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Ein Containerschiff am Hamburger Hafen.
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Ein Containerschiff am Hamburger Hafen.

Exportnation Deutschland

„Wir lassen den anderen nichts übrig“

  • VonStephan Kaufmann
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Politikwissenschaftler Andreas Nölke über die Droge Exportismus, niedrige Löhne im Dienstleistungsbereich und eine Kronkorkenfabrik.

Die deutsche Wirtschaft ist im Corona-Jahr 2020 noch einmal glimpflich davongekommen. Mit einer Schrumpfung von vier Prozent hielt sie sich besser als die der meisten europäischen Nachbarn. Wichtiger Grund dafür war eine relativ stabile Industrie, die vom Export profitierte, insbesondere nach China. Doch genau hier sieht Andreas Nölke ein grundlegendes Problem: „Exportismus ist die deutsche Droge“, sagt er und empfiehlt Entzug.

Herr Nölke, es fällt auf: Exportstarke Länder wie Deutschland oder die Niederlande haben ökonomisch im vergangenen Jahr weniger gelitten als exportschwache Länder wie Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Das spricht doch für das deutsche Modell?

Wir haben Glück gehabt, dass sich China so schnell erholt hat. Das schwächere Abschneiden von Ländern wie Großbritannien oder Spanien hat aber mit vielen Faktoren zu tun: wie stark sie von der Pandemie betroffen waren, wie stark ihr Lockdown war, welche Branchen hart getroffen wurden – Stichwort Tourismus in Spanien, Brexit in Großbritannien – und wie viele Mittel die Regierungen gegen die Krise mobilisieren konnten. Gerade beim letzten Punkt war Deutschland stark im Vorteil: Zeitweise entfiel auf Deutschland die Hälfte aller Mittel zur Stützung der Wirtschaft in der EU.

Auch nach der großen Finanzkrise 2009 waren es die Ausfuhren, die die deutsche Wirtschaft gerettet haben. Warum beklagen Sie dennoch den deutschen „Exportismus“?

Das deutsche Modell hat entscheidende Nachteile. Mit Ausfuhren in Höhe von fast der Hälfte der Wirtschaftsleistung bleibt Deutschland erstens völlig abhängig davon, was in anderen Ländern geschieht – ob dort Krise ist oder ob dort Konjunkturprogramme aufgelegt werden, so wie in China nach 2008, was damals die deutschen Exporte gerettet hat. Wenn das Ausland uns nicht hilft, können wir wenig tun. Weniger abhängige Länder haben hingegen die Möglichkeit, über ihr wirtschaftliches Schicksal selbst zu bestimmen. Zweitens sollte man sich anschauen, wie sich in Deutschland die Gewinne der Exportorientierung verteilen.

Und was sieht man da?

Sie verteilen sich sehr ungleich. Die Vermögensungleichheit hierzulande ist die größte in der gesamten Euro-Zone. Große Teile der Exportgewinne landen bei den Eigentümern der entsprechenden Unternehmen, die oft beschönigend als „Mittelstand“ bezeichnet werden.

Die Vermögensungleichheit in den USA ist noch höher, ganz ohne Exportorientierung.

Das stimmt, liegt dort aber an der starken Stellung der Finanzmärkte. Bei uns gibt es eine eindeutige Parallele zwischen der Konzentration auf den Export und dem Anstieg der Vermögensungleichheit. Das ist auch kein Rätsel. Denn die Erträge fallen im Exportsektor an. Auf der anderen Seite erreicht die deutsche Wirtschaft einen Teil ihrer Exporterfolge auch dadurch, dass die Binnennachfrage schwach ist – also dass viele Menschen, die zum Beispiel in der Dienstleistungsbranche für den heimischen Markt arbeiten, schlecht verdienen.

Was hat der niedrige Lohn einer Kellnerin oder einer Securitykraft mit Exportismus zu tun?

Intuitiv nichts. Aber was wir in Deutschland seit über 20 Jahren sehen, ist eine Dualisierung des Arbeitsmarktes. So spalteten Exportunternehmen alle Bereiche ab, die nicht zum Kerngeschäft gehörten – Dienstleistungen wie die Kantine oder Logistik. Das wurde ausgelagert an Unternehmen, die nicht mehr Tarifverträgen unterlagen und die zum Teil die Löhne um 20 bis 30 Prozent reduzieren konnten. Dazu kamen die Flexibilisierung und Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen. Von der daraus resultierenden schwachen Lohnentwicklung großer Teile des Dienstleistungssektors profitierte der Exportsektor durch niedrige Input-Kosten, die wiederum höhere Löhne bei den Exportunternehmen ermöglichten. Damit zahlt ein großer Teil der Bevölkerung, etwa drei Viertel, den Preis dafür, dass knapp ein Viertel der Beschäftigten im Exportsektor gut verdienen – wenn auch nicht so gut wie die Eigentümer der Exportunternehmen.

Zur Person:

Andreas Nölke (57) hat in Konstanz Verwaltungswissenschaft studiert, arbeitete anschließend für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und ist heute Professor für Politikwissenschaft an der Goethe UniFrankfurt sowie Research Fellow am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung Safe. In seinem neuen Buch „Exportismus“ kritisiert er das deutsche Wachstumsmodell. (kau)

Flexibilisierung, Prekarisierung, Lohnmäßigung – das klingt eher nach Neoliberalismus oder Kapitalismus als nach Exportismus.

Sie können den Exportismus durchaus als deutsche Variante des Neoliberalismus verstehen. In Ländern wie Großbritannien und den USA liegt dessen Schwerpunkt woanders, auf den Finanzmärkten als Treibern der Ungleichheit.

Eine insgesamt schwache Lohnentwicklung in Deutschland bedeutet auch eine schwache Binnennachfrage, und die bedeutet, dass die Einfuhren langsamer wachsen als die Ausfuhren. Der sich daraus ergebende Ausfuhrüberschuss gilt als Ausweis deutscher Wettbewerbsfähigkeit …

Und dieser Überschuss kann andere Länder in die Krise treiben. Denn durch ihre Importüberschüsse verschulden sie sich bei den Exportüberschussländern – das war damals der Kern der Schuldenkrise in der Euro-Zone. Diese Krise hat gezeigt: Die Erträge, die Deutschland aus seinen Überschüssen zieht, sind bloß Zahlungsansprüche an das Ausland, und die sind eine riskante Sache. Ihr Wert ist abhängig davon, dass das Ausland Deutschlands Ansprüche auch bedienen kann.

Soll Deutschland also weniger exportieren?

Also erstens sollte eher mehr importiert werden. Und zweitens ist gegen eine hohe Exportleistung an sich überhaupt nichts einzuwenden. Vor allem dann, wenn man Produkte und Dienstleistung von hoher Qualität anbietet, die von aller Welt nachgefragt werden. Schaut man sich aber die Entwicklung der deutschen Ausfuhren an, dann fällt auf, dass die Preissensibilität deutscher Exporte zunimmt. Das bedeutet: Deutschland exportiert mittlerweile auch vermehrt Güter, bei denen es weniger um die Qualität geht, sondern um den Preis. Es konkurriert also im Bereich geringerwertiger Güter, ermöglicht durch die schwache Lohnentwicklung. Und das bedeutet: Der deutsche Export ist konkurrenzfähig geworden in Bereichen, in denen früher Länder wie Italien oder Frankreich stark waren. In meinem Heimatort gibt es eine Kronkorkenfabrik, die früher gegen die italienische Konkurrenz kaum ankam. Seitdem der Euro eingeführt wurde und Italien seine Währung daher nicht mehr abwerten kann, nimmt die Kronkorkenfabrik den italienischen Wettbewerbern immer mehr Marktanteile ab. Wir lassen den anderen nichts übrig – und damit genau jenen, deren Zahlungskraft wir als Exportnachfrage derzeit brauchen.

Andreas Nölke, Professor für Politikwissenschaft an der Goethe Universität Frankfurt.

Sie fordern eine „Ausbalancierung“ der deutschen Wirtschaft. Wie könnte das gehen?

Die Strategie muss auf zwei Beinen stehen. Das eine: Investitionen in technologische Entwicklung, um den Export stärker auf hochwertige Güter auszurichten. Das andere: eine Stimulierung der Binnennachfrage.

Stichwort Binnennachfrage: Was kann der Staat da tun?

Vieles. Wichtigstes Element wäre die Stärkung der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen. Daneben kann der Staat unter anderem die Mindestlöhne erhöhen, er kann die öffentlich Beschäftigte besser bezahlen oder die Vergabe öffentlicher Aufträge daran knüpfen, dass Tarifverträge eingehalten werden.

Kann so eine verordnete Umstrukturierung funktionieren?

Natürlich, es gibt Beispiele: Schweden schafft es, eine starke Binnenwirtschaft zu kombinieren mit einem starken Export hochwertiger Güter. Ein weiteres Beispiel ist interessanterweise China, wo der Export als Wachstumstreiber deutlich nachgelassen hat und der Binnensektor stark geworden ist. Was China kann, müssten wir auch können.

(Interview: Stephan Kaufmann)

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