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Der Central Business District (CBD) in Beijing.

Interview vor Davos-Treffen

„Wir haben es mit einer neuen Art der Globalisierung zu tun“

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Der Ökonom Rolf J. Langhammer über Wanderungsbewegungen, die Expansion Chinas und den wachsenden Handel mit Dienstleistungen.

Zum 50. Mal tagt nun das Weltwirtschaftsforum in Davos, das Welttreffen der Manager, Investoren und transnationalen Konzerne. Muss man aus diesem Anlass feststellen: Die Globalisierung geht allmählich zu Ende?

Jedenfalls in ihrer bisherigen Form. Die multilaterale Wirtschaftsordnung war von der Absicht geprägt, die Pro-Kopf-Einkommen und den Wohlstand in möglichst vielen Ländern durch die Liberalisierung des Welthandels zu erhöhen. Dieses einstmals gemeinsame Bestreben der marktwirtschaftlich orientierten Staaten lässt nach. Manche Länder wollen andere überholen und einen ihnen vermeintlich zustehenden Platz einnehmen. Vor allem China arbeitet an diesem Ziel.

Warum wächst der Handel nicht mehr so stark?

Rolf J. Langhammer, 72, arbeitet am Institut für Weltwirtschaft (IFW) in Kiel.

Das liegt auch, aber nicht nur am zunehmenden Protektionismus, etwa der Verteuerung von Importen durch Zölle. Dem Wachstum des globalen Handels mit Zwischengütern werden auch durch logistische Engpässe Grenzen gesetzt. Allerdings wissen wir nicht genau, ob der Befund überhaupt zutrifft. Denn der neue und zunehmende Handel mit Internetdienstleistungen und Software ist nur schwer zu messen.

Sind wir noch in der Globalisierung oder schon in der Deglobalisierung?

Wir haben es mit einer neuen Art der Globalisierung zu tun. Im Vergleich zum Handel mit materiellen Gütern nimmt eher der Austausch von Dienstleistungen, Kapital und Menschen zu. Durch Krieg oder Armut erzwungene Wanderungsbewegungen kommen hinzu, auch die grenzüberschreitende Migration zur Suche nach einer besser entlohnten Arbeit wird wichtiger. Das ist ein neuartiges Element. Viele Bundesbürger betrachten diese Entwicklung mit großer Skepsis. In den USA sieht es ähnlich aus.

Globalisierung: China will sich von den USA nichts mehr vorschreiben lassen

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Globalisierung“ reden?

Erstens die Internationalisierung der Wirtschaft, der Produktion und der Wertschöpfungsketten. Die einzelnen Arbeitsschritte zur Herstellung von Textilien oder Smartphones finden in unterschiedlichen Ländern statt, die Käufer wohnen wiederum ganz woanders. Und zweitens gibt es nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete transnationale Institutionen wie das Allgemeine Zoll-und Handelsabkommen, aus dem die Welthandelsorganisation WTO hervorging, um die Kooperation der Volkswirtschaften zu regulieren. Freilich sind diese institutionellen Schiedsrichter darauf angewiesen, dass ein sogenannter wohlmeinender Hegemon das Funktionieren der internationalen Ordnung mit seiner wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht durchsetzt und garantiert. Bisher waren das die USA. Doch nun will die US-Regierung unter Präsident Donald Trump diese Rolle nicht mehr einnehmen.

Warum ändert sich die Politik der USA?

Dafür könnten zwei Gründe maßgeblich sein. Erstens ist China nach seinem Eintritt in den Weltmarkt 1978 und in die WTO 2001 so erfolgreich und groß geworden, dass es jetzt auf Augenhöhe mit den USA agiert und sich nicht mehr von den USA die Regeln vorschreiben lassen möchte. Und zweitens glaubt die US-Regierung, dank ihrer Selbstversorgung mit Energie nicht mehr so auf den Welthandel angewiesen zu sein wie früher.

Will der US-Präsident nur ein größeres Stück für die USA aus dem globalen Handel herausschneiden oder werden auch internationale Strukturen zerrissen?

Vor allem beabsichtigt Trump wohl, den Aufstieg Chinas zur Nummer eins der Weltwirtschaft so lange wie möglich hinauszuzögern. Dafür ist er bereit, Einbußen hinzunehmen. Sein Motto: Die USA verlieren etwas, aber China verliert mehr, und das ist ein Vorteil für Amerika. Um das nationale Interesse durchzusetzen, nimmt Trump auch in Kauf, die zwischenstaatliche Kooperation zu beschädigen. Die Neubenennung von Richtern bei der Berufungsinstanz der WTO-Streitschlichtung hat er so lange behindert, dass das gesamte Verfahren gefährdet ist.

Globalisierung: Große Schwellenländer wollen nicht mitspielen

Werden die USA, China und die EU die weltweit entscheidenden ökonomischen und damit auch politischen Blöcke in den kommenden Jahrzehnten sein?

So sieht es aus. China treibt seine Expansion voran, etwa mit dem Handelssystem der sogenannten Seidenstraße und den eigenen internationalen Entwicklungsbanken. Trotzdem gelingt es der Regierung in Peking nicht, eine Phalanx gegen die USA aufzubauen. Große Schwellenländer wie Indien, Mexiko und Brasilien wollen nicht richtig mitspielen. Die USA können ihre dominierende Position noch eine Zeitlang verteidigen. Ein Ersatz für den Dollar als globale Leitwährung ist nicht in Sicht. Europa ist durch den Abschied Großbritanniens zwar geschwächt, war 2018 mit seiner gemeinsamen Wirtschaftsleistung von rund 22 Billionen US-Dollar – auf der Basis von Kaufkraftparität – aber noch die Nummer zwei, hinter China mit rund 25 Billionen Dollar und vor den USA mit knapp 21 Billionen.

Aus der Sicht der Bürgerinnen und Bürger – worin bestehen die Vorteile der Globalisierung?

Ihre Realeinkommen steigen. Die Kaufkraft ihrer Verdienste nimmt zu, sie können sich mehr Konsum leisten. Dafür sorgt unter anderem der Import günstiger Produkte aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Außerdem sichert Wohlstand im Ausland Arbeitsplätze hierzulande. Flüge für 400 Euro von Frankfurt nach Bangkok und zurück – auch das ist Globalisierung.

Und die Nachteile?

Als vor 50 Jahren beispielsweise die Bekleidungsindustrie aus Deutschland und anderen wohlhabenden Ländern nach Asien abwanderte, gingen hier Arbeitsplätze verloren und die Löhne gerieten unter Druck. Heutzutage besteht die Herausforderung darin, im Inland eine ausreichende Zahl von Stellen in zukunftsträchtigen Branchen zu generieren. Damals gelang dies auch in der Textilindustrie: weg von Heimtextilien und hin zu Industrietextilien. Wo aber sitzen die modernen Firmen für Internetdienstleistungen, Portalökonomie, Video- und Musikstreaming heute? In Deutschland meist nicht, sondern in den USA und China. Wir müssen versuchen, uns die Digitalisierung zu eigen zu machen. Dabei fordert die Globalisierung vielen Beschäftigten große Mühen ab. Sie bringt Unsicherheit mit sich, man muss sich ständig fortbilden, eventuell den Wohnort und die Branche wechseln, sich mit fremden Leuten und Ideen auseinandersetzen. Außerdem nimmt die Gefahr der sozialen Spaltung innerhalb vieler Staaten zu.

Globalisierung: Gefahr der sozialen Spaltung ist groß

Warum wachsen die sozialen Unterschiede?

Die Fähigkeit, in der Digitalwelt als Arbeitnehmer und als Nutzer einen Platz zu finden, wird über den sozialen Status entscheiden. Fleiß, Disziplin und Lohnzurückhaltung werden fehlende Fähigkeiten nicht ausgleichen können. Zusammen mit dem demografischen Wandel ist daher gerade in einer alternden Gesellschaft wie der deutschen die Gefahr der sozialen Spaltung groß.

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