Automatisierung

Was wird mit den Armen?

  • schließen

Routinetätigkeiten werden noch massiver wegrationalisiert werden. Kaum diskutiert werden bislang die Folgen für die weltweite Arbeitsteilung.

Was wird mit den Armen?

Über die Folgen der Automatisierung

Von Tilman Altenburg

R oboter erledigen immer komplexere Arbeiten. In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren könnte die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze automatisiert werden. Geht uns die Arbeit aus? Fakt ist, dass es seit Beginn der Industrialisierung mehrfach größere Automatisierungsschübe gegeben hat. Bislang wurden die Arbeitsplatzverluste in einigen Branchen meist durch andere, neue Jobs wettgemacht. Einige Experten meinen, das werde auch in Zukunft so sein. Andere widersprechen. Es könnte dieses Mal schlimmer kommen, wegen der neuen Qualität digital vernetzter Systeme, die sich – dank künstlicher Intelligenz – weitestgehend selbst organisieren können; und wegen der globalen Reichweite einer digitalen Plattformökonomie, in der Oligopole wie Amazon und Co. Millionen kleiner Dienstleister ersetzen.

Meine Prognose: Routinetätigkeiten werden noch massiver wegrationalisiert werden. Zugleich entstehen neue Berufe an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, und es wird Bereiche geben, in denen menschliche Arbeit weiterhin als wertvoll gelten wird, etwa in der Pflege. Insgesamt aber werden die Anforderungen an die Arbeitsuchenden steigen – und für viele zu hoch sein.

In Deutschland und Europa hat eine dringend notwendige Debatte über die Zukunft der Arbeit begonnen: Wovon sollen Menschen leben, wenn es weniger Arbeit gibt? Brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen? Wie ist das finanzierbar, wenn es den globalen Oligopolen gelingt, sich der Besteuerung zu entziehen? Wie organisieren wir Sinn stiftende gesellschaftliche Teilhabe, wenn Lohnarbeit knapp wird?

Kaum diskutiert werden die Folgen für die weltweite Arbeitsteilung. Seit 1990 ist die Zahl der Armen (unter 1,25 US-Dollar pro Tag) von 1,9 Milliarden auf unter 800 Millionen gefallen – ermöglicht nicht zuletzt durch die Verlagerung von Fabrikarbeit nach Asien. Heute können Roboter Hemden nähen, Sportschuhe „drucken“ und Elektrogeräte montieren. Welche Entwicklungswege bleiben dann Ländern wie Bangladesch, die außer Lohnarbeit für Exportindustrien kaum eine Einkommensquelle haben? Wird der so erfolgreiche asiatische Weg, über Leichtindustrien zu Wohlstand zu gelangen, in Zukunft verschlossen bleiben? Es ist höchste Zeit, auch für die globalen Folgen der Automatisierung Lösungswege zu suchen.

Der Autor forscht am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik zu Strukturwandel.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare