer, Frisör oder Mechaniker zu werden – der Trend geht eher hin zu Abitur, Studium oder einer kaufmännischen Ausbildung im Büro. Ein Problem, das auch Medien und Politik befördert hätten, sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des ZDH, der Frankfurter Rundschau: Jahrzehntelang sei vermittelt worden, dass beruflich nur eine Chance hat, wer studiert. „Das Handwerk und die Berufspraxis sind über Jahre schlechtgeredet worden.“ Wollseifer fordert jetzt ein „Umparken im Kopf“: „Wir müssen in Politik, Schulen, bei Eltern und Jugendlichen wieder ein Umdenken in Gang setzen, dass Abitur und Studium nicht der alleinige Weg sind, um beruflich erfolgreich zu sein.“ Dabei hat Wollseifer auch gezielt die Gymnasien im Blick.

Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit unter Technikern und Meistern nach dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit 1,7 Prozent geringer als unter Akademikern (2,7 Prozent). Der Verdienst von Meistern ist laut ZDH ebenso hoch oder sogar höher als der von Menschen mit Bachelorabschluss.

Verbände und Betriebe werben vor allem mit dem recht frühen stabilen Gehalt in der jungen Zielgruppe. Online versuchen sie außerdem, ihr angestaubtes Image abzuschütteln: Gitarrenbauer Roy, 29 Jahre alt, sehr gut aussehend, erklärt zum Beispiel auf „handwerk.de“, der Homepage des ZDH, wie er „erfüllt mit Stolz“ Instrumente für die Toten Hosen fertigt.

Die Botschaft scheint anzukommen: Die Zahlen der Azubis in Handwerksberufen sind bis Ende September 2017 im Vergleich zum Vorjahr wieder um 2,9 Prozent gestiegen, die Baubranche verbucht sogar ein Azubi-Plus von 7,4 Prozent. Den Bedarf deckt das allerdings noch nicht – es blieben insgesamt rund 19.000 Azubi-Stellen unbesetzt.

Und es geht ja nicht bloß um den Nachwuchs. Tausende Unternehmer sind wie Jens Schimpf auf der Suche nach ausgebildetem Personal, das sich sofort an die Arbeit machen kann. „Um diesem Fachkräftemangel zu begegnen, gibt es keine Patentlösung“, sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB), der FR. „Es ist eher ein Mosaik, das sich aus vielen verschiedenen Komponenten zusammensetzt.“

Pakleppa will überall seine Netze auswerfen. Ob Menschen, die aufgrund von Automation und Digitalisierung ihre Arbeitsplätze in der Industrie oder im Fahrgewerbe verlören, 1,5 Millionen polnische Handwerker, die in Großbritannien im Zuge des Brexit auf wackeligen Beinen stünden, oder arbeitslose Maurer und Fliesenleger aus Spanien oder Italien: „Sie sind uns herzlich willkommen.“

Hoher Schulungsbedarf bei Flüchtlingen

Auch Flüchtlinge zählen zu den Mosaiksteinen, auf die Pakleppa baut. Allerdings spielen sie bei der Lösung des Fachkräftemangels für die Verbände eine geringere Rolle, als von vielen erwartet. Der Schulungsbedarf sei doch sehr hoch, sagt Pakleppa. Es gebe Ausnahmen, aber man habe die Erfahrung gemacht: „Im Durchschnitt werden zwei Jahre vor Beginn der Ausbildung gebraucht: eins für die Integration, eins für das Erlernen der Sprache.“

Das EU-Parlament arbeitet gerade an einem anderen Ansatz: Mit einer europäischen Dienstleistungskarte möchte es Bürokratie abbauen und Firmen erleichtern, im Ausland Aufträge zu übernehmen. Nach ihrem Plan soll ein Handwerker aus Polen in Zukunft in seinem Heimatland seine Qualifikation nachweisen, die E-Card auf Landessprache erhalten und im Anschluss in den EU-Ländern arbeiten dürfen.

Die Kritik von deutschen Gewerkschaften wie dem Deutschen Gewerkschaftsbund und Verbänden wie ZDH und ZDB an diesem Vorstoß ist gewaltig. „Damit werden Tor und Tür für Schwarzarbeit geöffnet“, sagt Felix Pakleppa vom ZDB.

Ein erstes Votum wurde zu dem Thema in Brüssel am Mittwoch gefällt: Der EU-Binnenmarktausschuss lehnte die Einführung der Dienstleistungskarte ab. Eine finale Entscheidung steht noch aus, die Einstellung des Fachausschusses gilt aber als richtungsweisend. Ausländische Handwerker werden voraussichtlich also nicht zum bedeutenden Mosaikstein im Kampf gegen den Fachkräftemangel.

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