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Die Armut in Deutschland steigt weiter. Viele Menschen sind auf eine warme Suppe von Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen.

Armutsbericht

Wirtschaft boomt, Armut steigt

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Der Anteil armer Menschen in Deutschland wächst - zu diesem Schluss kommt der Paritätische Gesamtverband im aktuellen Armutsbericht.

In Deutschland lebten 2015 12,9 Millionen Menschen unterhalb der statistischen Armutsschwelle. Der Anteil armer Menschen an der Gesamtbevölkerung wuchs im Vergleich zum Vorjahr um 0,3 Punkte auf 15,7 Prozent. Das ist die höchste Quote, die seit der deutschen Vereinigung 1991 je festgestellt wurde.

Die Zahlen basieren auf Berechnungen des Paritätischen Gesamtverbands, der für seine jährlichen Armutsberichte seit 2005 die Mikrozensusdaten des Statistischen Bundesamts auswertet. Mit den aktuellen Ergebnissen setzt sich ein langjähriger Trend fort. 2005 hatte die Armutsquote noch bei 14,7 Prozent gelegen und war seither mit wenigen Unterbrechungen in fast jedem Jahr gestiegen.

Andere Zahlen bestätigen den Trend

Die Zahlen bestätigen die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) publizierte Erkenntnis, wonach etwa ein Fünftel der Bevölkerung von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt ist.

Zwar hat sich die Arbeitslosigkeit seit 2005 fast halbiert, die Wirtschaft ist trotz der Finanzkrise kräftig gewachsen und das private Bruttogeldvermögen mehrte sich seit 2005 um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr und erreichte 2015 sagenhafte 5490 Milliarden Euro.

Zugleich aber stieg der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen) zur Verfügung haben und somit als arm gelten. „Volkswirtschaftliches Wachstum schlägt sich leider schon seit langem nicht mehr in sinkender Armut nieder“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider.

Im Zehnjahresvergleich wird deutlich, dass dies nicht für Gesamtdeutschland zutrifft. Mit Ausnahme Berlins ist der Armenanteil in den östlichen Bundesländern seit 2005 merklich zurückgegangen. Am kräftigsten ging der Anteil in Brandenburg zurück, von 19,2 auf 16,8 Prozent. Während die Quote in Bayern (zuletzt 11,6 ) und Hamburg ( 15,7 ) fast unverändert blieb, stiegen die Armutsquoten in allen anderen Westländern an, darunter auch in wohlhabenden wie Hessen, wo es ein Plus von 1,7 Punkten auf 14,4 Prozent gab.

Besonders negativ verlief die Entwicklung seit 2005 in Bremen, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Mit einer weit überdurchschnittlichen Armutsproblematik hat die Hauptstadt Berlin zu kämpfen. Dort wurde 2005 eine Quote von 19,7 Prozent registriert, 2015 waren es 22,4 Prozent. Schneider spricht mit Blick auf diese Länder von „armutspolitischen Problemregionen“. Vor diesem Hintergrund könne von einem Ost-West-Gefälle heute nicht mehr die Rede sein, so der Verbandschef.

Bleibt die Frage, ob die zugrundeliegende Armutsdefinition wirklich aussagekräftig ist. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hatte dies im vergangenen Jahr verneint: Es handele sich lediglich um relative, am mittleren Einkommen orientierte Armut.

Steige das Medianeinkommen stärker als die unteren, nehme die Armut statistisch zu, obwohl die Betroffenen real mehr Geld in der Tasche hätten als zuvor. Außerdem berücksichtige die Orientierung am bundesweiten Medianeinkommen regional unterschiedliche Lebenshaltungskosten nicht. Überdies würden Personengruppen wie Studenten als arm erfasst, die faktisch zu den Bessergestellten zählten.

Schneider räumt dies zwar ein, verweist aber auf Bevölkerungsgruppen wie Obdachlose, in Heimen untergebrachte Behinderte und Pflegebedürftige, die allesamt nicht in die Armutsstatistik eingingen.

„Wir haben es also keineswegs mit einer Überschätzung und Dramatisierung der tatsächlichen Situation zu tun, sondern im Gegenteil mit einer Unterschätzung.“ Auch die Kritik an der am bundesweiten Medianeinkommen orientierten Armutsdefinition weist Schneider zurück.

Würde man zum Beispiel für Berlin nur das mittlere Einkommen der ansässigen Haushalte zugrunde legen, so käme die Hauptstadt auf eine Armutsquote von nur 15,3 Prozent, obwohl dort die Hartz-IV-Quote bei fast 20 Prozent und somit mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt liege. Betrachte man besondere soziale Problemviertel wie Wedding, verschwinde die Armut, so Schneider, denn: „In einem Armenhaus gibt es keine relative Armut.“

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