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Auch in der Krise Weltmacht Nr. 1

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Von: Stephan Kaufmann

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Der Staat investiert kräftig: US-Präsident Joe Biden spricht an einer U-Bahn-Baustelle in Los Angeles zur Arbeiter:innen.
Der Staat investiert kräftig: US-Präsident Joe Biden spricht an einer U-Bahn-Baustelle in Los Angeles zur Arbeiter:innen. © afp

Die Wachstumsschwäche trifft auch die USA - die Ursachen sind aber andere als im Rest der Welt. Washington bekämpft sie nach eigenem Ermessen. Alle anderen Staaten müssen folgen.

Der US-Bundesstaat Kalifornien gilt als „Golden State“ – zurecht. Seine Wirtschaftsleistung übertraf bereits 2015 die von Frankreich, 2017 wurde Großbritannien überholt und dieses Jahr dürfte Deutschland an der Reihe sein. Kalifornien ist ein Symbol für die ökonomische Stärke der USA, die sich selbst in der aktuellen Krise zeigt. Zwar schrumpfte auch das amerikanische Bruttoinlandsprodukt und die Inflationsrate ist sehr hoch. Die Ursachen dafür sind jedoch größtenteils hausgemacht und die Strategien gegen die Krise setzt Washington nach eigenem Ermessen – der Rest der Welt muss folgen.

Zentrales ökonomisches Thema im Vorfeld der Midterm-Wahlen in den USA ist die hohe Inflationsrate, die zuletzt bei 8,2 Prozent lag. Im Gegensatz zu Europa sind daran allerdings weniger die Energiepreise schuld – die USA produzieren mehr Gas und Öl, als sie selbst brauchen, im Land liegen die Preise deutlich niedriger als in Europa. Ursache der hohen Inflationsrate ist vielmehr eine außerordentliche Stärke der US-Wirtschaft, die die Regierung in Washington in den vergangenen Jahren massiv angefeuert hat.

Auf die Coronakrise hatten die USA deutlich aggressiver als alle anderen Industriestaaten reagiert: Das Haushaltsdefizit verdreifachte sich 2020 und 2021 auf durchschnittlich 10,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im ersten Jahr der Pandemie wurde ein Programm von über 900 Milliarden Dollar aufgelegt, ein zweites Paket im Jahr darauf war mehr als doppelt so groß. Die staatliche Unterstützung für Haushalte, Unternehmen und Konjunktur „ähnelte weniger normalen Anti-Rezessions-Maßnahmen, sondern hatte eher Ausmaße wie im Zweiten Weltkrieg“, schrieb dazu der Ökonom Lawrence Summers in der „Washington Post“.

Inflationsrate in den USA.
Inflation in den USA © Finanzen.net/FR

Dies trieb die zahlungsfähige Nachfrage in die Höhe, was einerseits zu einer „erstaunlichen Erholung“ der US-Wirtschaft führte, so die Zentralbank Fed. Laut Berechnungen der Allianz waren die USA 2021 das einzige Industrieland der Welt, dem es gelang, seinen Anteil am globalen Vermögen zu erhöhen – auf 47 Prozent. Gleichzeitig jedoch gab dieser Boom den Unternehmen die Gelegenheit, ihre Preise zu erhöhen. Laut einer Fed-Schätzung ließen die Staatshilfen allein bis Ende 2021 die Inflationsrate um zusätzliche drei Prozentpunkte steigen.

US-Wirtschaft: Gestiegene Löhne und wenig Arbeitslosigkeit

Im Ergebnis ist die US-Wirtschaft nun einerseits stark – die Löhne stiegen zuletzt mit Jahresraten von sieben Prozent, die Arbeitslosigkeit ist extrem niedrig und der Anteil der Unternehmensgewinne am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist so hoch wie seit den 1940er Jahren nicht mehr. Die privaten Haushalte verfügen noch immer über rund zwei Billionen Dollar Ersparnisse, die Unternehmen haben sogar 2,8 Billionen liquide Mittel. Gleichzeitig aber ist die Inflation hoch und die Wirtschaft tritt auf der Stelle.

Die US-Zentralbank hat daher reagiert: Sie erhöhte die Leitzinsen drastisch und wird nächste Woche einen weiteren Zinsschritt tun. Damit verteuert sie Kredite und lässt das Wirtschaftswachstum sinken – das ist der für Zentralbanken übliche Weg, als überschüssig bewertete Nachfrage zu senken, um die Inflation zu drücken. Das führt kurzfristig zwar zu Wachstumseinbußen. Diese dürften aber zum einen milde ausfallen und zum anderen die Basis für den Aufschwung legen: In einer Umfrage der Finanzagentur Bloomberg unter Großinvestoren waren knapp 70 Prozent davon überzeugt, die USA würden die aktuelle Krise am besten überstehen – auch weil das Land über ausreichend und billige Energieressourcen verfügt.

USA: Neue Phase des „Dollar-Zyklus“

Damit ist der Rest der Welt in eine neue Phase des globalen „Dollar-Zyklus“ geraten: Zinserhöhungen in den USA ziehen Kapital in die Vereinigten Staaten, deren Dollar ohnehin als sicherer Hafen geschätzt wird und der stark aufgewertet hat. Um Kapitalabfluss und Währungsabwertungen – wie jüngst in Großbritannien – zu verhindern oder abzumildern, müssen alle anderen Währungsräume mit deutlichen Zinserhöhungen nachziehen. Das schädigt zwar ihre Ökonomien und Konjunkturen. Aber die Konkurrenz zum starken Dollar lässt ihnen keine Wahl. „Er ist unsere Währung – aber euer Problem“, sagte bereits 1971 der damalige US-Finanzminister John Conally.

Für viele ärmere Länder bedeuten die steigenden Zinsen die Gefahr einer Pleite. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) befindet sich ein Viertel von ihnen in akuter Gefahr oder musste sich vom IWF bereits stützen lassen. Diese Gefahr droht in Europa zwar nicht. Doch musste die britische Regierung vergangene Woche unter dem Druck der Finanzmärkte bereits Konjunkturpakete streichen.

In der Eurozone wiederum wird die Zentralbank am Donnerstag die Zinsen deutlich erhöhen, obwohl die Wirkungen der Zinserhöhungen gefürchtet werden. Denn zum einen fressen die hohen Energiepreise die Kaufkraft der Konsumenten, was die Wirtschaft schrumpfen lässt: „Es gibt kaum noch Zweifel“, meldete die Commerzbank diese Woche. „Der Euroraum befindet sich in der Rezession“ – die durch die Zinserhöhung vertieft werden wird. Zum anderen ist kaum ersichtlich, wie steigende Zinsen Europas Problem hoher Energiekosten lösen könnte – ein Problem, das die USA schlicht nicht haben.

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