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Der Handel mit Pkw ist zurzeit geradezu eingefroren. 

Autobranche

„Wir müssen die Umweltprämie verstärken“

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Autoexperte Stefan Bratzel über kräftige Anreize für den Fahrzeugkauf und auch in der Krise notwendige Innovationen.

Die Autobauer haben die Fertigung wegen der Corona-Krise eingestellt. Die Zahl der Neuzulassungen ist massiv gesunken. Um die Nachfrage wieder in Schwung zu bringen, schlägt der Automobilwissenschaftler Stefan Bratzel ein neues Programm mit staatlichen Zuschüssen vor. Auch die Umweltprämien für Käufer von Elektroautos müssten massiv erhöht werden.

Herr Bratzel, erwarten Sie durch die Corona-Krise Pleiten in der Autobranche?

Ich erwarte es nicht bei den Automobilherstellern. Ich erwarte aber, dass Zulieferer und Handelsunternehmen, wahrscheinlich nicht wenige, insolvent gehen werden. Das werden vor allem diejenigen sein, die schon vor der Krise Probleme hatten. Bei den Händlern steht schon lange etwa ein Drittel auf tönernen Füßen. Dort liefen ohne Corona schon große Konsolidierungsprozesse. Das wird sich verstärken.

China ist ein wichtiger Markt für die deutschen Hersteller. Können uns die Chinesen retten?

China ist uns in der Corona-Krise sechs bis acht Wochen voraus. Die Produktion läuft dort wieder an, die Händler öffnen wieder. Wir sehen eine Belebung des Geschäfts. Die Regierung verlängert die Kaufprämien für Elektroautos. Und in großen Städten wie Peking oder Schanghai, wo es schwer war, eine Zulassung zu bekommen, gibt es dafür nun Erleichterungen. Das setzt Anreize. China hilft damit auch den deutschen Autobauern. So kann ein Teil der Rückgänge abgefedert werden. China wird zwar in diesem Jahr nach unseren Berechnungen einen Rückgang der Neuzugänge erleben. Er wird aber geringer sein als die Einbußen in USA und Europa.

Die hiesigen staatlichen Hilfen für die Branche, die wir jetzt sehen, dienen vor allem zur Überbrückung der Notlage. Was muss danach noch kommen?

Das ist richtig. Das hilft langfristig nicht weiter. Um die Wertschöpfungskette in der Branche zu gewährleisten, müssen wir die Nachfrage stimulieren.

Weil momentan niemand daran denkt, sich ein Auto zu kaufen?

Das ist die Kernproblematik. Wir wissen von vorherigen Krisen: In unsicheren Zeiten kaufen die Leute keine teuren Güter. Wir wissen aber auch, dass starke Anreize helfen können.

Meinen Sie eine Neuauflage der Abwrackprämie, die in der Finanzkrise vor zehn Jahren geholfen hat?

Stefan Bratzel

Die Abwrackprämie in Höhe von 2500 Euro pro Fahrzeug war damals tatsächlich ein großer Erfolg. Die Überlegung bei den Kunden war damals: Wie lange kann ich die Prämie noch in Anspruch nehmen? Vielleicht geht es in ein paar Wochen nicht mehr. Wenn die Prämie hoch genug ist, kann so ein Programm Verbraucher zum Autokauf veranlassen.

Wie hoch müsste jetzt eine Prämie sein?

Das ist eine gute Frage. Je höher die Zukunftsangst ist, umso größer müsste die Unterstützung sein. 3000 bis 5000 Euro sollten es pro Fahrzeug schon sein, um einen Impuls auszulösen.

Besteht aufseiten der Autobauer nun die Gefahr, dass sie ihre Zukunfts- und Innovationspläne aufgeben und die Elektromobilität damit in weite Ferne rückt?

Das wäre das Negativste, das passieren könnte. Wenn die Manager der Autobauer jetzt darüber entscheiden, wo sie die geringeren finanziellen Mittel einsetzen, dann sollten sie sich auf die Zukunftsthemen fokussieren. Das kann aber auch bedeuten, dass Investitionen später kommen, weil es jetzt einfach an Geld mangelt. Zukunftsthemen aber komplett aufzugeben, ist der falsche Weg. Nach der Phase der Gefahrenabwehr müssen die Autobauer schon sehr bald ihre Strategien neu justieren. Das kann im günstigsten Fall dazu führen, Innovationen sogar noch schneller voranzubringen.

Und welche Projekte sollen Autobauer sein lassen?

Es stellt sich die Frage, welche Projekte zur Entwicklung von Verbrennungsmotoren noch sinnvoll sind. Oder auch: Welche Varianten von bestimmten Modellen – wie Cabrios oder Coupés – braucht man noch?

Also keine Experimente? Eine Defensivstrategie könnte bedeuten, dass die Autobauer mit dem, was sie jetzt haben, weitermachen. Und die Finger auch von Elektroautos lassen. Parallel dazu könnten sie Druck machen, um die geplante Verschärfung der Abgasvorschriften rückgängig zu machen. Für die Liquidität der Autobauer wäre das wohltuend. Ist das für Sie plausibel?

Das wäre das Alternativszenario. Es ist aber mit großen Risiken behaftet. Das Zurückdrehen von Umweltstandards bringt Imageprobleme. Wenn jetzt die Entwicklung sauberer Autos auf Eis gelegt wird, dann kommt das in der Öffentlichkeit nicht gut an. Das würde bedeuten, die eine Krise gegen eine andere auszuspielen. Autobauer müssen da sehr vorsichtig sein. Es gibt in der Branche bei diesen Themen derzeit sehr unterschiedliche Stimmen.

Trump hat in den USA die Verschärfung von Abgasvorschriften schon rückgängig gemacht. Eine Steilvorlage für europäische Autobauer?

Man könnte aber auch umgekehrt argumentieren und sagen, dass Trump damit zum Totengräber der amerikanischen Automobilindustrie wird. Weil die Anreize zu Höchstleistungen bei der Effizienz von Antrieben zurückgenommen werden. So wird es immer schwieriger zu rechtfertigen, dass US-Autobauer in Europa und in China Geschäft machen. Denn das Thema Klimaschutz wird auch nach Corona bleiben.

Braucht es dennoch Entlastungen für die Autobauer?

Man könnte darüber reden, mögliche Strafzahlungen bei der Überschreitung von CO2-Grenzwerten für dieses oder nächstes Jahr zu reduzieren. Aber die Abgasregelungen dürfen keinesfalls komplett ausgesetzt werden.

Wie wäre es, elektrifizierte Autos für die Kundschaft extrem attraktiv zu machen, also die existierende Kaufprämie deutlich heraufzusetzen?

Das wäre mein Vorschlag: Finanzielle Anreize müssen bei der Umweltprämie verstärkt werden. Also statt einem Zuschuss von aktuell 6000 Euro pro Elektroauto künftig 10 000 Euro. Für Plug-In-Hybride könnten 2500 Euro hinzukommen. Das ist auch wichtig, weil die derzeit niedrigen Kraftstoffpreise gegen Elektroautos sprechen. Diese Preise haben Signalwirkung. Deshalb müssen die Steuern auf Kraftstoff langfristig erhöht werden.

Zurück zum Autohandel: Die Hersteller bauen nun die Direktvermarktung aus, weil viele Autohäuser wegen Corona geschlossen sind. Wird das nach der Krise so weitergehen?

Wir sehen, dass die Hersteller beim Handel eine größere Rolle spielen. Das muss nicht unbedingt gleich der Direktvertrieb sein, wie ihn Tesla betreibt. Das kann auch im Sinne der neuen Konzepte von Volkswagen laufen: Händler werden verstärkt wie Agenturen eingesetzt, die für bestimmte Leistungen bezahlt werden – etwa für die Auslieferung von Fahrzeugen oder für Probefahrten.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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