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Hat vergangene Woche schon Kurzarbeit an seinen Standorten beantragt: MAN. dpa

Interview

„Wir müssen einige Monate durchstehen“

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Um Jobs zu sichern, müsse man jetzt zusammenhalten, meint Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Kurzarbeit wird zum Massenphänomen, Selbstständige müssen pausieren, Konzerne fahren ihre Produktion herunter: Die Corona-Krise trifft unsere Wirtschaft hart. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer rechnet mit einer Durststrecke von einigen Monaten. Man könne die Situation aber gemeinsam bewältigen.

Herr Kramer, das Coranavirus legt fast alles lahm. Wie lange kann das Land diesen Zustand aushalten?

Deutschland ist ein starkes Land. Ich bin mir ganz sicher, dass wir das gemeinsam bewältigen werden. Wir müssen zielgerichtet unnötige Kontakte vermeiden. Zugleich müssen wir die volkswirtschaftliche Produktion von Lebensmitteln bis hin zur Energieversorgung, von Maschinenbau bis zum Handwerk aufrecht erhalten und mit Liquidität versorgen. So, wie es vorbereitet wird, werden wir eine Durststrecke von einigen Monaten als Volkswirtschaft durchstehen.

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Mit Blick auf unsere Wirtschaft muss das Ziel sein, dass wir unsere Unternehmen, kleine wie große, weiter am Laufen halten. Alles runterfahren ist keine Option. Das merken wir schon an Dingen, wie Mundschutz, Versorgung oder technischen Dienstleistungen. Dabei muss der Gesundheitssektor in der Versorgung Priorität haben und ist auch auf freiwillige und ehrenamtliche Unterstützung angewiesen.

Gehen Sie davon aus, dass nach Ostern die Geschäfte wieder öffnen und die Industrie produzieren kann wie vor der Krise ?

Das müssen wir abwarten. Es hilft nicht, jetzt darüber zu spekulieren, wie lange sich der Virus hält. Industrie und Produktion müssen auch nach Ostern arbeiten. Wo immer möglich werden Aufgaben ins Homeoffice verlagert werden. Geselligkeit und Shopping werden aus Vorsichtsgründen vielleicht noch etwas länger warten müssen.

Immer mehr Anfragen und Anträge auf Kurzarbeit – wie läuft das Krisenmanagement der Bundesagentur für Arbeit?

Die Bundesagentur für Arbeit ist gut aufgestellt. Sie hat ja eine Rücklage von zurzeit 26 Milliarden Euro. Niemand muss sich also sorgen, dass das Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld nicht mehr bezahlt werden kann. Und Herr Scheele und seine Mitarbeiter in der Bundesagentur für Arbeit machen in diesen Zeiten einen exzellenten Job!

Ist das Milliardenpaket mit seinen Rettungsschirmen und Hilfen die richtige Antwort?

Jetzt zählt vor allem eines: Die Unternehmen dabei zu unterstützen, liquide zu bleiben. Die Kurzarbeiterregelung hilft die Mitarbeiter im Unternehmen zu halten und nicht zu entlassen. Die erleichterte Stundung von Sozialabgaben und Steuerzahlungen sind auch ein Beitrag dazu. Das Finanz-Hilfspaket für unsere Unternehmen ist eine wichtige Maßnahme, diese und ihre Mitarbeiter nicht im Stich zu lassen.

Zur Person

Ingo Kramer  (67) ist seit November 2013 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur war zuvor bis 2018 geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens für Anlagenbau J.Heinr. Kramer in Bremerhaven. 

Wie ernst ist die Lage?

In vielen Branchen zeigen die Folgen der Pandemie bereits jetzt verheerende Folgen, selbst viele gut aufgestellte Firmen können das ohne Unterstützung nicht lange durchhalten. Vor allem auch für Solo-Selbstständige sind Sofort-Hilfen wichtig, die jetzt kurzfristig wirken. Wir erwarten, dass bald weitere Maßnahmen geprüft werden, etwa ein erweiterter Verlustrücktrag, der Liquiditätsgewinnung vorzieht. Viele Gesetze sind noch nicht Pandemie-fest genug.

Wo muss denn noch nachgesteuert werden?

Zum Beispiel ist es notwendig, auch für Auszubildende Kurzarbeitergeld möglich zu machen, wenn die Ausbildung trotz aller Bemühungen während dieser für viele Betriebe außergewöhnlichen Notsituation nicht mehr möglich ist. Zudem steuert der Lebensmitteleinzelhandel auf einen großen Personalbedarf zu. Es ist zu begrüßen, das nicht jedes Zusatzeinkommen wie bisher auf das Kurzarbeitergeld angerechnet wird. In der Administrierung sollte aber darauf hingearbeitet werden, dass Einkommen aus Minijobs grundsätzlich nicht zu einer Kürzung des Kurzarbeitergeldes führen.

Zuletzt war das Problem der Fachkräftemangel. Droht jetzt die Massenarbeitslosigkeit?

Nein, wenn wir es richtig machen nicht! Also die Unternehmen flüssig halten, damit sie nach dieser Phase die Nachfrage auch bedienen können. Regierung, Parlament und Sozialpartner tun im Moment ihr Möglichstes, um alles zusammenzuhalten, damit wir viele Arbeitsplätze sichern. Bei Ausbruch der Virus-Epidemie waren wir in vielen Branchen in einer stabilen Konjunktur. Also war dort der Bedarf nach Waren und Dienstleitungen groß. Daran müssen wir anknüpfen können.

Was bedeuten die Auswirkungen für unseren Sozialstaat und seine Finanzierbarkeit?

Wenn es etwas Positives gibt, was diese Ausnahmesituation offen legt, dann ist es doch, dass wir in Deutschland einen Sozialstaat und ein Gesundheitssystem haben, das seinesgleichen sucht in Europa. Die Menschen können sich auch darauf verlassen, dass unser Sozialstaat in Ausnahmesituationen einen Schutzschirm für seine Bürger bereithält. Da hat unsere starke Konjunktur vorgesorgt.

Wahr ist aber auch: Die Politik ist den Herausforderungen durch den demografischen Wandel in den letzten zehn Jahren weitgehend ausgewichen. Jüngere Reformen orientierten sich – auch vor dem Hintergrund einer anhaltend guten Arbeitsmarktentwicklung – mehr an der aktuell guten Einnahmesituation als an den ungünstigen Zukunftsperspektiven. Deshalb werden wir über die Finanzierbarkeit des Sozialstaates bald eine ernsthafte Diskussion führen müssen. Hier gilt der Satz: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.

In zahlreichen Branchen sollte in diesem Jahr über höhere Löhne verhandelt werden. Muss das alles nun auf den Prüfstand?

Der jüngste Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen hat doch deutlich gemacht, dass die Tarifpartner gerade in schwierigen Zeiten Lösungen finden können, insbesondere auch für Härtefälle. Nur im Miteinander wird es jetzt gelingen, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der gegenwärtigen Krise für die Betriebe und ihre Beschäftigten so weit wie möglich einzudämmen, damit Unternehmen und Arbeitsplätze danach noch existieren.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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