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Seit dieser Woche fahren Kurierinnen und Kuriere von Wolt auch durch Köln.
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Seit dieser Woche fahren Kurierinnen und Kuriere von Wolt auch durch Köln.

Interview

Lieferdienst Wolt: „Wir sind ein Fairplayer“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Patrick Dümer, Deutschlandchef des Lieferdienstes Wolt, über skandinavische Prinzipien, die Suche nach Arbeitskräften und den Plan von der Shopping-Mall in der Hosentasche.

Der finnische Lieferdienst Wolt ist seit 2020 in Deutschland aktiv. Seine Kurierinnen und Kuriere mit den blauen Rucksäcken radeln bislang durch Berlin, Frankfurt, Hannover, München und Köln. Patrick Dümer will die Expansion als Deutschlandchef vorantreiben.

Herr Dümer, der Markt der Lieferdienste ist umkämpft. Lange war Lieferando der Platzhirsch, nun drängt Delivery Hero zurück und es wird darüber spekuliert, ob der US-amerikanische Marktführer Door Dash plant, hierzulande Fuß zu fassen. Wie wollen Sie sich gegen diese Konkurrenz durchsetzen?

Wir sind nach Deutschland gekommen, um ein nachhaltiges und langfristiges Business aufzubauen. Uns geht es um die nächsten zehn Jahre, nicht um die nächsten zwölf Monate. Deshalb schauen wir nur auf uns. Wir wollen ein Fairplayer sein.

Ein Fairplayer?

Ja, für die Restaurants, mit denen wir zusammenarbeiten, haben wir während der Pandemie ein Corona-Hilfspaket in Millionenhöhe geschnürt. Unsere Kuriere verdienen gut und sind angestellt.

Manche Ihrer Konkurrenten setzen auf Selbstständige.

Wolt kommt aus Finnland. Dort spielen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung eine große Rolle. Dieses skandinavische Selbstverständnis wollen wir auch nach Deutschland bringen. Für uns hat sich nie die Frage nach einem Freelance-Modell gestellt.

Hilft das bei der Suche nach Arbeitskräften? Sie müssen ja innerhalb kurzer Zeit viele neue Beschäftigte gewinnen.

Ich war überrascht, wie gut das klappt. Wahrscheinlich helfen dabei auch die Erfahrungen, die Wolt in den kleinen skandinavischen Städten gemacht hat, wo es keinen großen Pool von Arbeitskräften gibt. Und klar: Künftig wird es schwieriger, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Deswegen wird der Wettbewerb mit unseren Konkurrenten langfristig auch ein Wettbewerb um die besten Talente sein – es wird also darum gehen, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das perfekte Umfeld im Unternehmen zu finden.

Bei Ihrem Konkurrenten Gorillas streiken derzeit einige Fahrer:innen. Wie stehen Sie dazu?

Es ist nicht die Zeit für Häme, wir konzentrieren uns lieber auf uns selbst, und darauf, aus Wolt ein noch besseres Produkt für Mitarbeiter, Partner und Kunden zu machen.

Zur Person

Patrick Dümer (35) arbeitet seit knapp vier Jahren für Wolt. Zunächst kümmerte sich der gebürtige Flensburger und Deutsch-Däne um die globale Skalierung des Geschäftsmodells. Dann war er für die nordischen Länder zuständig, wozu auch Deutschland zählte. Nun kümmert sich Dümer exklusiv um den deutschen Markt, wo das Start-up bis Ende des Jahres in 15 Städten aktiv sein will.

Vor Ihrer Expansion nach Deutschland waren andere Länder an der Reihe. Warum hat es so lange gedauert?

Wir haben gesehen, dass es hier eine Marktlücke gibt. Delivery Hero und Foodora hatten das Feld verlassen, Lieferando hatte eine Monopolstellung. Trotzdem haben wir lange überlegt: Passt unser Geschäftsmodell langfristig zu Deutschland?

Passt es?

Vor Deutschland haben wir kleinere Länder mit schlechteren Bedingungen erschlossen. Schweden, Finnland, Länder mit oft schlechtem Wetter, kleinen Städten und großen ländlichen Regionen. Wir sind uns sicher, dass wir mit diesen Erfahrungen, unserer Logistik-Technik und Effizienz gut nach Deutschland passen.

Blicken wir auf die Expansion hierzulande: Wie gehen Sie vor?

Unser Ziel ist es, in mehr als 100 deutsche Städte zu expandieren. Dafür bauen wir zunächst ein starkes Team in Berlin auf. Aus diesem Hauptquartier wird die Expansion in andere Regionen und Städte des Landes begleitet. Bis Ende des Jahres wollen wir in fünfzehn deutschen Städten sein.

Seit April ist Wolt in Frankfurt. Wie viele Kuriere fahren gerade durch die Stadt?

Rund 300 Kuriere sind zur Zeit zwischen Bockenheim und Bornheim unterwegs. Gerade expandieren wir in Richtung Ostend und City West, bald werden auch die Feinkostläden der Kleinmarkthalle Teil unseres Angebots sein.

Patrik Dümer.

Was macht eine Stadt attraktiv für Wolt?

Sie sollte eine gute Auswahl von Restaurants haben, die vielleicht sogar noch keinen eigenen Lieferservice anbieten. Und natürlich braucht es viele potenzielle Kunden. Wobei es nicht nur um das Ausliefern von Essen geht.

Sie wollen künftig auch andere Dinge ausliefern.

Genau, Anfang des Sommers starten wir unsere App für alles. Innerhalb von 30 Minuten wollen wir unseren Kunden dann alles liefern: Lebensmittel, Blumen, Medikamente. Wir wollen lokale Händler im Kampf gegen Amazon und Co. unter die Arme greifen. Gemeinsam sind wir schneller und lokal.

Was ist die Idee dahinter?

Es geht natürlich auch darum, die Arbeitskräfte konstant auszulasten und abseits der Zeiten zu beschäftigen, in denen viel Essen bestellt wird. Wolt ist aber im Grunde kein Lieferdienst, sondern ein Logistikoptimierungsunternehmen. Wir gewährleisten unseren Partnern eine preiswerte und effiziente Auslieferung.

Und was bietet die „App für alles“ der Kundschaft?

Eine Shopping Mall in der Hosentasche. Das ist tatsächlich ein treffendes Bild: Ganz oben sind die Food Courts, die wir schon jetzt anbieten. Ganz unten sind die Lebensmittelläden, und dazwischen gibt es alles mögliche: Blumen, Schuhe, Kleidung. Bis zum Weihnachtsgeschäft soll die App ein gutes Angebot haben.

Hat das Corona-Virus Ihr Geschäft im vergangenen Jahr beflügelt?

Für mich als Geschäftsführer war Covid-19 eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Wir sind heute fünf oder sechs Monate vor unserer Planung, weil wir durch den Lockdown sehr schnell sehr viele Neukunden gewonnen haben. Aber das war auch schwierig: Durch das schnelle Wachstum mussten wir kurzfristig viele Kuriere und Angestellte im Hauptquartier akquirieren. Gleichzeitig galt es, die Grundlage für die langfristige Expansion zu legen. Und das alles mussten wir ja aus dem Homeoffice machen. Also die Pandemie hat das Business auf jeden Fall beschleunigt.

Zurück zum „Fairplayer“: Wie verdient Wolt Geld?

Wir nehmen eine Provision pro Bestellung. Damit bezahlen wir die Kuriere und das restliche Business. In den meisten Ländern sind wir profitabel, hierzulande ist das aber jetzt aber noch nicht das Ziel. Jetzt geht es um Schnelligkeit und Wachstum.

Daran gibt es viel Kritik. Die branchenweit üblichen 20 bis 30 Prozent als Provision seien zu viel, meint der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga.

Das ist eine emotionale Debatte. Natürlich wünschen sich unsere Partner eine geringere Provision. Aber nur mit ihr ist es möglich, einen fairen und effizienten Lieferdienst zu bezahlen. Und als Restaurant wird man es selbst nicht günstiger hinbekommen, vor allem wenn man sich mit Schichtplänen, Krankmeldungen und so weiter beschäftigen muss. Da nehmen wir den Restaurants viel Arbeit ab.

Interview: Steffen Herrmann

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