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Vor einer Wechselstube in Ankara stehen Geschäftsmänner und wollen ihre US-Dollar in türkische Lira umtauschen. Präsident Erdogan hatte dazu aufgerufen, Fremdwährungen einzutauschen.

Türkei

"Die Wirtschaft steht nicht unter Terror-Verdacht"

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Handelskammerchef Frank Kaiser spricht in der FR über den Verfall der Lira und die Situation deutscher Unternehmer in der Türkei.

Die Türkei befindet sich nach den Worten ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in einem „Wirtschaftskrieg“ – vor allem gegen die USA. Amerikanische Strafzölle auf türkische Stahl- und Aluminiumlieferungen hatten am Freitag und Montag den Wert der Landeswährung Lira abstürzen lassen. Hintergrund ist ein Streit zwischen Washington und Ankara über das Schicksal eines US-Pastors, der wegen Terror-Vorwürfen in der Türkei festgehalten wird. Die Erschütterungen der türkischen Volkswirtschaft lassen auch deutsche Unternehmen nicht kalt, die zu den größten Auslandsinvestoren im Land gehören. Ein Gespräch mit Frank Kaiser, dem Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.

Herr Kaiser, die türkische Landeswährung Lira befindet sich im freien Fall, die Inflation ist außer Kontrolle geraten. Wie ist die Stimmung in der Geschäftswelt, insbesondere in der deutsch-türkischen?
Die Unternehmen sind angesichts der jüngsten Entwicklungen besorgt, aber nicht panisch. Das gilt auch für die rund 7000 deutschen Firmen, die hierzulande aktiv sind. Sie warten ab, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Die Lira verliert bereits seit geraumer Zeit gegenüber Euro und Dollar kontinuierlich an Wert. Aber der extreme Absturz um ein Fünftel liegt erst ein paar Tage zurück. Es ist zu früh zu sagen, welche Auswirkungen das haben wird.

Vor wenigen Jahren galt die Türkei noch als Boom-Land, oft war von Goldgräberstimmung die Rede. Wer als deutscher Konzern oder Mittelständler keine Tochterfirma oder kein Joint-Venture in der Türkei gegründet hatte, musste sich fragen lassen, ob er etwas falsch macht. Seit dem gescheiterten Putschversuch von 2016 verändert sich das Land grundlegend, Präsident Erdogan agiert zunehmend autokratisch. Verliert die deutsche Wirtschaft die Lust an der Türkei?
Wir beobachten in der Tat seit einigen Jahren stark rückläufige Direktinvestitionen deutscher Firmen. Es gibt allerdings sehr unterschiedliche Wahrnehmungen: Diejenigen Unternehmen, die noch nicht hier sind, sind deutlich zögerlicher geworden. Die Firmen hingegen, die bereits in der Türkei Geschäfte machen, tun das in der Regel weiterhin erfolgreich. Sie glauben an den türkischen Markt.

Kann der Lira-Verfall die Geschäfte nachhaltig trüben?
Wenn die Währung kontinuierlich an Wert verliert, können sich ausländische Unternehmen in ihren Planungen darauf einstellen. Problematisch sind extreme Ausschläge wie jener, den wir gerade erlebt haben.

Warum? 
Es gibt hier in der wirtschaftspolitischen Diskussion ein Mega-Thema, das ist das riesige Leistungsbilanzdefizit des Landes. Die Türkei importiert viel mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland, als sie exportiert. Das Defizit ist zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass es hier zu wenig Wertschöpfungstiefe gibt. Das gilt zum Beispiel für den Maschinen- oder Automobilbau: Viele Vorprodukte, insbesondere technisch anspruchsvolle, müssen aus dem Ausland angeliefert werden. Die Abrechnung dafür erfolgt in Euro oder Dollar. Verliert die Lira gegenüber diesen Währungen massiv an Wert, schmälert das den Gewinn der hier tätigen Unternehmen, sofern sie vor allem für den heimischen Markt produzieren. 

In welcher Form bekommen der ganz normale Mann und die ganz normale Frau auf der Straße den Währungsverfall zu spüren?
Viele Importwaren werden teurer – ganz egal, ob es sich um Elektronik aus Asien, Käse aus Frankreich oder Autos aus Deutschland handelt. Beim Benzin versucht der Staat gegenzuhalten, indem er die Steuern senkt. Das schlägt natürlich auf den Staatshaushalt durch. Eine Kollegin erzählte neulich, dass sie hier in Istanbul eine lange Menschenschlange vor der Boutique einer französischen Luxusmarke gesehen habe. Der Laden hatte mit festen Lira-Preisen geworben, das zog offenbar im großen Stil zahlungskräftige Einheimische und Touristen an. Ich selbst kann bisher noch nicht feststellen, dass Geschäfte im Alltag vermehrt in Euro oder Dollar statt in Lira abgewickelt werden. Wenn Häuser verkauft oder Wohnungen vermietet werden, sieht man häufiger Preise in Fremdwährungen. Sonst aber eher nicht.

Als Reaktion auf die US-Sonderzölle auf Stahl- und Aluminium hat die Türkei gerade zusätzliche Zölle auf US-Produkte verhängt, und zwar auf Autos, alkoholische Getränke sowie Tabak- und Kosmetikprodukte. Welche Auswirkungen wird das haben?
Die praktischen Auswirkungen dürften begrenzt sein. Gleichwohl wird solch ein Handelskrieg am Ende nur Verlierer hervorbringen.

Es heißt, die ökonomische Misere in der Türkei sei hausgemacht. Was genau ist schiefgelaufen in den vergangenen Jahren?
Die Regierung hat in den vergangenen Jahren durchaus versucht, das Leistungsbilanzdefizit in den Griff bekommen. Zum Beispiel durch die gezielte Förderung von ausländischen Direktinvestitionen. Aber das allein reicht natürlich nicht. Ein großes Problem ist, dass man das Vertrauen der ausländischen Geschäftswelt in die Unabhängigkeit der Zentralbank und den Rechtsstaat dringend stärken muss. Die Zentralbank hat durchaus lange Zeit erfolgreich versucht, mit ihrer Geldpolitik die Lira einigermaßen stabil zu halten, ohne die Wirtschaft durch zu hohe Zinsen abzuwürgen. 

Mit „man“ meinen Sie Präsident Erdogan?
Ich will das nicht an einer einzigen Person festmachen und halte es für sinnvoller, nach Lösungen anstatt nach Schuldigen zu suchen. Es war ja auch die gleiche Regierungspartei, die für ihre Wirtschaftspolitik Anfang des Jahrtausends gelobt wurde. Es steht aber fest, dass es den Märkten an Vertrauen fehlt, was vor fünf oder sechs Jahren noch nicht der Fall war. 

In der Türkei sind seit dem Putschversuch im großen Stil Oppositionelle, Intellektuelle und Journalisten inhaftiert worden, etliche Staatsdiener verloren ihre Jobs. Wie ist es um die Rechtssicherheit  im Wirtschaftsleben bestellt?
Die Wirtschaft steht nicht unter Terror-Verdacht. Wenn es um Wirtschafts- oder Verwaltungsrecht geht, würde ich sagen: Es gibt hier Rechtssicherheit. Mir ist bisher noch nicht zu Ohren gekommen, dass ein Unternehmen Schwierigkeiten bekommen hätte, wenn es juristisch einen Vertrag durchsetzen oder etwa eine Baugenehmigung bekommen will. In diesen Fällen kommen die Gerichte und Behörden ganz normal ihren Aufgaben nach und wenden das Recht an, das im Gesetzbuch steht.

Interview: Thorsten Knuf

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