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Was landet in Corona-Zeiten im Einkaufswagen? Und wie viel kostet die Ware?

Statistik

„Wir können nicht mehr alle Preise so erfassen wie zuvor“

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Der Präsident des Statistisches Bundesamtes, Georg Thiel, über die Herausforderung, in Corona-Zeiten das Geschehen in Deutschland richtig zu dokumentieren

Ohne Zahlen geht in der Corona-Krise nichts: Ob Infektionen, Konjunktur oder Lebensmittelversorgung, alles muss gemessen werden. Die Statistiker sind gefordert. Im Interview erklärt der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, wie verlässlich die Daten sind, vor welchen Herausforderungen seine Behörde steht und wie die Krise Zukunftstrends beschleunigt.

Herr Thiel, das Statistische Bundesamt vermisst und beobachtet die Realität. Es stellt damit quasi die Augen der Politik dar. Wie gut sehen diese Augen in dieser Krise noch?

Im Moment gut. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch alle erforderlichen Statistiken bereitstellen. Das kann sich allerdings in den nächsten Tagen und Wochen auch ändern, wenn wir zum Beispiel Ausfälle bei Datenlieferanten haben sollten. Aktuell sieht es aber so aus, dass wir trotz der Probleme die wichtigsten Statistiken wie den Verbraucherpreisindex und das Bruttoinlandsprodukt weiterhin in hinreichender Qualität liefern können.

Corona: Datenquellen zur Entlastung 

Wer liefert Ihnen Daten?

Das sind insbesondere Unternehmen und die Bürgerinnen und Bürger, die zu ihrer Arbeits- und Lebenssituation (Mikrozensus, d. R.) befragt werden. Wir nutzen aber vermehrt bereits vorliegende Datenquellen, um die Auskunftspflichtigen zu entlasten. Zum Beispiel Verwaltungsdaten wie vom Bundesamt für Güterverkehr, das Daten zur Lkw-Maut schickt. Oder Kassendaten, die uns Supermärkte übermitteln.

Gibt es Bereiche, in denen es mit Blick auf die Zukunft schwierig werden könnte?

Georg Thiel ist seit Oktober 2017 Präsident des Statistischen Bundesamts. Er hat Rechtswissenschaften in Köln studiert und in dem Fach promoviert. Seine Laufbahn führte ihn ins Bundesinnenministerium und die Bundesämter für Migration und Zivilschutz. Außerdem war er Präsident des Technischen Hilfswerks. 

Ja, zum Beispiel im Bereich Außenhandel. Die Exporteure sind von der Krise besonders betroffen. Es ist verständlich, dass jemand, der in Sorge um seine Existenz ist, andere Probleme hat, als uns seine Daten zu übermitteln. Wir könnten als Statistisches Bundesamt die Herausgabe bestimmter Daten erzwingen respektive Bußgelder verhängen. Aber in einer solchen Situation verzichten wir natürlich auf Zwangsmaßnahmen. Stattdessen haben wir unser Telefon-Team aufgestockt und rufen die Leute an. Wir versuchen damit zu überzeugen, dass es der Wirtschaft hilft, wenn die Politik die Lage anhand verlässlicher Daten einschätzen kann. Bisher mit zufriedenstellendem Ergebnis.

Werden die Bürgerinnen und Bürger noch befragt?

Wir befragen Sie für den Mikrozensus möglichst online oder telefonisch. Persönliche Befragungen vor Ort gibt es derzeit nicht mehr. Das ist ein großer Aufwand und ob wir damit genauso verlässliche und gute Daten erhalten wie zuvor, das müssen wir noch sehen. Da müssen wir die nächsten Wochen abwarten. Aber der Mikrozensus ist natürlich sehr bedeutend, um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in Deutschland richtig einzuschätzen. Wir tun da unser Bestes und bitten auch die Bevölkerung um ihre Unterstützung.

Corona: Nicht mehr alle Preise können wie zuvor erfasst werden 

Das Thema Inflation ist hierzulande sehr sensibel aufgrund der schlechten historischen Erfahrungen. Wie gut haben Sie die Preisentwicklung noch im Blick?

Wir können nicht mehr alle Preise so erfassen wie zuvor, weil viele Geschäfte seit Mitte März nicht geöffnet waren und zum Schutz der Preiserheberinnen und Preiserheber. Teilweise versuchen wir, diese Lücken mit Web Scraping – automatisierten Preisabfragen im Internet – zu schließen oder auch mit Kassendaten von Handelsketten zu füllen, und erwarten, dass wir in den kommenden Monaten die Nutzung dieser Daten weiter ausbauen können. Darüber hinaus gibt es enge Abstimmungen mit Eurostat und den anderen europäischen Statistikämtern zu methodischen Fragestellungen, beispielsweise wie fehlende Preise fortgeschrieben werden. Dennoch kann eine Vielzahl von Gütern im Warenkorb weiter erhoben werden, zum Beispiel die Mieten oder Preise an Tankstellen.

Corona-Krise beschleunigt bereits angestoßene Prozesse 

Kassendaten oder Maut-Indikator – es scheint, als würde die statistische Arbeit gerade einen Sprung nach vorne machen.

Die Krise beschleunigt Prozesse, die wir im Hintergrund bereits angestoßen hatten. Unser Ziel ist es, das aktuelle Geschehen möglichst zeitnah zu erfassen. Unser gemeinsam mit dem Bundesamt für Güterverkehr täglich aktualisierter Lkw-Maut-Indikator ist dafür ein gutes Beispiel. Der hat einen Zeitverzug von fünf bis neun Tagen. Damit wissen wir sehr schnell, wie viele Lastwagen in Deutschland unterwegs sind, was ein guter Rückschluss auf die Industrieproduktion zulässt. Anhand der Daten von Supermarktkassen können wir zudem sehr genau beobachten, wie sich der Absatz von Lebensmitteln oder Hygieneartikeln entwickelt.

Aber so schnell wie in diesen beiden Fällen sind noch längst nicht alle Daten verfügbar.

Das stimmt. Wir brauchen monatliche und vierteljährliche Daten, ältere Statistiken sind zum Krisenmanagement schlicht nicht geeignet. Das packen wir an. Daten, die in Krisensituationen dringend benötigt werden, wollen wir künftig schneller bereitstellen können.

Wenn Daten mal nicht verfügbar sind, behelfen sich Statistiker damit, diese hinzuschätzen. Geht das derzeit noch?

Schätzungen beruhen auf Erkenntnissen und Zusammenhängen aus der Vergangenheit, wie sich bestimmte Dinge entwickeln. Die Realität in Zeiten der Corona-Krise hat es in der Vergangenheit nicht gegeben. Deswegen funktionieren Schätzungen und Prognosen aktuell auch nicht. Nur harte Daten zählen. Wir machen Statistik, keine Prognosen.

Wie arbeitet das Statistische Bundesamt während der Corona-Krise? 

Wie wird im Statistischen Bundesamt denn im Moment eigentlich gearbeitet?

Wir haben 2400 Beschäftigte, davon sind etwa die Hälfte im Homeoffice. Die anderen sind im Büro, soweit möglich in Einzelzimmern. Alle Dienstreisen sind abgesagt und es gibt viele Video- und Telefonkonferenzen. Wir haben früh einen Krisenstab gebildet, der alles koordiniert. Probleme mit fehlenden Desinfektionsmitteln hatten wir zum Beispiel nie. In der Krise haben viele Beschäftigte ungeahnte Organisationstalente gezeigt und mit großem Engagement auftretende Probleme gelöst.

Warum arbeiten nicht alle Beschäftigten im Homeoffice? Bei Ihnen wird doch hauptsächlich am Computer gearbeitet.

Homeoffice für alle Beschäftigten einzurichten, ist bei uns nicht so einfach, da wir aufgrund der schutzbedürftigen Daten sehr hohe Sicherheitsstandards einhalten müssen und unsere Daten immer in diesem geschützten Bereich bleiben müssen.

Gibt es schon Lehren, die Sie aus der Krise ziehen?

Ja, eindeutig. Wir haben zu wenig mobile Geräte, an denen sich arbeiten lässt. Und wir haben zu wenig Videokonferenz-Anlagen. Das müssen wir ändern. Bei den Dienstreisen zeigt sich, dass das Arbeiten auch ohne persönliche Treffen durchaus gut funktioniert. Das ist jetzt natürlich eine Ausnahmesituation und wird sicher nicht der künftige Standard. Aber wir werden uns gebündelter treffen und eine erhebliche Ausdünnung der Reisetätigkeit haben. Dafür müssen wir aber auch gemeinsam dazulernen, zum Beispiel, wie wir miteinander umgehen, wenn wir nur auf Distanz kommunizieren. Was bedeutet das fürs Teambuilding? Oder: Wie gehe ich damit um, wenn während einer Videokonferenz die Kinder des Kollegen im Hintergrund Gehör haben wollen?

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