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Kryptowährungen würden – gesetzt sie wären weiter verbreitet – auf Geldpolitik verzichten.

Gastwirtschaft

Wunsch und Realität

Die Kryptowährung ist kein neutrales Element im Wirtschaftssystem.

Kryptowährungen scheinen die neue Volksaktie zu sein. Nun steigen auch Etablierte ein. Facebook und JPMorgan planen eine eigene Kryptowährung. Warum begeistern Kryptowährungen? De facto erfüllen sie nicht die Funktionen einer Währung: Sie sind kein breit anerkanntes Tauschmittel, kein Wertaufbewahrungsmittel, denn sie bieten keine Sicherheiten und keine Recheneinheit, denn die Kurse schwanken. Kryptowährungen sind Spekulationsobjekt. Konzipiert wurden sie als libertäre Vision.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Silke Ötsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen.

Nach der Krise 2009 wurden die ersten 50 Bitcoins geschöpft. Der Bitcoin sollte ohne Vertrauen, Banken und politische Einflussnahme auskommen und auf technischem Weg den optimalen Markt verwirklichen. Anhänger der Hacker Community sahen den Bitcoin als neutrales Medium einer partizipativen Wirtschaft und populäre Rebellion gegen das System.

Doch Wunsch und Realität klaffen auseinander. Wer mit Kryptowährungen handelt, benötigt keine Bank und staatliche Regulierung, dafür aber Servicedienstleister für elektronische Portemonnaies und Krypto-Börsen. Diese Orte sind, ebenso wie Kryptowährungen auf privaten PCs, anfällig für Hackerangriffe und Viren. Eine Regulierung dieser Plattformen erfordert quasi-politische Absprachen.

Weitere Nebeneffekte von Bitcoins sind der hohe Energiebedarf und Zentralisierung: Für Bitcoin-Transaktionen müssen Rechenaufgaben gelöst werden. Der Akteur, der aufgrund hoher Rechenkapazitäten die Aufgabe am schnellsten löst, erhält eine Gebühr. Hier können nur wenige Serverfarmen – genannt Mining Pools – mithalten. Vier der fünf größten Pools befinden sich in China.

Kryptowährungen würden – gesetzt sie wären weiter verbreitet – auf Geldpolitik verzichten. Unterschiedliche Wirtschaftsräume müssten mit dem gleichen Zinssatz auskommen. Die Politik würde im Krisenfall nicht eingreifen um Folgen abzumildern.

In der Welt der Kryptowährungen ist Mitbestimmung weniger mit Bürgerrechten verbunden, als mit Marktmacht, Rechenkapazität und technischer Ausbildung. Die Krypto-Community hat übersehen, dass ungleiche Verteilung und Machtverhältnisse Märkten vorausgehen. Märkte funktionieren nicht wie im Modell in einem Vakuum. Kryptowährungen benötigen Infrastruktur, Regulierung und eine funktionierende Gesellschaft – also Vertrauen.

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