Mobilfunkausbau - Telefónica unter Druck
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Der Chef von Telefónica Deutschland fordert, künftig auf die aufwendige Versteigerung von teuren Mobilfunkfrequenzen zu verzichten.

Mobilfunk

„Wir sind das Trampolin für die Digitalisierung“

  • Frank-Thomas Wenzel
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Markus Haas, Chef von Telefónica Deutschland, spricht über den Ausbau der Mobilfunknetze, Klimaschutz und den umstrittenen Konzern Huawei.

Für Markus Haas hat die Corona-Krise einige positive Erkenntnisse gebracht. Vor allem, dass flexibles Arbeiten im Homeoffice und die Etablierung von Video-Konferenzen funktionieren. Im Interview fordert der Chef von Telefónica Deutschland, künftig auf die aufwendige Versteigerung von teuren Mobilfunkfrequenzen zu verzichten.

Herr Haas, allenthalben werden jetzt Konjunkturprogramme gefordert. Was verlangen Sie?

Unser Unternehmen zeigt sich in der Krise sehr robust. Wir verbinden die Menschen in einer Zeit, in der Abstand das oberste Gebot ist. Darauf konzentrieren wir uns aktuell. In unserer Branche geht es mit Blick nach vorne vor allem um Themen, die auch schon vor der Krise akut waren: Wir benötigen für die sehr unwirtschaftlichen weißen Flecken bei der Breitbandversorgung auch ein Förderprogramm für den Mobilfunk. Bislang war die Förderung stark auf das Festnetz bezogen. Wichtig ist dabei vor allem, dass regulatorische Hürden schnell und konsequent beseitigt werden.

Mehr nicht?

Eine Lehre aus der Krise muss sein, dass wir alle unsere zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel konsequent für den Ausbau der digitalen Infrastruktur einsetzen. Und sie nicht zum großen Teil nutzen, um die Lizenzen zu erwerben. Das Rückgrat für die Digitalisierung Deutschlands sind Fest- und Mobilfunknetze – das hat sich in der Krise einmal mehr gezeigt. Es sollte in Zukunft keine Versteigerungen von Mobilfunk-Frequenzen mehr geben. Dadurch sind der Branche in den vergangenen Jahren viele Milliarden Euro entzogen worden, die sinnvoller in den Ausbau der Netze hätten investiert werden können. Rund 65 Milliarden Euro in den vergangenen 20 Jahren. Andere Vergabeverfahren sind sinnvoller. Natürlich würden wir auch in einem solchen Verfahren einen angemessenen Preis zahlen. Subventionen, Staatshilfe oder Kredite fordern wir nicht!

Das wäre auch schwer durchsetzbar. Ihre Branche profitiert doch von der Krise?

Wir gehen mit dem anlaufenden Ausbau der neuen 5G-Mobilfunktechnik in eine hochinvestive Phase. Das sind alles Mittel, die komplett in den Standort Deutschland fließen. Erst in den Jahren 2023/2024 steht die Verlängerung bestimmter Lizenzen für Mobilfunkfrequenzen an. Diese sollten allerdings so schnell wie möglich ohne eine Versteigerung durch einen einfachen Verwaltungsakt verlängert werden. Das hat man schon einmal gemacht und das würde Planungssicherheit auch für aktuell anstehende Ausbauinvestitionen schaffen.

Aber uneigennützig machen Sie das nicht. Sie wollen damit schon auch Geld verdienen?

Natürlich. Aber wenn uns kein Geld entzogen wird durch teure Versteigerungen, können wir hohe Investitionen für 5G und für ambitionierte Ausbauziele besser schultern und so noch schneller ausbauen. Das nutzt letztlich allen. Wir sind das Trampolin für die Digitalisierung in Deutschland. Durch unsere Netze können alle Unternehmen effizienter werden, die Menschen noch digitaler arbeiten und ihr Leben effizienter und vielfältiger gestalten. Wir investieren in den nächsten drei Jahren vier Milliarden Euro. Das ist das bislang größte Investitionsprojekt der Telefónica Deutschland. Wir schließen Tausende weiße Flecken. Die Industrie kann mit 5G Effizienzen heben. Und die Digitalisierung zahlt wie kaum ein anderes Thema auch auf die Transformation zu einer nachhaltigen, ökologisch orientierten Wirtschaft ein. Durch Homeoffice und weniger Verkehr ist während des Lockdowns die Luft besser geworden. Digitalisierung bringt unmittelbar etwas für den Klimawandel.

Markus Haas, Chief Executive Officer (CEO) von Telefónica Deutschland.

Wie wollen Sie beim Ausbau der Netze für 5G ihre Infrastruktur resilient machen? Mit einem Verzicht auf Technik vom umstrittenen chinesischen Techkonzern Huawei?

Die Frage ist doch vielmehr: Welches Know-how brauchen wir künftig in Deutschland? Das bedeutet aber nicht, dass wir uns von global standardisierten Technologien, die den weltweiten Erfolg des Mobilfunks ausmachen, verabschieden. Wir brauchen globale Lieferketten. Das wird bei Smartphones und auch bei der Sendetechnik noch lange so bleiben. Alle europäischen Hersteller setzen vorwiegend Sende- und Empfangstechnik ein, die in Asien produziert wird. Wir nutzen in unserem Funknetz zu 50 Prozent Technik des finnischen Anbieters Nokia. Es gibt aber auch Know-how, das wir künftig wieder stärker in Deutschland ansiedeln werden.

Zur Person

Markus Haas  ist seit Januar 2017 Vorstandsvorsitzender von Telefónica Deutschland. Zuvor führte der Volljurist seit 2014 das operative Geschäft des Unternehmens.

Telefónica Deutschland  verfügt über 42 Millionen Mobilfunkkunden. Das Unternehmen ist an der Börse gelistet. Die spanische Muttergesellschaft hält knapp 70 Prozent der Anteile. Unter der Kernmarke O2 sowie diversen Zweit- und Partnermarken, wie Blau, Ay Yildiz, Ortel Mobile, Aldi-Talk oder Tchibo mobil, vertreibt Telefónica Deutschland sowohl auf Vertragsbasis als auch im Prepaid-Segment Mobilfunkprodukte. fw

Und wie halten Sie es nun mit Huawei?

Wir halten einen globalen Wettbewerb für notwendig. Wir haben entschieden, für unsere neuen Netze insgesamt die Hälfte der Komponenten in Europa und die andere Hälfte global zu beschaffen. Grundsätzlich setzen wir uns natürlich sehr gewissenhaft mit der Frage auseinander, was wir im besonders sicherheitsrelevanten Teil unserer Infrastruktur machen – also in unserem Kernnetz. Ich hoffe, dass wir von der Regierung spätestens im Herbst auch insgesamt einen Rahmen gesetzt bekommen, wie wir grundsätzlich mit unseren Lieferanten weiterplanen können.

Die geplante Corona-App soll auch von Ihren Kunden eines Tages genutzt werden. Haben die Diskussionen über den Datenschutz dem Projekt geschadet?

Wir werden für die App bei unseren über 42 Millionen Mobilfunkkunden werben, wenn sie da ist. Nur wenn viele mitmachen, wird sie erfolgreich sein.

Aber werden wir sie überhaupt noch brauchen? Die Infektionszahlen gehen deutlich zurück...

Wir haben in den vergangenen Wochen das Robert-Koch-Institut mit anonymisierten Mobilfunkdaten unterstützt. Das führen wir fort. Die Behörden bekommen so Aufschluss über regionale Bewegungsströme und damit auch darüber, ob Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen wirken. Das war in der heißen Phase des Lockdowns eine wichtige Hilfe für die Politik. Die App ist der nächste logische Schritt. Deshalb halte ich sie für sinnvoll. Denn trotz der Erfolge bei der Eindämmung der Pandemie weiß niemand, wie sich Corona weiter entwickelt.

Welche positiven Entwicklungen beobachten Sie durch die Krise?

Flexible Arbeitswelten funktionieren. Das wird die Zukunft sein. Früher war es unüblich, eine Videokonferenz mit einem Minister anzufragen. Das ist jetzt Alltag. Dienstreisen wird es zwar wieder geben. Unternehmen und Beschäftigte werden sich aber genau überlegen, ob es sich lohnt, für ein Meeting von zwei Stunden von München nach Berlin zu fliegen.

Und das Homeoffice wird obligatorisch?

Nicht jeder hat die Möglichkeit, gut von zu Hause zu arbeiten. Wir bei Telefónica Deutschland werden das Homeoffice nicht erzwingen, wir werden es aber unseren Beschäftigten noch aktiver anbieten. Alle Meetings werden künftig immer auch mit Video-Teilnahme ermöglicht. So können wir die Reisen zwischen unseren Standorten zurückfahren, weil das nicht mehr notwendig ist. Es gibt aber auch andere Bereiche, wo sich seit der Krise plötzlich etwas bewegt: Nehmen Sie das Bezahlen per Smartphone. Das macht jetzt jeder Zweite an der Supermarkt-Kasse.

Und Ihre Netze gehen nicht in die Knie?

Wir hatten bei dem mobilen Datenaufkommen auch schon vor Corona ein starkes jährliches Wachstum. Dafür sind wir gerüstet. Jetzt haben wir eine zusätzliche Steigerung gesehen, und wir gehen davon aus, dass wir uns auf einem höheren Level einpendeln werden. Zumal wir ohnehin davon ausgehen, dass jeder Nutzer künftig im Schnitt vier Geräte mit mobiler Konnektivität nutzen wird. Ein Teil des anstehenden Wachstums der Datenmengen ist nun schon vorgezogen worden.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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