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Wird Bio banalisiert?

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Ökologisch hergestellte Lebensmittel erobern Supermärkte und Discounter. Darüber freuen sich nicht alle in der Branche ? sie sehen im Erfolg auch eine Bedrohung.

War das der Sündenfall? Oder nur ökonomisch und ökologisch konsequent? Wie auch immer: 2018 hat die Vermarktung ökologisch erzeugter Lebensmittel eine Zäsur erfahren. Denn zunächst verkündete mit Naturland einer der großen deutschen Anbauverbände die Zusammenarbeit mit dem Supermarktkonzern Rewe. Dann zog der Anbauverband Bioland die Aufmerksamkeit auf sich, als er einen Vermarktungsdeal mit dem Discounter Lidl verkündete. Die großen Anbauverbände auf Augenhöhe mit den marktbeherrschenden Lebensmittelhändlern?

Seither rätselt die Öko-Gemeinschaft über die Motive, denn die Discounter stehen nun mal unter einem klassischen Verdacht: „Das riecht nach Preisdruck auf Bauern und Erzeuger und hat mit dem Bio-Gedanken nichts mehr zu tun“, beklagt der Chef eines hessischen Bio-Supermarkts, Mario Blandamura, in der Öko-Zeitschrift „Schrot und Korn“.

Doch wo blieb der Aufschrei der umweltbewegten Ökos? „Nicht einmal ein Shit-Windchen“ habe er in den sozialen Medien vernommen, wundert sich der Fachautor Leo Frühschütz im aktuellen „Kritischen Agrarbericht“, um sogleich die Rechtfertigung von Bioland-Chef Jan Plagge zu zitieren: Lidl habe den Verband „sehr glaubhaft“ von der „Nachhaltigkeitsstrategie“ des Discounters überzeugt. Gehört also Lidl jetzt zu den Guten? Wächst zusammen, was nicht zusammen gehört? Oder beugt sich Bioland nur der Macht des Faktischen, indem der Verband noch rechtzeitig auf einen Zug aufzuspringen versucht, der seit langem in Richtung Konventionalisierung von Bio-Produkten rattert? 

Denn von den zehn Milliarden Euro, die deutsche Kunden für Öko-Produkte übrig haben, geben sie schon heute rund 60 Prozent im Supermarkt oder Discounter aus. Beide Verkaufswege weisen zudem – im Vergleich zu Naturkostläden – die weit größeren Zuwächse auf als andere Vertriebskanäle. Zuletzt kletterten im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel die Bio-Umsätze um 8,8 Prozent, während der Bioladen nur auf ein Plus von 2,2 Prozent kam. Der Absatz also wächst (europaweit) ungebremst, nur die Erzeugung hinkt hinterher. 

Das „Gespenst von der Konventionalisierung der Ökobranche geht um“, meint Alexander Beck, Geschäftsführer der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller. Denn das Wachstum, erläutert Beck im Kritischen Agrarbericht, „hat seinen Preis“ angesichts einer Entwicklung, in der die Biobetriebe immer größer und spezialisierter werden und Akteure aus dem konventionellen Lebensmittelhandel noch stärker in den Markt drängen. Bio entferne sich von „Regionalität“ und von geschlossenen Kreisläufen, zumal immer mehr Bio-Rohstoffe importiert werden müssen, auch aus Drittländern. Auch neue Akteure steigen ein, etwa Amazon: Der Handelsgigant kaufte 2017 mit Whole Foods die weltweit größte Biosupermarktkette. Lösen sich alte „Feindbilder“ auf, wenn auch hierzulande Discounter wie Lidl oder Kaufland zu neuen Partnern der Biobranche werden?

Eines der Hauptprobleme sieht Experte Beck in einer Begriffsverwässerung: Die Bezeichnung Bio galt einmal als Qualitätsmerkmal, als ein Sinnbild für tier- und naturgerecht erzeugte Lebensmittel, als Synonym für korrektes, faires und soziales Verhalten. Diese Inhalte verschwimmen. Denn der Markt werde zunehmend von Akteuren beherrscht, die sich am Endprodukt und seinem (ökonomischen) Wert orientieren – und nicht, so Beck, „am wirklichen Prozess seiner Herstellung“. Der „ganzheitliche Prozessansatz“, im Kreislauf der Natur zu arbeiten, gerate als einst zentrales Element des Verständnisses von Bioqualität in Vergessenheit.

Dies zeige sich etwa darin, dass der Lebensmittelhandel die Qualität von Bio-Erzeugnissen nicht am Entstehungsprozess bemisst, sondern anhand von Analysewerten. Alles, was einen kritischen Wert übersteige, werde gnadenlos aussortiert und sei als Bio nicht mehr vermarktbar. Vom wirtschaftlichen Schaden abgesehen: Beck betrachtet es als „Katastrophe“ und als „Diktatur der Illusion um die kleinste Zahl“, wenn in Bezug auf die Qualität von Bio „fast nur noch über Kontaminationen verhandelt wird“.

Die wiederum stammen, ob auf dem Acker, beim Transport oder im Handel, aus der konventionellen Lebensmittelerzeugung. Die Folge, wie sie der Lobbyist, Ökotrophologe und Nebenerwerbslandwirt Beck sieht: Positive Qualitätsmerkmale des Bioprodukts würden nur noch als „nice to have“, nicht aber mehr als wesentlich betrachtet.

Der Geschäftsführer eines Verbands, in dem mehr als 100 Öko-Hersteller (darunter Rapunzel, Andechser, Hipp, und Berchtesgadener Land) mit einem Jahresumsatz von mehr als vier Milliarden Euro organisiert sind, fordert deshalb alle Unternehmen in der Bio-Warenkette auf, ihre Verträge mit den Lieferanten daraufhin zu überprüfen,ob sie den Ansatz der Prozessqualität stützen oder „unterminieren“.

Ob solche Gedanken in den Konzernetagen von Lidl und Co. ankommen? Supermarktchef Blandamura glaubt nicht daran: „Ich unterstelle mal, dass einem Konzern regionale, kleinbäuerliche Strukturen egal sind.“

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