+
"Im Jahr 2008 platzte die Immobilienblase in den USA. Heute haben wir eine Alles-Blase", sagt Finanzexperte Dirk Müller.

Finanzexperte

"Wir haben eine Alles-Blase"

  • schließen

Finanzexperte Dirk Müller spricht im Interview über Goldgräber in China, die Vorzeichen eines Crashs an den Börsen und Optionen für Kleinanleger.

Die Stimmung an den Aktienbörsen ist durchwachsen – auf ein Plus folgt ein Minus, auf ein Minus ein Plus. In seinem neuen Buch „Machtbeben“ warnt der als „Mister Dax“ bekannte Börsenexperte Dirk Müller vor einer der größten Wirtschaftskrisen. Wir sprachen mit ihm über seine Prognose.

Herr Müller, wie ist die jüngste Verkaufsstimmung an den Aktienmärkten zu deuten?
Es kommt drauf an, wo man hinschaut. Bei den deutschen Aktien haben wir einiges verloren, im Juni stand der Dax bei 13 600 Punkten, nun im Oktober sind es mehr als 2000 Punkte weniger. In China sind es seit Januar 30 Prozent weniger, ähnlich sieht es in anderen Schwellenländern aus. Die einzigen Märkte, die stabil blieben, sind die amerikanischen.

Woran liegt das?
Der Grund ist das Aktienrückkaufprogramm der Unternehmen. Die Regierung Trump hat Ende letzten Jahres die Entscheidung getroffen, dass die Konzerne die angesparten Auslandsgewinne, die sie aus Steuergründen im Ausland gebunkert haben, mit einer geringen Steuer nach Hause holen können. Es geht dabei um über drei Billionen Dollar. Davon investierten die Unternehmen bislang 800 Milliarden Dollar in den Kauf eigener Aktien. Sie sind die einzigen Käufer an den amerikanischen Märkten. Die anderen, also Hedgefonds oder auch die Vorstände der Konzerne, verkaufen ihre Aktien. Die vermeintliche Stabilität der amerikanischen Märkte beruht einzig auf dieser künstlich erzeugten Nachfrage seitens der Unternehmen.

Bedeutet dies, das Ende der Börsenparty ist eingeläutet?
Davon muss man aktuell ausgehen. Derzeit kommen viele negative Faktoren zusammen: Seit 2009 wurden die Finanzmärkte mit Geld der internationalen Notenbanken angetrieben. Nun, im Herbst 2018, pumpen die Notenbanken kein Geld mehr in die Märkte, sondern ziehen netto Geld ab. Der Rückenwind von einst wird zum Gegenwind. Dazu kommen die Zinserhöhungen in den USA, die den Druck auf die chinesische Wirtschaft zusätzlich erhöhen. Die Wirtschaft kühlt ab. Seit geraumer Zeit sehen wir daher Spannungen in den Finanz- und Weltwirtschaftssystemen. 

Wir reden also nicht darüber, ob ein Crash kommt, sondern wann er kommt?
Das ist richtig. Ein konkreter Zeitpunkt für einen Crash lässt sich genauso wenig wie ein Erdbeben vorhersagen. Man kann Spannungen erklären, Zusammenhänge aufweisen, kann belegen, dass die Situation aktuell sehr gefährlich ist, die zu heftigen Reaktionen an den Märkten führen wird, wenn sich nichts Wesentliches ändert. Doch schon die Entscheidung der Notenbank, erneut Geld in die Märkte zu pumpen oder die Tatsache, dass die USA den Handelskrieg mit China beenden, kann dazu führen, dass sich alles von heute auf morgen ändert. Damit könnte aber nur Zeit gewonnen werden.

Was stützt Ihre Annahme? Sie erwähnten die Blase in China, aber wie sieht es mit den Anleihemärkten aus?
Im Jahr 2008 platzte die Immobilienblase in den USA. Heute haben wir eine Alles-Blase. Es gibt nichts, was nicht zu teuer wäre. Der Grund ist das billige Geld der Notenbanken: Immobilien zu teuer, die Zinsen für Anleihen weltweit lächerlich niedrig, die Kurse für Anleihen lächerlich hoch. Wir haben eine Wirtschaftsblase in China mit überbewerteten Immobilien, die Technologieaktien in den USA sind ebenfalls überbewertet. In den vergangenen zehn Jahren haben Investoren verzweifelt versucht, irgendwo etwas mehr Rendite zu bekommen. Also gaben sie sich auch mit schlechten Schuldnern zufrieden, die etwas mehr Rendite versprochen haben.

Wie wirkt sich das aus?
Die schlechten Schuldner haben sich vollgesogen mit billigen Krediten – vornehmlich in Dollar. Hebt Amerika nun die Zinsen an, müssen sie mehr für den Kredit zahlen, zum einen mehr über die Zinsen, zum anderen, weil der Dollar gegenüber der jeweiligen Landeswährung zugelegt hat. Das verteuert den Kredit zusätzlich. Das heißt, mit dem Anheben der amerikanischen Zinsen wurde ein Teufelskreis in den Schwellenländern und den Unternehmen ausgelöst. Das sehen wir jetzt in Italien, Venezuela, Südafrika und in China.

Worauf muss der Kleinanleger jetzt achten?
Auf China. Es gibt dort die größte Wirtschaftsblase, die die Weltgeschichte je gesehen hat. Geschieht kein Wunder, wird die Blase durch die steigenden Zinsen in den USA platzen. Große Unternehmen wie HNA und Wanda Group sind schon jetzt in finanziellen Schwierigkeiten. Investoren ziehen bereits ihr Kapital ab. Dem versucht China zwar entgegenzuwirken, hat aber wenig Möglichkeiten, dies effektiv zu tun. Dass die Blase dann platzt, ist ein normaler Mechanismus.

Was ist daran normal?
Die Situation ist vergleichbar mit der Goldgräber-Blase in Alaska: Es wurde Gold gefunden, aber nicht in der Masse wie Goldgräber auftauchten. Es war zu viel Spekulation dabei. Die China-Story ist vergleichbar: Ein Milliardenvolk will zum Westen aufschließen. In China sind die Goldgräber die weltweiten Investoren, die Immobilien und Unternehmensbeteiligungen gekauft haben.

BMW hat unlängst die Mehrheit am Autohersteller Brilliance übernommen. Will China damit einen Investor halten?
Es könnte ein Versuch der chinesischen Regierung sein, wieder Geld nach China zu locken, indem man die Beteiligungsregeln lockert. Momentan verlässt das Geld China, deshalb erlässt der Staat Regelungen, um Investoren und damit Geld ins Land zu locken oder es zumindest zu halten.

Wenn all die Gefahren bleiben, wie stark geht es abwärts?
Eine normale Korrektur von 20 Prozent ist kein Crash, sondern gehört in Abständen dazu. 2008, als es nur eine US-Immobilienblase war, gab es einen Einbruch von 50 Prozent, als 2000 die Internetblase platzte, waren es 70 Prozent, bei der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 sogar 90 Prozent. Es ist daher nicht zu gewagt zu sagen, wenn eine derart große Blase wie in China mit all ihren Dominoeffekten platzt, dass es bei den Kursen zwischen 50 und 90 Prozent abwärts gehen könnte.

Wo findet der Kleinanleger die Seismografen, um auszuloten, wenn es eng wird?
Ich kann nur empfehlen, das Risiko aus den eigenen Anlagen etwas herauszunehmen. Die Welt endet nicht bei einem Crash. Die Unternehmen existieren weiter, sie entwickeln weiter, manche profitieren sogar. Vor dem Crash sollte man keine Angst haben, die guten Unternehmen werden danach im Kern immer noch gut sein und so gibt es auch Chancen. Gut möglich, dass man nach einem Crash, die einst teuren Aktien zum halben Preis bekommt.

Lässt sich ein Crash aussitzen?
In normalen Börsenphasen kann man das machen. Wer 1929 gemeint hat, die Verluste aussitzen zu können, der musste 30 Jahre warten, bis er seinen alten Kurs ohne Inflation wieder gesehen hatte. Es kann also viele, viele Jahre dauern, bis man sein Geld wiedersieht.

Woran erkennt man gute Unternehmen? Die Wirtschaftswelt ist im Umbruch: Digitalisierung in den Konzernen, Kryptowährungen machen die Runde, die Autobranche verändert sich. 
Stimmt. Aber vieles kann man schon erkennen: In der Zukunft werden wir eine Welt haben, die massiv auf Onlinehandel setzt, die bargeldlos zahlt und von Monopolen dominiert wird. Ungewiss ist noch, wer künftig die richtigen Autos baut, aber es gibt nur einzelne Hersteller, die für alle autonom fahrenden Autos Steuerungschips und Sensoren anbieten. Im Goldrausch war es auch klug, nicht in die Goldgräber zu investieren, weil man nicht wusste, ob sie etwas fanden, sondern in diejenigen, die die Schaufeln herstellten. 

Interview: Martina Hummel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare