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Berliner Gastronomen der nach eigenen Angaben unabhängig und privat organisierten Initiative „Leere Stühle“ haben fast 800 Stühle vor dem Brandenburger Tor aufgestellt, um auf die schwierige Lage ihrer Branche hinzuweisen. 

Gastronomie

Wirte dringen auf Neustart

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Branchenvertreter präsentieren ein Schutzkonzept und fordern in einem offenen Brief an Kanzlerin Merkel einen Rettungsfonds.

Wir kennen sie aus ihren TV-Kochshows. Tim Mälzer, Frank Rosin oder Tim Raue. Die Corona-Pandemie hat ihre Haupttätigkeit in ihren Restaurantküchen unmöglich gemacht. Sie wollen, dass dort bald wieder gebrutzelt und geschmort wird. Bei der Bund-Länder-Konferenz in der kommenden Woche soll darüber diskutiert werden.

Ein Wirtschaftszweig versucht, den Druck auf die Politik zu erhöhen: Aus Protest gegen die erzwungenen Schließungen wurden am Freitag überall in Deutschland leere Stühle vor Restaurants, Cafés und Bars gestellt. Und Mälzer, Rosin, viele andere Restaurantchefs, Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro, sowie Dutzende Manager aus der Branche initiierten die Kampagne #restartgastro. Ein Brief wurde an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geschickt. Und eine Internet-Petition für einen zügigen und „achtsamen Neustart“ gestartet. Der 4. Mai soll der Tag für den Einstieg in den Exit werden. Treibende Kraft ist der Großhandelsverband Foodservice, dessen Mitglieder die Wirte mit Nahrungsmitteln beliefern.

Die Branche hat es durch die Kontakt-Beschränkungen besonders heftig gebeutelt. Seit dem 23. März sind die Gaststuben geschlossen. Speisen und Getränke dürfen nur noch außer Haus verkauft werden. Die Einnahmeeinbußen sind immens. Und viele Betriebe verfügen über keine finanziellen Reserven, weil sie auch schon vor dem Lockdown kaum etwas verdienten. Seit Wochen warnen Lobbyisten, dass ein großer Teil der rund 220 000 Gastronomiebetriebe in Deutschland mit etwa 2,4 Millionen Beschäftigten „einem existenziellen Risiko ausgesetzt“ seien.

Zwar hat sich die große Koalition in dieser Woche auf Steuererleichterungen verschiedener Art geeinigt. Aber der wichtigste Punkt, die Herabsetzung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf sieben Prozent, wird erst wirksam, wenn die Lokale wieder eröffnet werden. In dem Brief an Merkel versprechen Mälzer, Raue und Co. beim „Neustart einer verantwortungsbewussten Gastronomie“, Schutzkonzepte umzusetzen, die „weit über 1,5 Meter Abstandsregelungen“ hinaus gehen – dafür müssen die Wirte die Zahl der Tische deutlich reduzieren. Unter anderem sollen überdies Desinfektionsspender am Eingang und auf den Toiletten bereit stehen sowie Plexiglaswände aufgestellt werden. Das Personal soll Schutzmasken tragen. Auch die Aufenthaltsdauer der Gäste könne beschränkt werden, um die Infektionsgefahr zu mindern und die Frequenz in Lokalen zu erhöhen.

Wahrscheinlich werden einige dieser Anregungen auch beim Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer am nächsten Donnerstag diskutiert. Der Wirtschaftsminister aus NRW, Andreas Pinkwart (FDP), will bis dahin mit seiner Kollegin aus Baden-Württemberg, Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), und dem niedersächsischen Ressortchef Bernd Althusmann (CDU) ein Konzept für eine abgestufte Öffnung der Gastronomie vorlegen. Ziel ist, dass es am 4. Mai wieder losgehen kann. Ob die Ideen des Trios durchsetzbar sind, ist sehr fraglich. Merkel hat bereits deutlich gemacht, dass frühestens eine Woche später, beim Treffen am 6. Mai, über weitere Lockerungen entschieden werden könne – da erst dann erkennbar sei, welche Folgen die Wiedereröffnung der Einzelhandelsgeschäfte gezeitigt habe.

Auch ein anderer wichtiger Akteur zeigt sich skeptisch: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Ein Mundschutz im Lokal sei „sinnwidrig“ – er meint für die Gäste. Und wenn Alkohol ins Spiel komme, könne es auch mit dem Abstandhalten schwierig werden. Entscheidungen müssten aufgrund belegbarer Zahlen getroffen werden. Und dabei verweist er auf Österreich, wo die Gastronomie Mitte Mai wieder loslegen soll, die Nachbarn seien Deutschland in der Pandemie etwa zwei Wochen voraus. Das deutet darauf hin, dass Söder eher einen Neustart für frühestens Ende Mai oder Anfang Juni im Auge hat.

Das dürfte bei den Promi-Köchen und ihren Mitstreitern auf heftige Kritik treffen. In ihrem Brief an Merkel warnen sie schon vorsorglich: Sogar bei einer zeitnahen Öffnung sei davon auszugehen, dass eine Rückkehr zur Wirtschaftlichkeit nicht sofort möglich ist. Denn wer nur eine reduzierte Zahl von Tischen besetzen könne, „fährt dauerhaft Umsatzverluste“. Deshalb macht sich die Restart-Gastro-Initiative auch dafür stark, dass in jedem Fall auch noch ein staatlicher Rettungsfonds mit direkten Finanzhilfen kommen muss.

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