Der Firmensitz von Wirecard in Aschheim bei München. rtr
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Der Firmensitz von Wirecard in Aschheim bei München.  

Betrugsverdacht

Wirecard: Geheimdienste, Söldner und Nervengift

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Der flüchtige Wirecard-Manager Jan Marsalek steht im Zentrum des Skandals. Er scheint mehr als nur ein Leben geführt zu haben.

Es gibt Geschichten, die man normalerweise zügig als Hirngespinst ad acta legt. Normal ist beim Pleitekonzern Wirecard aus Aschheim bei München aber wenig bis nichts. Wenn zudem die britische Zeitung „Financial Times“ (FT) etwas über den dringend des Betrugs verdächtigen Dax-Konzern und seine Manager schreibt, hat sich selbst Unglaublichstes zuletzt immer wieder bewahrheitet. Trifft das auch auf jüngste Kapitel der FT-Enthüllungen zu, hat der frühere Wirecard-Vorstand Jan Marsalek 2018 damit geliebäugelt, im Bürgerkriegsland Libyen eine 15 000 Söldner starke Miliz zu rekrutieren, um bei Grenzsicherung und Kontrolle afrikanischer Flüchtlingsströme mitzumischen. Zudem kennt der Manager dann die geheime Formel des russischen Nervengifts Novitschok.

Die FT verfügt über Dokumente, die beides beweisen sollen, kennt Zeugen und spricht von Kontakten Marsaleks in russische Geheimdienst- sowie Militärkreise. 2017 sollen die ihm zu einem Besuch der damals im syrischen Bürgerkrieg zurückeroberten Oasenstadt Palmyra verholfen haben. Das scheinen nicht die einzigen Kontakte dieser Art gewesen zu sein, die Marsalek gepflegt hat.

So hat die österreichische Zeitung „Die Presse“ enthüllt, dass der flüchtige Manager der rechtspopulistischen FPÖ Material des österreichischen Inlandsgeheimdienstes zukommen ließ. Der 40-jährige Ex-Vorstand selbst hat voriges Jahr in München bei einer Zeugenvernehmung ausgesagt, über gute Kontakte zu einer ausländischen Regierung zu verfügen, die er nutze um einer Verschwörung gegen Wirecard nachzuspüren.

Im Konzern sei er nicht nur für dessen operative Geschäfte, sondern auch für die Feindaufklärung zuständig, erklärte der Österreicher damals. Dementiert haben er und Wirecard dagegen, einen ehemaligen libyschen Geheimdienst-Offizier in Marsch gesetzt zu haben, um FT-Journalisten und Spekulanten auszuspähen. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse dieser Observation bei Wirecard gelandet, was der Konzern zu einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München wegen illegaler Marktmanipulation zum Schaden des Konzerns genutzt hat.

Strikt getrennt waren die beiden Welten, in denen Marsalek sich offenbar bewegt hat, nach all diesen Erkenntnissen aber eher nicht. Auf der einen Seite war der Anzugträger zehn Jahre lang Wirecard-Vorstand und rechte Hand von Konzernboss Markus Braun. Dem Duo werden Schlüsselrollen in der Affäre um verschwundene oder erfundene 1,9 Milliarden Euro und Scheinumsätze in Wirecard-Bilanzen zugesprochen. Der kurzzeitig inhaftierte Braun ist gegen fünf Millionen Euro Kaution auf freiem Fuß, wogegen Marsalek seit Wochen als flüchtig gilt.

Kontakte in die Halbwelt von Geheimdiensten könnten auf der anderen Seite erklären, wie es ihm bislang gelungen ist, spurlos von der Bildfläche zu verschwinden und falsche Fährten zu legen. Berührungspunkte zu fragwürdigen Milieus könnte es auch in den Wirecard-Geschäften gegeben haben. Denn der Konzern steht seit Jahren unter Geldwäscheverdacht.

Die Münchner Staatsanwaltschaft bestätigt, dass es deswegen Anzeigen gegeben habe und in dieser Sache ebenfalls ermittelt wird. Nach einem Rechtshilfeersuchen aus den USA hätten Münchner Ermittler deshalb 2015 die Wirecard-Zentrale durchsucht, hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) erfahren. Wirecard soll in den USA an einem Zahlungssystem für den illegalen Versand von Marihuana beteiligt gewesen sein, berichten US-Medien.

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