Digitale Teilhabe

Wunsch versus Wirklichkeit

  • Thomas Magenheim-Hörmann
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Trotz Corona nutzen nicht mehr Senioren das Internet. Dabei würden viele gerne online gehen.

Nur knapp die Hälfte der über 65-Jährigen in Deutschland ist nach eigenen Aussagen in den vergangenen Monaten online gewesen. Auch Pandemie, Lockdown und Ausgangsbeschränkungen haben daran so gut wie nichts geändert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des IT-Branchenverbands Bitkom über die Internetnutzung älterer Menschen. „Wir können keinen positiven Effekt der Coronakrise bei Älteren feststellen“, betonte Bitkom-Chef Achim Berg. Gefragt wurde einmal im Januar vor Ausbruch der Pandemie und ein zweites Mal im Juli. Die Internetpräsenz der über 65-Jährigen stieg dabei kaum messbar von 48 auf 49 Prozent.

Zum Vergleich: 54 Prozent aller Sechs- bis Neunjährigen sind hierzulande regelmäßig online. Erkennbare Corona-Effekte gab es dagegen bei der Hälfte der Älteren, die schon vor Ausbruch der Pandemie im Netz waren. Den größten Sprung verzeichnete Videotelefonie, die aktuell vier von zehn Senioren nutzen gegenüber drei von zehn im Januar. So konnten sie in der Pandemie soziale Kontakte halten.

Beim Einkaufen in Onlineshops stieg die Quote von 67 auf 72 Prozent, beim Lesen von Onlinenachrichten von 84 auf 88 Prozent. „Ältere Onliner waren während der Pandemie intensiver im Netz oder haben neue Dienste ausprobiert“, stellt Berg klar. Aber das betrifft nur die Hälfte der Senioren, die überhaupt online ist.

Hoffnung macht Berg, dass sich im Internet aktive Senioren zu 62 (Januar: 56) Prozent ein Leben ohne Netz nicht mehr vorstellen können. Der Bitkom-Chef appelliert deshalb, internetwillige Senioren nicht digital abgehängt zu lassen. Von älteren Nichtonlinern beklagen immerhin 14 Prozent, dass sie niemanden haben, der ihnen das Internet zeigt. Fast die Hälfte beteuert, dass sie keine technische Möglichkeit haben, ins Netz zu gehen. Grundsätzlich jeden Kontakt zum Internet ablehnen würden dagegen nur drei von zehn Nichtonlinern. Hochgerechnet auf alle Senioren wären damit nur 15 Prozent digitale Totalverweigerer.

Berg folgert aus der Studie zweierlei: Erstens habe sich digitale Technik während der Pandemie in vielen Bereichen gerade auch für Senioren bewährt. Zweitens: „Der Schritt ins digitale Neuland fällt Senioren aber immer noch schwer, es braucht mehr Hilfsangebote“, lautet seine Erkenntnis.

„Helfen können digitale Streetworker“, sagt der Bitkom-Chef und sieht kommunale Verwaltungen zum Handeln aufgerufen. Würden deutsche Verwaltungen digitalisiert, was ohnehin sinnvoll wäre, würde dadurch Personal frei, das man für digitale Seniorenhilfsdienste umschulen könnte. Für Senioren, die noch gut auf den Beinen sind, sollte man flächendeckend digitale Erprobungsräume einrichten, um Senioren zu zeigen, wie die Technik funktioniert und um Berührungsängste zu nehmen. Auf karitative Einrichtungen allein dürfe sich der Staat nicht verlassen.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass grundsätzlich Interessierte der digitalen Welt fernbleiben, weil ihnen Unterstützung fehlt“, sagt Berg. Digitale Teilhabe sei gerade für Senioren wichtig und drängende Aufgabe moderner Politik. Das zeige schon die beeindruckende Offenheit der Generation der über 65-Jährigen gegenüber digitalen Gesundheitslösungen. So würden viele gezielt nach Zugriff auf Onlinebewertungsportale für Ärzte oder Onlinesprechstunden verlangen. Der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist teils eklatant. So lassen sich derzeit sechs Prozent aller Senioren telemedizinisch beraten, jeder zweite würde es aber gerne.

59 Prozent aller gut 1000 Befragten verlangen allgemein nach mehr technischer Hilfe in Internetfragen. 69 Prozent aller Senioren sehen das Internet als Chance. Vor einem halben Jahr waren es erst 64 Prozent. Auch das zeigt, dass deutlich mehr Senioren im Netz sein könnten als es derzeit sind.

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