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Gegner von Amazon kamen Donnerstag zum Feiern in New York zusammen. Sie konnten die Neuigkeiten noch nicht richtig glauben.

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„Protestieren funktioniert!“

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Der Online-Gigant Amazon wollte sich im New Yorker Stadtteil Queens ansiedeln. Das haben Bewohner nun verhindert.

Jeremiah Moss hatte nur zwei Worte, als er am Donnerstag die Nachricht empfing, dass Amazon seine Pläne zurückzieht, das Hauptquartier des Konzerns in New York City aufzuschlagen. „Fuck Yeah!!!“ schrieb Moss auf seiner Facebook-Seite – ein wenig höflicher Freudenschrei über den Triumph des Widerstandes gegen den Internet-Giganten. 

Moss ist Blogger und Buchautor, der sich seit Jahren für die Erhaltung von Klein- und Familienbetrieben in der Stadt einsetzt. Er hat sich von Anfang an dagegengestemmt, dass Amazon im Stadtteil Queens einen riesigen Bürokomplex für 25.000 Angestellte baut. Wie viele New Yorker hatte Moss die Sorge, dass Amazon den ohnehin schon riesigen Preisdruck auf den Immobilienmarkt erhöht und die Verdrängung von Haushalten mit niedrigen Einkommen vorantreibt. 

Der Widerstand gegen Amazon in der Stadt reichte von den großen Tageszeitungen bis hinein in die Stadtverordnetenversammlung. Nach zwei Monaten des Tauziehens strich Amazon nun die Segel. „Das dürfte wohl niemanden überraschen“, sagte am Donnerstag Kathryn Wilde, Vorsitzende einer Vereinigung New Yorker Geschäftsleute, die den Zuzug von Amazon unterstützten. „Wir haben drei Monate lang unermüdlich auf unseren neuen Partner eingedroschen.“ 

„Kein Geld für Steuervergünstigungen für Großkonzerne“

Der Zorn der New Yorker Bürger richtete sich allerdings weniger direkt gegen Amazon, als gegen die Politik, die dem Milliarden-Unternehmen den roten Teppich ausgerollt hatte. Rund drei Milliarden Dollar an Steuererleichterungen hatten der Staat und die Stadt New York Amazon versprochen, um den Zuschlag zu bekommen, Gelder, die in der Stadt an anderer Stelle dringend gebraucht werden.

So ließ die frisch gewählte New Yorker Senatorin Alexandria Ocasio-Cortez, in deren Wahlbezirk Amazon ziehen möchte, unmittelbar nach der Ankündigung im November eine Serie von besorgten Tweets los. „Unsere U-Bahn fällt auseinander, wir brauchen dringend Mittel für Infrastruktur. Wir haben kein Geld für Steuervergünstigungen für Großkonzerne.“ Das Boulevardblatt „New York Post“ druckte am selben Tag eine Karikatur, in der Jeff Bezos mit Geldsäcken im Arm in einem Hubschrauber über Queens schwebt. Die Bildunterschrift lautete: „Erpressungsgeld“. Die „New York Times“ schrieb von einem „Miesen Handel“. 

Mehr noch als die Steuervergünstigungen für Amazon erregte die New Yorker allerdings die Art und Weise, wie der Deal entstanden war. Die beiden verantwortlichen Politiker, der Gouverneur Andrew Cuomo und der Bürgermeister Bill de Blasio, hatten in aller Heimlichkeit mit Amazon verhandelt. Dabei umgingen sie einen vom Gesetz geforderten Prozess, der bei großen Entscheidungen über Landnutzung und Städteplanung die Vertreter der Stadtbezirke mit einbezieht. 

Das stieß insbesondere den Kritikern des Bürgermeisters sauer auf. De Blasio positioniert sich seit seiner Wahl vor fünf Jahren als eiserner Kämpfer gegen soziale Ungerechtigkeit und verspricht, die Stadt auch für Bezieher niedriger Einkommen erschwinglich zu halten. Seine Erfolge, etwa beim Bau bezahlbaren Wohnraums, haben seine Wähler bislang jedoch massiv enttäuscht. Sie witterten einen erneuten Verrat. Anstatt die Bewohner von Queens zu schützen, so die Kritik, war er bereit, den Stadtteil an den Konzern auszuliefern. 

So sagte der Sprecher einer Mieterschutzvereinigung, dass es „völlig fehlgeleitet ist, der größten Firma der Welt Steuererleichterungen anzubieten, während New Yorker Bürger sich in einer Verdrängungskrise befinden.“ De Blasio und Cuomo entgegneten solchen Attacken, dass der Zuzug von Amazon langfristig allen nutzen würde – durch mehr Steuerertrag, Arbeitsplätze und die Stärkung New Yorks als Technologiestandort. 

Doch die Gegner ließen sich nicht beeindrucken. „New York braucht Amazon nicht“, titelte noch zu Beginn dieser Woche das „New York Magazine“ mit Verweis darauf, dass die Stadt ohnehin schon den dynamischsten Arbeitsmarkt des Landes hat und als Technologiestandort wohl etabliert ist. Nachdem der Deal am Donnerstag durchgefallen war, twitterte Linda Sarsour, eine der Mitorganisatorinnen der Proteste, nur glückselig: „Alle Macht dem Volk! Protestieren funktioniert!“

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