Bilanzskandal

Wirecard sucht 1,9 Milliarden Euro

  • Thomas Magenheim-Hörmann
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Philippinische Banken bestreiten Existenz von Konten. Vorstandschef Braun tritt zurück.

Er ist Mitgründer und mit sieben Prozent Anteil größter Aktionär des tief gefallenen Zahlungsdienstleisters Wirecard. Jetzt ist Markus Braun mit sofortiger Wirkung vom Amt als Vorstandschef zurückgetreten. Er wolle die Zukunft des Unternehmens nicht belasten und stelle sich seiner Verantwortung als Vorstandschef, erklärte der Österreicher.

Nach jüngster Eskalation um vermutete Bilanzmanipulationen hatten am Konzern beteiligte Fondsgesellschaften und Aktionärsschützer seinen Rücktritt gefordert. Zum Übergangschef von Wirecard wurde der 49-jährige James Frei bestimmt. Der war erst tags zuvor im neu geschaffenen Ressort Integrität, Recht und Gesetz neu in den Vorstand aufgestiegen.

Als Technologieexperte hatte Braun das Unternehmen im September 2018 nur 16 Jahre nach seiner Neugründung in den Dax geführt, aus dem es demnächst wieder zu fallen droht. Denn die Marktkapitalisierung ist nach drastischen Kursstürzen zwei Tage in Folge mittlerweile unter drei Milliarden Euro gesunken, womit binnen 48 Stunden über neun Milliarden Euro Firmenwert vernichtet wurden.

Gravierende Zweifel gibt es mittlerweile an der Existenz von gut 1,9 Milliarden Euro, die Wirecard auf philippinischen Treuhandkonten verortet hat. Die Summe entspricht einem Viertel der Konzernbilanzsumme. Bezweifelt wurde die Existenz der Gelder von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die Wirecard deshalb das Testat für den Geschäftsbericht 2019 verweigert hatte. Die philippinische Bank BDO Unibank hat inzwischen bestritten, für Wirecard jemals Treuhandkonten geführt zu haben. Dort sollte eigentlich mit gut 1,1 Milliarden Euro das Gros der Treuhandgelder ruhen.

Das Institut hat erklärt, dass ein Mitarbeiter falsche Bestätigungen für das Treuhandkonto ausgestellt hat. Auch die zweite in Frage stehende philippinische Bank BDI hat Bestätigungen über Treuhandkonten als Fälschung bezeichnet. Damit könnten auch die diesem Institut zugeordneten gut 800 Millionen Euro nicht existieren.

BDO ist die größte Bank der Philippinen. Beide Institute verfügen über Ratings der Stufe Investment-Grade, dürfen also als seriös gelten.

Die dort von Wirecard deponierten Gelder dienen als Sicherheit für bargeldlosen Geldtransfer zwischen Kunden und Händlern, für den Wirecard technologisch sorgt. Ist das Konto eines Verbrauchers für gekaufte Waren oder Dienste nicht gedeckt, springt das Treuhandkonto ein, das dem Vernehmen nach von einer philippinischen Anwaltskanzlei eingerichtet worden ist.

„Wir können noch nicht absehen, ob es die 1,9 Milliarden Euro gibt“, sagte ein Insider aus dem Umfeld von Wirecard. Das zu klären, ist nun eine Hauptaufgabe des neuen Konzernchefs. Freis ist Rechtsanwalt und hat die US-Regierung mehrere Jahre lang bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminellen beraten.

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