Insolventer Zahlungsdienstleister

Wirecard-Mitarbeiter gründen Betriebsräte

  • Thomas Magenheim-Hörmann
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Beschäftigte hoffen auf Erhalt vieler Jobs.

Zumindest bei anstehenden Kündigungen oder der Ausarbeitung von Sozialplänen wollen sie noch mitreden. Deshalb haben Mitarbeiter des insolventen Skandalkonzerns Wirecard jetzt erste Betriebsräte für Tochterfirmen gegründet. Darunter ist mit der Wirecard Bank AG auch ein nicht insolventer Teil des Zahlungsdienstleisters, der diesen Freitag aus dem Dax geworfen wird. Insgesamt drei Wirecard-Töchter haben am Donnerstag einen Betriebsrat gewählt. Drei weitere kommen voraussichtlich nächsten Dienstag dazu, sagt der bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für Fintechs zuständige Kevin Voss. Am 28. August stehe dann auch die Wahl eines Betriebsrats für den Wirecard-Dachkonzern auf der Tagesordnung.

Damit hätten dann alle rund 1500 hierzulande im Pleitekonzern Beschäftigten eine solche Vertretung. Sie erhoffen sich davon bessere Chancen auf Mitsprache in der Abwicklung des Insolvenzfalls und damit für die Zukunft ihrer Arbeitsplätze, erklärt Voss. Falls der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe, wie zuletzt angekündigt, das real existierende Wirecard-Kerngeschäft als Ganzes verkaufen kann, könne voraussichtlich ein Drittel der heimischen Arbeitsplätze gerettet werden, schätzt der Verdi-Experte. Bei einer Zerschlagung in Einzelteile wären es deutlich weniger. Als für Käufer interessant gilt die Wirecard-Technologie.

Dax-Neuling

Der Essenslieferdienst Delivery Hero wird ab Montag im Deutschen Aktienindex (Dax) gehandelt. Das Unternehmen ersetzt den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard. Der Anlagenbauer Aixtron wiederum steigt für Delivery Hero in den M-Dax auf. Seinen Platz im S-Dax übernimmt der Baumarkt Hornbach. Im Tec-Dax für Technologiewerte ist ab Montag das Technikunternehmen LPKF Laser & Electronics anstelle von Wirecard gelistet.

Mit Delivery Hero steigt ein Berliner Internetkonzern in den Dax auf, der erst 2017 an die Börse ging und dabei mit einem Schlag knapp eine Milliarde Euro einnahm. Der Online-Lieferdienst aus der Start-up-Schmiede Rocket Internet wurde 2011 gegründet und ist nach eigenen Angaben weltweit in über 40 Ländern mit rund 25 000 Mitarbeitern aktiv. (afp)

Hierzulande ist es sehr ungewöhnlich, ohne Betriebsrat in den Dax aufzusteigen, wie das bei Wirecard der Fall war. „Es hat in den letzten Jahren zwei Initiativen zu einer Gründung gegeben, die am Management gescheitert sind“, erklärt Voss. Auch seitens der Belegschaft sei der Drang zu einer solchen Mitarbeitervertretung aber nicht groß gewesen. Hätten die Wirecard-Mitarbeiter überwiegend einen Betriebsrat und Mitbestimmung im Aufsichtsrat gefordert, gäbe es das heute schon, räumt Voss ein.

Bei Jungunternehmen aus dem Bereich Finanztechnologie sieht das überwiegend junge und oft gut bezahlte Personal vielfach Betriebsräte als veraltet an. Erst wenn Not am Mann ist, wie jetzt bei Wirecard, ändern sich die Einstellungen. Voss ist sich sicher, dass die Betrügereien und das Erfinden großer Teile des Asien-Geschäfts bei einem mitbestimmten Aufsichtsrat nicht so lange unentdeckt geblieben wäre. „Das wäre uns aufgefallen“, meint der Verdi-Experte.

Wirecard hat nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft alle in den Bilanzen seit mindestens 2015 ausgewiesenen Gewinne und große Teile des Umsatzes frei erfunden. Als erste Kontrollinstanz hat dabei der Wirecard-Aufsichtsrat versagt. Blind oder untätig blieben ferner Wirtschaftsprüfer und die Finanzaufsicht Bafin.

Als potenziell verkäuflich gelten bei Wirecard das Geschäft in Europa und den USA. Das Asien-Geschäft dagegen dürfte im Wesentlichen nur auf dem Papier existiert haben. Deshalb ist auch fraglich, ob für den Konzern wirklich weltweit 5800 Leute gearbeitet haben. Verdi weiß sicher nur von 1500 Mitarbeitern in Deutschland und einer unbekannten Anzahl von Beschäftigten anderswo in Europa und den USA.

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