Soziale Unternehmerin

„Wir gönnen uns größtmögliche Ineffizienz“

  • vonChristoph Höland
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Sina Trinkwalder, Chefin des Textilunternehmens Manomama, über gute Stimmung im Büro, den Erfolg ihres neuen Produkts Urbandoo und ihren Ruf als Krisengewinnlerin.

Die Corona-Pandemie zieht eine gewaltige Wirtschaftskrise nach sich. Doch einige Unternehmen profitieren, weil sie Produkte anbieten, die plötzlich sehr wichtig geworden sind. Zum Beispiel Mund-Nasen-Bedeckungen, wie sie Sina Trinkwalders Näherei in Augsburg fertigt. Doch die Unternehmerin, die gerade mit dem beliebten Urbandoo-Mundschutz Erfolge verbuchen kann, hat kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil: sie hofft, dass mehr Unternehmen ihrem Vorbild folgen.

Frau Trinkwalder, Ihr Schlauchtuch Urbandoo verkauft sich momentan richtig gut. Was genau macht ihn aus?

Unser Urbandoo ist ein Schal, der um den Hals geht, also ein sogenannter Loop. Wir fertigen den in meiner Näherei, bei Manomama in Augsburg. Wir haben ihn schon vor zwei Jahren entwickelt, damit Menschen ihre Lunge vor Feinstaub und Pollen schützen können. Nun nutzen ihn viele als Alternative zu einer einfachen Mund-Nasen-Bedeckung.

Und ist er das?

Ein gestrickter Schlauchschal ist nicht so hilfreich, wenn es ums Infektionsrisiko geht. Maschenware dehnt sich, damit sie eng am Mund anliegt. Und wenn sich Maschen dehnen, kommt mehr Luft durch. Unser Urbandoo ist hingegen aus einem feinen, stabilen Gewebe und fällt locker um den Hals. Der Urbandoo ist zudem dreilagig aufgebaut. In der Mitte ist ein umlaufendes, flächendeckendes Filter-Inlay, außerdem eine antibakterielle Nasenklammer und eine innenliegende Beschichtung im Wangenbereich, die dafür sorgt, dass der Schal dicht anliegt.

Das heißt, der Urbandoo schützt auch vor Corona?

Nein, nichts schützt hundertprozentig vor Corona. Er kann aber, wie andere Maßnahmen, etwa Mindestabstand und Händewaschen, dabei helfen, das Infektionsrisiko zu verringern.

Hat die Pandemie Ihr Geschäft beflügelt?

So genau können wir das nicht sagen, weil wir ja erst im November gestartet sind. Und schon die Vorweihnachtszeit war sehr vielversprechend. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die aktuelle Lage unserem Produkt einen Boost gegeben habt.

Ein Schal ist etwas anderes als eine richtige Maske. Haben Sie zwischendurch überlegt, auch in deren Produktion einzusteigen?

Ende Februar haben Kliniken uns von Manomama gefragt, ob wir ihnen mit wiederverwendbaren Mund-Nasen-Bedeckungen aus der Patsche helfen können. Das haben wir damals auch gemacht, schließlich war Not am Mann. Wir haben unsere ganze Kollektion an Hemdenstoffen zu einer Viertelmillion Mund-Nasen-Bedeckungen für Kliniken und Pflegeheime verarbeitet. Die Stoffe waren dafür besonders geeignet, weil sie aus Baumwolle und mit feinen Garnen gewebt sind. Auch aktuell erhalten wir wieder verstärkt Anfrage um Mithilfe. Dieser kommen wir nach Kräften nach.

Das klingt, als sei in diesem Jahr bei Manomama schon ziemlich viel los gewesen …

Wenn man acht bis zehn Stunden am Tag an einer Nähmaschine sitzt und jede Minute purzelt eine Mund-Nasen-Bedeckung raus, geht das auf Dauer ziemlich auf die Psyche. Und wenn man dann im Fernsehen noch Demos von Corona-Skeptikern sieht, fragt man sich, warum man sich überhaupt die Nächte um die Ohren schlägt. Wir haben dann im Mai erstmal aufgehört, Mund-Nasen-Bedeckungen anzufertigen.

Zur Person

Sina Trinkwalder , 42, gründete vor zehn Jahren die Textilfirma Manomama, in der sie hauptsächlich auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen beschäftigt. Sie fertigen auch Stofftaschen für dm, real und Edeka. 2017 gründete sie erneut ein soziales Unternehmen: Brichbag. Hier werden aus Textilresten der Sonnenschutzindustrie Upcycling-Rucksäcke hergestellt, die an Obdachlose verteilt werden. Seit Ende 2019 verkauft Trinkwalder den Loop-Schal Urbandoo. Trinkwalder hat zahlreiche Unternehmerpreise gewonnen und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Haben Sie damit nicht ein lukratives Geschäft sausen lassen?

Wir waren eines der wenigen Unternehmen, das die Mund-Nasen-Bedeckungen zum Selbstkostenpreis von 3,40 Euro abgegeben hat. Das Nähen von Jeans, was wir sonst machen, wäre lukrativer gewesen. Mir ist das wichtig, weil ich anfangs gekämpft habe, dass gerade die Industrieunternehmen keine Masken für 15 Euro verkaufen. Wobei die Kritik nicht den kleinen Ateliers gilt. Wenn die sieben bis zehn Euro nehmen, ist das in Ordnung, weil das echte Handarbeit ist.

Insgesamt klingt es, als wären Sie gut ausgelastet. Fühlt man sich da nicht manchmal wie eine Krisenprofiteurin?

Mich interessiert dies Gerede von Kriegsgewinnlern nicht. Weil wir auf eine Fertigung in Deutschland setzen, wirft man uns seit der Gründung vor zehn Jahren vor, die Globalisierung nicht zu verstehen. Und jetzt, wo wir helfen können, weil wir heimisch fertigen und unsere regionalen Lieferketten funktionieren, werden wir als Krisenprofiteure bezeichnet. In Bayern sagen wir: Wie du es recht machst, machst du es falsch!

Die Globalisierung nicht zu verstehen ist ein interessanter Vorwurf. Woher kommt der?

Ich habe Manomama gegründet, weil ich möglichst vielen Menschen, die lange Jahre erwerbslos waren, die Chance geben wollte, ihren Erwerb zu bestreiten. Einen händisch intensiven Produktionsbetrieb in einem – global verglichen – Hochlohnland zu gründen stieß auf viel Unverständnis im ökonomischen Umfeld. Die Chance haben wir genutzt: Bis heute tragen wir uns, sind zu 100 Prozent eigenkapitalfinanziert, erhielten nie wirtschaftliche Subventionen und wertschöpfen auch weiterhin konsequent regional und ökologisch.

Regionale Wertschöpfung ist ein Schlagwort, das man öfter hört hat. Was heißt das eigentlich?

Die gesamten Komponenten, ob bei Manomama oder etwa für den Urbandoo, kommen aus der Region. Das Material ist Zellulose in Form von Viskose, besteht also aus Holz aus Deutschland und Österreich. Der Kordelstopper kommt aus der Oberpfalz, die Kordel aus dem Schwäbischen, das Gummi aus dem Fränkischen, die Silikonbeschichtung und das Messing aus dem nördlichen Baden Württemberg. Und zusammengebracht wird das in Augsburg, da fertigen und bedrucken wir nach ökologischen Richtlinien.

Sie werden schon lange als Sozialunternehmerin bezeichnet. Wie spiegelt sich das in den Arbeitsbedingungen wider?

Vorweg: Die Bezeichnung ist mir nicht wohl, weil soziales Handeln für mich schlichtweg zum Unternehmertum gehört. Aber solange das nicht die Regel ist, hab ich die Titulierung akzeptiert (lacht). In Sachen Arbeitsbedingungen lasse ich andere für uns sprechen: Uns hat schon unsere Hausverwaltung abgemahnt, weil wir so viel lachen und singen – was andere Nutzer des Gebäudes offenbar stört. Grundsätzlich geht es bei uns einfach darum, was den Ladies und Gentlemen wichtig ist. Wir haben beispielsweise von sechs bis 22 Uhr geöffnet. Meine Kollegen und Kolleginnen kommen dann, wenn sie ihre Familie versorgt haben, nicht, wann ich als Chefin den Arbeitsbeginn für richtig halte. Eigentlich gönnen wir uns eine größtmögliche Ineffizienz.

Nun ist die Wirtschaft in Krisenstimmung, Sie scheinen recht selbstbewusst und optimistisch zu sein …

Als ich Manomama 2010 gegründet habe, lag nach der Finanzkrise vieles am Boden. Mich haben damals viele für bekloppt gehalten, als sie mitbekamen, ich würde in Deutschland einen Produktionsbetrieb gründen. Jetzt habe ich schon wieder drei neue Projekte in der Mache. Denn wir haben gerade eine Chance für einen Neustart ökonomischer Natur – zurück zur sozialen Marktwirtschaft unter Berücksichtigung des Klimas. Ich bin kein Fan von Kritik am Wachstum, denn Wachstum kann auch qualitativ sein. Weniger konsumieren, dafür das bessere. Und dieses Bessere ist künftig unter ökologischen Bedingungen regionaler hergestellt.

Sie fertigen sozial und ökologisch in Deutschland. Ist das die Richtung, in die es gehen soll?

Ja, aber wahrlich nicht absolut. Wenn Sie in diesen Zeiten von regionaler Wertschöpfung sprechen, schwingt ein Nationalismus mit, den ich ablehne. Was soll in Norditalien schlechter sein als in Süddeutschland? Es muss um intelligente Wertschöpfung gehen. Für mich als Textilunternehmerin ist klar, dass Baumwolle nur in wärmeren Gegenden wächst. Also muss ich enge Beziehungen auf Augenhöhe zu den dortigen Bauern knüpfen. Eine Weiterverarbeitung in Afrika ist hingegen schwierig, aufgrund des Klimas und der Logistikprobleme dort. Das ergibt in Deutschland einfach mehr Sinn, zumal die Spinnereien und Webereien noch aktiv sind.

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