Chef des Traktor-Riesen Agco

„Wir können zehn Milliarden Menschen ernähren“

Martin Richenhagen motorisiert weltweit die Landwirte. Der Chef des Traktor-Riesen Agco erklärt, warum mit besserer Technik viel mehr geerntet werden kann – zum Beispiel mit einem Navi für Trecker.

Martin Richenhagen, 60, hat eine außergewöhnliche Karriere hinter sich: Vom Religionslehrer zum Chef eines der 500 größten US-Unternehmen. Richenhagen führt den Landmaschinen-Riesen Agco. Damit ist er Hüter deutscher Traktor-Tradition: Zum Konzern gehört auch die Edel-Marke Fendt aus dem Allgäu. In Deutschland ist er gern unterwegs und tritt ab und an auch in Talkshows auf. Eine seiner Botschaften: Das Nahrungsproblem ist durch Modernisierung lösbar.

Herr Richenhagen, fühlen Sie sich nach bald zehn Jahren in den USA noch als Deutscher?

Ich habe das Privileg, viel herumzureisen. Früher habe ich mich als Europäer gefühlt, inzwischen eher als Weltbürger. Das hört sich großspurig an, aber ich empfinde es als enormen Gewinn, heute bei Ihnen zu sein und morgen schon in Finnland bei unserer Tochter-Marke Valtra, übernächste Woche dann in Peru und Brasilien.

Krönung Ihres Weltbürgertums war vermutlich, dass Sie 2008 bei Olympia in Peking Equipe-Chef der deutschen Dressurreiter waren. Wie ging das neben ihrem Job als Chef eines Konzerns mit etwa 20.000 Mitarbeitern?

Das ist einfach meine Leidenschaft, für die ich mir ein paar Wochen Urlaub genommen habe. Gold zu gewinnen war natürlich ein herausragendes Erlebnis. Ich bin immer noch mehrmals pro Jahr als Dressur-Richter unterwegs.

Ungewöhnlich an Ihrer Biografie ist auch, dass Sie nach dem Studium fünf Jahre als Französisch- und Religions-Lehrer an einem Gymnasium arbeiteten, bis Sie der Ex-BDI-Chef Jürgen Thumann in die Stahlindustrie holte. Haben Sie Ihre eher krumme Karriere je als Nachteil empfunden?

Natürlich gibt es in der Wirtschaft die Neigung zur Din-A-4-Karriere für angehende Manager. Die sieht derzeit so aus: Erst eine Banklehre, dann ein BWL-Studium, dann eine Unternehmensberatung und schließlich als Assistent der Geschäftsführung in ein Unternehmen einsteigen. Vielleicht gibt es in Deutschland etwas weniger Bereitschaft als in den USA, Abweichungen in Kauf zu nehmen. Auch hier ist das Interesse an ungewöhnlichen Biografien schon da, wenn man jetzt nicht gerade fünf Jahre als Weltenbummler herumgereist ist, sondern immer etwas Vernünftiges gearbeitet hat. Um ehrlich zu sein: Eine Zeit lang dachte ich schon, dass ein gerader Weg vielleicht besser gewesen wäre. Aber die Zweifel hatten sich mit dem Chefposten bei Agco erledigt.

Das Geschäft mit Landmaschinen ist in den vergangenen Jahren gut gelaufen, für Agco, aber auch einige ihrer Konkurrenten. Kann das so weitergehen?

Wir erwarten noch gewaltiges Wachstum. Es leben immer mehr Menschen auf der Erde, die ernährt werden müssen. Als ich 2004 bei Agco angefangen habe, lag die Weltbevölkerung bei über sechs Milliarden, jetzt sind es über sieben Milliarden. Der Aufstieg der Schwellenländer wie China und Brasilien sorgt dafür, dass die wohlhabendere Bevölkerung mehr Kalorien konsumiert, vor allem mehr Fleisch. Zusätzliche Nachfrage kommt noch durch den Bedarf an Bioenergie. Das hilft natürlich unserem Geschäft, die Umsätze in der Landwirtschaft steigen weiter kräftig.

Für Sie mag das ein gutes Geschäft sein, aber die Nahrungsmittelversorgung der immer noch schnell wachsenden Weltbevölkerung ist nach Ansicht vieler Experten gefährdet. Die Preise sind bereits deutlich gestiegen. Ist es möglich, auch acht oder gar zehn Milliarden Menschen zu ernähren?

Davon bin ich überzeugt, ja. In der Landwirtschaft waren in der Vergangenheit enorme Steigerungen der Produktivität möglich – zum Beispiel durch Landmaschinen, aber auch durch Düngemittel und bessere Bewirtschaftung. Hinzu kommt, dass es vor allem in Afrika noch sehr große Landreserven gibt. Dort wird bislang nur ein Fünftel der Fläche, auf der Landwirtschaft möglich wäre, genutzt. Wir gehen außerdem viel zu verschwenderisch mit Nahrungsmitteln um.

Meinen Sie damit, dass zu viel Essen weggeworfen wird?

Auch, aber vor allem meine ich, dass schon während der Produktion zu viel schief läuft. Die Hälfte der Getreideernte der Welt geht jedes Jahr verloren!

Wie das?

Durch schlechte Lagerung, schlechte Trocknung und schlechten Transport. Das Getreide verfault, geht durch Frost kaputt, wird von Nagern angefressen und verschmutzt. Der Ausschuss ist enorm. Das passiert natürlich nicht in Deutschland oder Frankreich und kaum in den USA. Aber in Ländern wie Russland und China sind das große Mengen. In Russland gibt es häufig keine Getreidesilos, sondern der Mais wird am Ende des Ackers hingekippt und dort über den Winter gelagert. An der tiefgefrorenen Ernte bedient sich dann die Natur.

Dennoch: Jeden Tag geht Ackerland verloren auf unserem Planeten – durch schlechte Bewirtschaftung, durch zugebaute Flächen und durch den Klimawandel. Wüsten breiten sich aus. Sie sehen keinen Grund zur Sorge?

Ich bin tatsächlich optimistisch. Flächenversiegelung und Klimawandel sind ein Problem. Durch die Landwirtschaft selbst allerdings gibt es nur noch wenig Bodenverluste. Wir lernen ja dazu. Zum Beispiel breitet sich gerade das Prinzip des Minimum Tillage aus …

… auf Deutsch heißt das etwa Minimaler Ackerbau …

… und es bedeutet, dass nicht tief umgepflügt wird, sondern nur sehr oberflächlich. Das sehen sie zum Beispiel auf den Feldern der Großbetriebe im Osten und Norden Deutschlands häufig. Ich habe da neulich eine schöne Geschichte miterlebt. Ein Landwirt hat auf Minimum Tillage umgestellt, und der Vater beschwerte sich bitterlich: Wie sieht das hier aus, ist ja furchtbar! Denn bei Minimum Tillage haben Sie halt keine ordentlichen, tiefen Furchen, sondern es sieht schlampig und verwahrlost aus. Doch schon im ersten Jahr war die Ernte gut, die Bodenwerte auch. Der Vater sagte: Glück gehabt. Das „Wunder“ wiederholte sich. Inzwischen ist er richtig stolz auf seinen Sohn und das ganze Dorf macht es nach.

Wohin verkaufen Sie Ihre Landmaschinen hauptsächlich?

Unser Konzern kommt aus den USA, aber wir sind auch in Europa sehr stark, vor allem mit der deutschen Traditionsmarke Fendt. Unsere Expansionsstrategie zielt darauf, zum einen mehr Produkte anzubieten. Wir haben das Problem mit der Lagerung erkannt und bieten deshalb in diesen Ländern seit kurzer Zeit auch Silos und Getreidetrockner an. Und wir expandieren in Märkte, die gerade erst motorisieren, vor allem Afrika.

Was haben Sie dort vor?

Wir sind gerade bei einem Traktorenwerk in Algerien eingestiegen und damit jetzt der erste große Landmaschinenhersteller, der in Afrika produziert. Wir wollen auch Anbaugeräte in Afrika herstellen. Verkauft werden vor allem kleine Schlepper, so wie bei uns vor 40 oder 50 Jahren. Allerdings mit viel modernerer Technik natürlich.

An Afrika haben sich schon viele die Zähne ausgebissen.

Einfach nur Traktoren anbieten, funktioniert nicht. Wer in Afrika verkaufen will, der muss auch Service und Ausbildung anbieten, das macht den Einstieg so schwer. Aber wir sind fest entschlossen. In Sambia haben wir eine Demo-Farm eröffnet mit einigen Dutzend Beschäftigten, darunter ist ein Schlangenfänger, der das Gelände sicher macht. Interessierten Kunden bieten wir dann ein Paket: Traktor, Säer, Pflug. Und zusätzlich Training, Reparatur und Ersatzteile. Nur so kann man das Geschäft entwickeln. Im Januar veranstalten wir zum zweiten Mal unseren Afrika-Gipfel in Berlin, um über die Chancen des Kontinents als Agrarproduzent zu diskutieren.

Gibt es eigentlich noch wirklich nützliche Neuerungen für die entwickelten Länder? Ihre deutsche Tochter Fendt bietet zum Beispiel eine GPS-gesteuerte Navigation für Traktoren. Mit Verlaub: Das sind doch alberne Spielereien.

Völlig falsch. Das System erlaubt, dass das Anbaugerät, zum Beispiel eine Egge, den Traktor steuert – und zwar auf den Zentimeter genau.

Was bringt das?

Wenn ein Landwirt manuell steuert, dann überlappt er beim Hin- und Herfahren um 15 bis 20 Zentimeter, beim Pflügen, beim Säen, beim Düngen, beim Ernten. Einfach deshalb, weil er nicht ganz gerade fahren kann. Wenn Sie diese Fehlsteuerung auf zwei Zentimeter reduzieren, werden jede Menge Saatgut, Dünger, Sprit für den Traktor und teure Arbeitszeit eingespart. Glauben Sie mir, das lohnt sich, und zwar für viele sehr schnell. Wir arbeiten nun daran, dass die Landwirte gar nicht mehr auf dem Traktor sitzen müssen, sondern die Zugmaschinen vollautomatisch laufen.

Kommen wir noch Mal zum Geschäft: Während der Absatzeinbrüche in der Krise haben Sie sich vorgenommen, bis 2012 den Umsatz auf zehn Milliarden Dollar zu steigern. Schaffen Sie das?

Wir sind eher vorsichtig mit unseren Erwartungen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es nicht schlecht aussieht.

Nach der Übernahme der deutschen Traditionsmarke Fendt gab es Ärger mit Gewerkschaften und Betriebsrat, auch Sie hatten Konflikte und sperrten sich gegen Investitionen, weil der Lohnverzicht nicht ausreichte.

Als Konflikt würde ich das nicht bezeichnen. Wir sind einfach unterschiedlicher Auffassung gewesen, das ist ja auch normal, weil wir unterschiedliche Aufgaben haben. Ich vertrete letztlich die Eigentümer, die Gewinne erzielen wollen, und der Betriebsrat vertritt die Belegschaft. Inzwischen sind die Meinungsverschiedenheiten aber beigelegt. Wir haben 170 Millionen Euro am Standort investiert und im Allgäu steht jetzt das modernste Traktorenwerk der Welt. Wir können jährlich 20 000 Traktoren herstellen und bauen die Produktion in anderen Bereichen weiter aus. Das ist natürlich eine exzellente Nachricht für die Belegschaft.

Das Gespräch führte Jakob Schlandt.

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