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„Die Wirtschaft wird kollabieren“

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Von: Michael Hesse

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Händler an der New Yorker Börse: „Das Finanzsystem wird zusammenbrechen“, warnt Hudson.
Händler an der New Yorker Börse: „Das Finanzsystem wird zusammenbrechen“, warnt Hudson. © Lucas Jackson/rtr

Der US-Ökonom Michael Hudson spricht im Interview über die weltweit hohe Verschuldung, die Rolle der Banken und Wege zu mehr Wachstum. (FR+)

Sein Taufpate war Leo Trotzki, seine Lehrjahre verbrachte er an der Wall Street. Heute plädiert der US-Ökonom Michael Hudson dafür, Schulden bei Banken nicht zurückzuzahlen. Hudson, geboren 1939, lehrt Wirtschaftswissenschaften an der University of Missouri in Kansas City. Ein Gespräch über den Zustand der Weltwirtschaft und die Rolle der Politiker und Banker.

Professor Hudson, weltweit ist das Wirtschaftswachstum gering. Wer ist verantwortlich für unsere stagnierende Ökonomie?
Keine Person, sondern ein Prozess. Und dieser Vorgang sieht so aus, dass es eine stetig wachsende Schuldenlast in den Ländern gibt. Sie ist mittlerweile so groß, dass es kaum noch die Möglichkeit gibt, die Schulden zurückzuzahlen. 2008 wurde der entscheidende Fehler gemacht. Die Regierung von Barack Obama entschied sich, die Banken zu retten. Es ging dabei nur darum, Banken und Anleihegläubigern Verluste zu ersparen – und nicht darum die Wirtschaft zu retten. Und das bedeutete, dass man keinen Schuldenschnitt macht, sondern die Schulden behält. Die Eigenheimbesitzer mussten ihre Hypothekenverbindlichkeiten allein stemmen. Das haben die Zentralbanken überall auf der Welt getan, sie retteten den Finanzsektor, die Schulden aber blieben. Sie sind unser heutiges großes Problem, durch sie wird die Deflation ausgelöst.

Und die Folgen?
Das Finanzsystem wird zusammenbrechen. Zugleich wird die Wirtschaft unter der Schuldenlast kollabieren. Das Wirtschaftswachstum kann die durch die Schulden verursachten Zinskosten nicht mehr begleichen. Die Banken zehren an der ökonomischen Substanz, worunter Produktion und auch der Konsum leiden werden.

Wie lässt sich die Schuldendeflation aufhalten?
Das Schlüsselwort ist Schuldenerlass. Das ist das wichtigste Gebot der Stunde. Dem Deutschland der Nachkriegszeit wurden ja auch alle inländischen Schulden im Zuge der Währungsreform gestrichen. Möglich ist es also. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen: das deutsche Wirtschaftswunder.

Und wenn nicht?
Zunächst einmal könnte die Eurozone auseinanderbrechen, einfach weil sie sich weigert, auf Wirtschaftswachstum zu setzen und stattdessen auf Austeritätspolitik setzt. Den verschuldeten Staaten bleibt nichts anderes übrig, als die Schulden über Lohn- und Rentenkürzungen zu begleichen. Man konnte schon nach dem Ersten Weltkrieg sehen, wo die Grenzen des Schuldendienstes liegen.

Lag es am Einfluss der Banken, dass dieser Weg gewählt wurde?
Ganz gewiss. Die Banken führten die Politik. Vor 1913 kontrollierte das Schatzamt die Wirtschaftspolitik, später jedoch übernahm das die Federal Reserve, die US-Zentralbank. Das bedeutete, dass man die Geldpolitik in die Hände von Banken legte – und sie den Händen der Regierung entriss. Hillary Clinton sagte ja noch vor der Wahl, als sie Goldman Sachs besuchte: Ihr wisst, wie die Wirtschaft funktioniert, ihr solltet sie führen. Die Idee, Banken die Geldpolitik ausführen zu lassen, hat eine klare Konsequenz. Die Politik von Banken ist es nun einmal, Schulden zu produzieren. Und Schulden drücken die Leistung der Wirtschaft nach unten. Die Idee, Geld für die Banken zu drucken, bedeutet zugleich, mehr und mehr Geld aus der Ökonomie rauszunehmen und die Depression zu verstärken.

Einer der großen Übeltäter 2008 war Ihrer Meinung nach der damalige US-Finanzminister Timothy Geithner.
Er ist der Übeltäter, der das Ganze losgetreten hat. Die Wurzel des ganzen Problems ist jedoch die Mentalität. Und Timothy Geithner teilt die Wall-Street-Mentalität wie eigentlich die ganze Obama-Regierung. Es geht hier also nicht um den Einzelnen, sondern die Denkweise aller.

Und wo stehen Europa und die USA im Vergleich?
Beide sind in schlechtem Zustand, allerdings steht die europäische Volkswirtschaft schlechter da, einfach weil man in den USA das Haushaltsdefizit erhöhen kann. In Europa geht das ja nicht. Hier ist die jährliche Neuverschuldung auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzt, aus diesem Grund werden die hiervon stark betroffenen europäischen Staaten wie Griechenland, Spanien oder Italien die Euro-Gruppe sprengen können.

Was erwarten Sie denn für die Zukunft?
Einen langsamen Zusammenbruch. Es wird nicht zu einer massiven Wirtschaftskrise kommen, sondern zu einem langsamen Abrutschen der Wirtschaftsleistung, runter, runter und runter wird es gehen.

Und die Weltwirtschaft?
Die Brics-Staaten, also die Schwellenländer, sind alle nicht in einem guten Zustand. In Brasilien wird durch die rechten Gruppen eine Privatisierung vorangetrieben, die zu mehr Armut führen wird. Auch Indien ist kurzatmig geworden. Die Brics-Staaten sind wirklich nicht gut drauf. In Russland hängt man immer noch neoliberalen Vorstellungen an, ich sehe dort keine große Chance auf Wachstum. Die einzige Hoffnung, die ich erkennen kann, ist China.

Woran liegt das? Ist es einzig der Einfluss von Ideen, also des Neoliberalismus?
Ja, in erster Linie. China bevorzugt eine gemischte Wirtschaft, was für neoliberale Vorstellungen grundsätzlich ausgeschlossen ist. Sie wollen einfach nur privatisieren. Das führt aber zu steigenden Lebenshaltungskosten.

Was wäre die Lösung? Zurück zum Keynesianismus?
Nein. Was Joseph Stiglitz empfiehlt, ist richtig. Man könnte Geld in die Wirtschaft pumpen, damit die Menschen ihre Schulden bezahlen können. Aber das ist nicht die endgültige Lösung. Sie besteht darin – die Menschen sprechen gewöhnlich nicht gerne darüber – die Schulden zu streichen. Im Jahr 2008 hat Präsident Obama versprochen, die Gewinnspannen für Spekulanten zu reduzieren, denn die Schuldenkrise basierte auf einem Exzess der Preise von Grundeigentum. Die Idee war, dass man die Schuldendienste runterfährt, welche Werte man damit auch immer verbunden hatte. Aber als Obama gewählt war, brach er Versprechen, die er in seiner Kampagne gemacht hatte und unterstützte nun die Wall Street, es gab keine Schuldenerleichterung. Für Europa und Amerika wäre es sehr wichtig, die private Verschuldung zu reduzieren.

Was bedeutet es für das Verhältnis von Deutschland und Griechenland, dass den Griechen Schuldenerleichterungen gewährt werden?
Es gibt keinen Weg, auf dem die Griechen ihre Schulden zurückzahlen könnten. Wenn sie die Steuern ständig erhöhen, wächst damit die Arbeitslosigkeit und die Armut, außerdem emigrieren rund 20 Prozent ihrer Bürger. Die fähige Bevölkerung verlässt das Land, um Arbeit zu finden. Die einzige Möglichkeit der Bürger, ihre Schulden zu begleichen, besteht in der Emigration. Aber je leerer das Land, umso härter wird es für den Rest, die Schulden zurückzuzahlen.

In Ihrem Buch spielt die weltweit wachsende Ungleichheit eine besondere Rolle. Welche Mittel gibt es gegen sie?
Man benötigt ein Modell für eine differenzierte Besteuerung. Die Mehrwertsteuer ist immer stärker gestiegen, die Steuern auf Grundeigentum und Finanzen hingegen sind sehr niedrig. Das Steuersystem ist sehr schlecht, es bevorzugt den Finanzsektor, das Grundeigentum, jedoch nicht den einfachen Bürger. Zudem benötigt man eine öffentliche Alternative für den Bankensektor, vor allem in den USA. Der Niedriglohnsektor ist in den USA derartig explodiert, das lässt sich mit Europa möglicherweise nicht einmal mehr vergleichen.

Interview: Michael Hesse

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