Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Günter Berz-List sorgt sich um die Branche.
+
Günter Berz-List sorgt sich um die Branche.

Schwälbchen

„Wir fahren alle einen Crash-Test“

  • Stephan Börnecke
    VonStephan Börnecke
    schließen

Schwälbchen-Chef Berz-List über niedrige Milchpreise, die Not der Bauern und die Regionalstrategie der Molkerei.

In der Ecke des Besprechungsraums am Rande von Bad Schwalbach im Taunus stehen die Relikte: Ein altes hölzernes Butterfass und eine Zentrifuge, um den Rahm von der Milch zu trennen. Günter Berz-List stürzt in den Raum, dessen indirekte Beleuchtung alles ein wenig ins typische Schwälbchen-Grün taucht: „Sie kommen in einer sehr, sehr schwierigen Zeit. Wenn wir nicht aufpassen, fahren wir alle an die Wand.“ Das rutscht ihm so raus, denn die Milchkrise, die zweite nach 2009, hat die Branche tief verunsichert.

Herr Berz-List, warum verkaufen Sie nicht einfach nur Milch, Quark und Joghurt?
Würden wir nur Milch-Basisartikel verkaufen, dann würden unserem mittelständischen, regionalen Unternehmen ganz wichtige Säulen der Wertschöpfung fehlen. Wir stünden in einem heftigen Wettbewerb allein bei den Discountern. Dort werden diese Basis-Artikel ausschließlich über den Preis verkauft. Sie machen teilweise 90 Prozent des Sortiments aus. Hätten wir in dieser Konkurrenz mitgemacht, wären wir nicht 78 Jahre alt geworden.

Inzwischen gibt es bei Schwälbchen nicht nur Ayran und Grüne Soße, sondern sogar Kaffee. Was hat eine Molkerei mit Kaffee zu tun?
Kaffee und Milch gehören doch zusammen! Wer heute, ob in Frankfurt oder in Berlin, durch die Einkaufsstraßen bummelt, stößt überall auf Coffeeshops. Diesen Trend haben wir aufgegriffen. Auf Basis von echtem Espresso haben wir dann kalte Getränke wie Latte Macchiato oder Latte Cappuccino entwickelt. Wir haben eine neue Zielgruppe hinzugewonnen. Normal ist es bei den Schwälbchen-Produkten doch so, dass man sie im Supermarkt kauft, nach Hause trägt und sie dann irgendwann zubereitet und isst. Bei Caffreddo ist das anders: Man schreibt nicht auf den Einkaufszettel, „kalten Kaffee kaufen“. Sondern das ist ein Adhoc-Artikel aus dem Kühlregal. Da greifen vor allem jüngere Menschen zu. Wir führen sie so früh an Schwälbchen heran. Anders als mit unserer grünen Linie sind wir mit Caffreddo nicht nur in unserer Heimatregion, sondern auch in Berlin, NRW oder München vertreten.

Ihre Konkurrenz setzt lieber auf Heumilch oder Marken wie Weideglück, die traditionelle Fütterung oder Weidehaltung versprechen. Oder sie macht eine Bio-Schiene auf. Ist das bei Schwälbchen kein Thema?
Wir sind eine traditionell-konventionelle Molkerei. Wir sind regional ausgerichtet. Dabei soll es auch bleiben. Rewe oder Edeka nehmen unser gesamtes Sortiment ab. Wir haben dort örtlich fünf Meter Kühlregalfläche. In unserer Region sind wir damit genauso stark vertreten wie große nationale Marken, die normalerweise in einer ganz anderen Liga spielen. Ich glaube außerdem nicht, dass Bio besser ist. Heute hat Regional bei der Kundschaft einen viel höheren Stellenwert als Bio. Regio schlägt Bio, das hat die Nestle-Studie von 2011 gezeigt. Das gibt uns Recht. Natürlich gibt es auch regionales Bio. Aber nehmen Sie eine Bio-Tomate. Die kommt aus Italien, aus Spanien oder von noch weiter her. Oder ein Bio-Steak. Das stammt etwa aus Argentinien. Die Frage ist, welchen ökologischen Fußabdruck hinterlässt das Produkt, wenn es über Tausende von Kilometern zu uns kommt und womöglich auch noch eingeflogen wird.

Aber was ist regional?
Zugegeben, das kann man kaum definieren. Nur so viel: In der Region, in der wir bei den Bauern die Milch abholen, verkaufen wir auch unsere Produkte. Das ist für mich regional.

Wie weit müssen Sie denn für die Milch fahren?
Wir stellen Frischeartikel her, jeder Liter Rohmilch, der zu uns kommt, geht als frische, sogenannte Temperatur geführte Ware auch wieder heraus. Und zwar für den Großraum Rhein-Main-Neckar. Ein Gebiet mit hoher Kaufkraft. 150 bis 170 Kilometer müssen wir zu unseren Lieferanten fahren, mehr nicht. Natürlich ist das weiter als früher. Aber im Taunus oder um Frankfurt herum gibt es schon lange keine Milchbauern mehr. Vogelsberg, Odenwald, Schwalm-Eder, da arbeiten unsere Bauern. Die Mehrheit unserer Kunden hingegen leben in einem engeren Umkreis um die Molkerei, viele aber auch rund um Kassel oder Fulda.

Mehr Kilometer, aber weniger Bauern?
Wir holen die Milch heute bei etwa 350 Bauern ab. Vor 15 Jahren hatten wir 800, vor zehn Jahren vielleicht 500 Landwirte. Die Milchmenge aber hat sich kaum verändert.

Das verwundert: Viele Molkereien klagen, dass sie nicht mehr wissen, wohin mit der Milch, weil alle auf Teufel komm raus melken.
Stimmt. Auch wir werden reichlich beliefert. Wir haben unseren Bauern nach der Aufhebung der Milchquote vor einem Jahr gesagt, wir garantieren die Abnahme eurer Milch, wenn ihr den Hof erweitern wollt. Wir arbeiten mit vielen unserer Bauern seit Generationen zusammen. Soll ich da einem selbständigen Landwirt, der seine Kapazität aufstocken will, das verwehren? Nein, das werde ich nicht tun.

In Folge der jüngsten Verhandlungen zwischen Molkereien und Handel wurde die Milch 13 Cent bei Aldi jetzt billiger. Entsteht daraus ein Sog?
Dann legen wir am Ende drauf, sollten die anderen Händler mit allen Produkten diesem Preisabsturz folgen. Wenn ich diesen Rutsch weitergeben würde an meine Bauern, dann müssen die aufhören. Heute zahlen wir sechs, sieben Cent weniger als vor einem Jahr. Die 27, 28 Cent, die es jetzt gibt, liegen aber noch über dem, was andere Molkereien zahlen. Schon dieser Preis aber ist für die Bauern nicht auskömmlich. Das halten die ein paar Monate aus, länger nicht. Rechne ich die jüngste Preisrunde durch, dann komme ich auf einen Auszahlungspreis von 20 Cent. Das bedeutet: Licht aus in allen Ställen.

Die Krise scheint kein Ende zu nehmen. Es gibt zu viel Milch auf dem Markt, es findet eine Art Wettmelken statt, um die fallenden Preise aufzufangen. Was tut Schwälbchen?
Wir kämpfen darum, unsere Regionalmarke, die grüne Linie, aus der Preiserosion herauszuhalten. Die Preise aber bilden sich zu einem Großteil am Weltmarkt, nicht nur bei der Milch, auch bei anderen Agrarprodukten. 47 Prozent der deutschen Milch gehen als Käse oder Magermilchpulver in die Ausfuhr. Der Export aber läuft schlecht. Das staut nun zurück und zieht die Preise runter. Der Preisdruck ist also überwiegend importiert. Die Kosten aber entstehen hier. Edeka Südwest hat das jetzt erkannt und eine Garantie für Regionalmarken ausgesprochen.

Die Edeka-Preisgarantie gilt aber nur für ein kleines Segment.
Das ist richtig. Aber es geht dennoch eine Signalwirkung davon aus. Meine Hoffnung ist, dass wenigstens die Regionalmarken nicht betroffen sind und auch andere Edeka-Großhändler und Rewe die Preise für diese Produkte hoch halten. Auch dem Verbraucher ist doch klar, dass man Vollmilch für 46 Cent nicht erzeugen kann.

Die Grünen sprechen von einem gnadenlosen Preisdiktat des Handels.
Die Schuld allein beim Handel zu suchen, greift zu kurz. Klar bereitet der Handel durch seine Nachfragemacht Probleme. Man kann mit dem Handel aber auch enorm wachsen. Etwa nach Frankreich, Italien oder Dänemark. Denn die Discounter nehmen ihre deutschen Lieferanten mit. Im Grunde aber kann man Verbraucher, Handel und Molkereien in einen Sack stecken. Ziehen Sie einen aus dem Sack, erwischen Sie immer den richtigen. Da nehme ich meine Branche gar nicht aus: Die Molkereien sitzen auf jeder Menge Überkapazitäten. Und natürlich gibt es viele Menschen, die auf billige Preise angewiesen sind, das stimmt. Aber es gibt auch den Porsche vor dem Aldi, Kunden, die es nicht jucken sollte, ob sie ein paar Cent mehr berappen. Wenn ich am Wochenende ins Grüne fahre, dann will ich weidende Kühe sehen. Dafür kann man doch mal zehn Cent mehr bezahlen, um das zu erhalten.

Nach langem Zögern hat EU-Agrarkommissar Phil Hogan nun einen ungewöhnlichen Schritt angekündigt: Er will die Molkereien und damit die Bauern zwingen, die Milchmenge zu reduzieren. Wie reagiert Schwälbchen darauf?
Hogan ist spät unterwegs. Wie der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt auch. Hogan ist Ire, und die Iren steigern gerade ihre Milchmenge um 30 Prozent und bekennen sich auch dazu. Kann ich mir eine Mengenbegrenzung durch die Hintertür vorstellen? Solange es auf freiwilliger Basis geschieht, klingt es machbar. Für Schwälbchen aber kann ich mir eine Mengenbegrenzung übers ganze Jahr nicht vorstellen. Vielleicht in einer absatzschwachen Zeit, etwa im Januar oder Februar, zu der wir Milch ohnehin an den Spotmarkt zu niedrigsten Preisen abgeben. Da wäre es vorstellbar. Dann könnte man auch einen Bonus von zwei Cent für den nicht gelieferten Liter Milch zahlen. Sonst nicht, weil ich dann unser eigenes Produktionsprogramm gefährden würde.

Aber das sind sieben, acht Monate hin. Bis dahin werden viele Milchbauern aufgegeben haben.
Die Krise hat vor mehr als einem Jahr begonnen. Keiner von unseren Landwirten hat in 2015 oder den ersten Monaten dieses Jahres aufhören müssen, weil er illiquide wurde. Was jetzt droht, das hat eine andere Dimension. Da lege ich meine Hand nicht mehr ins Feuer, dass es alle schaffen. Von 20 Cent kann kein Bauer leben. Wir, und damit meine ich alle Beteiligten, fahren jetzt massenweise einen Crash-Test. Das betrifft nicht nur Landwirte. 70 Prozent der deutschen Milchmenge sind in Hand von Genossenschaften. Wenn die Bauern als Genossen aussteigen, droht den Molkereien ein Kapitalabfluss. Denn die Landwirte – oder im Falle der Insolvenz ihre Gläubiger – ziehen ihre Anteile ab. Mit dem Sterben der Höfe ist dann auch ein Verlust an Kapital bei den Molkereien verbunden. Und was macht es mit dem Landwirt als Menschen, wenn er den Schlüssel auf dem Hof umdreht, den die Familie seit Generationen bewirtschaftet hat?

Das klingt nach gnadenloser Marktbereinigung.
Das kommt so, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Ich glaube nicht, dass die Politik in letzter Minute etwas zustande bringt. Abgesehen davon, dass es auf europäischer Ebene geschehen müsste, weil allein ein Handeln in Deutschland gar nicht ausreichen würde. Die Interessen in Irland aber sind andere als in Italien und wieder andere als in Litauen oder Dänemark.

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat sogar eine Notreduzierung der Milchmenge verlangt, die noch nicht einmal entschädigt werden solle.
Einige deutsche Agrarminister haben sich ähnlich geäußert. Wenn freiwillig nichts passiert, dann müsse der Staat Verträge mit Menge, Laufzeit und Preis vorschreiben. Davon halte ich überhaupt nichts. Ich denke, die Molkereien müssen mit ihren Landwirten einen Weg finden, wie man bestmöglich durch die Krise kommt. Dabei muss es nicht unbedingt um eine Begrenzung der Milchmenge gehen. Ich denke, dass wir jetzt in der warmen Jahreszeit jeden Liter brauchen, weil die Nachfrage da ist. Um der Preiserosion etwas Substanzielles entgegenzustellen, müssen alle Beteiligten mehr Unterstützung für Milchprodukte zeigen. Nur das führt zu mehr Wertschöpfung.

Interview: Stephan Börnecke

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare