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Möglicherweise empfindet kein einziger Anleger "Furcht vor einem Handelskrieg". Aber er glaubt, die anderen Anleger hätten Furcht und spekuliert daher auf fallende Kurse.

Finanzsystem

"Wir erleben derzeit eine Strangulation"

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Ökonom Stephan Schulmeister spricht im Interview über übermächtige Märkte und die schweren Mängel des Finanzsystems.

Zehn Jahre liegt der Höhepunkt der letzten Finanzkrise nun zurück. Heute sieht alles golden aus: Aktien, Immobilien, Anleihen sind in luftige Höhen gestiegen. Das globale Finanzvermögen wächst und mit ihm die Macht der Märkte. Gegen sie – das hat die Euro-Krise gezeigt – kann keine Politik gemacht werden. Sie gelten wieder als Wächter der Stabilität, der hohe Staatsschulden und Managementfehler unbarmherzig bestraft. So scheint es. „Es gibt nicht das Subjekt ‚die Märkte‘, es gibt nur die Vorstellung von diesem Subjekt“, sagt der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister. Durch die Inthronisierung der Märkte würden alle Alternativen zum Verschwinden gebracht. „Fühlen wir uns diesen Mächten unterworfen, dann macht die Frage ‚In welcher Welt wollen wir leben?‘ keinen Sinn mehr. Sie wird utopisch.“

Herr Schulmeister, Sie haben viele Jahre das Geschehen an den Finanzmärkten untersucht. In täglichen Börsenberichten wird uns erzählt, Anleger hätten „Furcht vor einem Handelskrieg“. Dann wieder herrscht an der Börse „Sorge vor einer neuen Euro-Krise“. Anderntags keimt dort „Hoffnung auf eine Einigung mit Nordkorea“. Die Märkte scheinen empfindsame Wesen zu sein.
Furcht, Sorge, Hoffnung – diese Emotionen sind ja nur Bilder. Möglicherweise empfindet kein einziger Anleger „Furcht vor einem Handelskrieg“. Aber er glaubt, die anderen Anleger hätten Furcht und spekuliert daher auf fallende Kurse. Als Händler zählt für mich ja nicht die eigene Einschätzung der Weltpolitik. Sondern meine Einschätzung der Einschätzung der anderen. Die Händler müssen also Erwartungen bilden über die Erwartungen anderer, die wiederum das Gleiche tun. Alle beobachten sich also quasi gegenseitig. Das ist wie ein Spiegel im Spiegel.

Wie kommt dieser Prozess je an ein Ende?
Nehmen wir an, ich bin ein Aktienhändler. Dann kommt die Meldung „Handelskrieg droht!“ Ich selbst denke: Das ist Unsinn. Ich frage mich aber, wie die anderen diese Nachricht verarbeiten. Ich weiß es nicht. Aber ich gehe mal davon aus, dass die anderen dies als negatives Signal werten. Tun das viele, so können die Kurse tatsächlich sinken. Für einen Wertpapierhändler ist die reale Welt von Wirtschaft und Politik nur eine Quelle von Daten und Informationen, die Trends an den Märkten auslösen, denen er folgen und die er vorausahnen muss.

Das ist schon irrational.
Nicht unbedingt. Was die herrschende Lehre von der Ökonomie nicht versteht, ist, dass der Begriff der Rationalität vom Zusammenhang abhängig ist. Was die Händler an der Börse tun, mag irrational scheinen. Aber vielleicht funktioniert dieses Spiel nach anderen Regeln, als die Ökonomen glauben. In diesem Fall wären die Börsenhändler rational und die Ökonomen irrational, weil sie noch immer daran glauben, dass der Finanzmarkt die Realität von Politik und Wirtschaft widerspiegelt.

Im deutschen Fernsehen wird jeden Abend das Publikum damit vertraut gemacht, was am Tage die Märkte so bewegt hat. Ist das sinnvoll?
Es ist ein Akt der Gegenaufklärung, der Entmündigung. Der Markt oder die Märkte werden zu einem Subjekt, das handelt, das etwas erwartet oder fürchtet. Vor 40 Jahren, als ich studiert habe, gab es eine solche Sprache nicht. Damals war der Mensch das Subjekt und der Markt sein Instrument, etwas zu erreichen. Heute gilt eher der Satz des Ökonomen Hayek: Die Menschen müssen sich den anonymen Kräften des Marktes unterwerfen. 

Hayek argumentierte als Liberaler stets für die Freiheit der Menschen. Wie passt dazu die Aufforderung der Unterwerfung?
Das ist die Paradoxie des Neoliberalismus: Er predigt Freiheit durch Unterwerfung. Die Börsenberichte sind nur ein Teil dieses Systems – ein Teil einer Weltanschauung, in der der Einzelne den Kräften der Märkte ausgeliefert ist und er daher vor der „Tagesschau“ informiert wird, was diese anonymen Mächte heute so getrieben haben und was sie von uns erwarten.

Diese Erwartungen werden in Aktienindexpunkten formuliert und sind daher nicht besonders eindeutig.
Daher werden die Deuter dieser rätselhaften Mächte wichtiger – wie früher die Schamanen. Erster Schritt: Die Märkte werden zu einem höheren Wesen. Zweiter Schritt: Die Sprache der Märkte ist deutungsbedürftig. Was sagen sie uns? Dritter Schritt: Auftritt der Priester, die den Marktbewegungen einen Sinn ablauschen. Das hat man in der Euro-Krise gut sehen können: Den Märkten wurde eine Art Richterfunktion über Staaten wie Griechenland oder Irland zugewiesen – das waren allerdings die gleichen Märkte, die in den Jahren zuvor Südeuropa bedenkenlos Kredit zu geringen Zinsen gegeben haben. Noch heute werden die Zinsbewegungen an den Börsen gedeutet als das unbestechliche Urteil der Märkte über die Solidität von Regierungen. 

Was sie aber nicht sind?
Nein. Es lässt sich zeigen, dass Aktienkurse, Wechselkurse, Rohstoffpreise und zum Teil auch Zinssätze dem Muster von Bullen- und Bärenmärkten folgen. Diesen von den Märkten selbst produzierten Trends rennen Anleger hinterher, wodurch diese Trends wiederum verstärkt werden. Es sind von der realen Ökonomie losgelöste Bewegungen. Da sie gefährlich sind, hat man dem Finanzsektor früher Beruhigungspillen in Form von strenger Regulation verabreicht, so wie einem psychisch Kranken. Schon der Ökonom und Finanzanleger John Maynard Keynes hat gesagt: Die Liebe zum Geld ist eine Krankheit. 

Sie kritisieren nicht nur die Macht des Finanzsektors. Sie sprechen von einer ganzen „Spielanordnung Finanzkapitalismus“. Was meinen Sie damit?
Es ist ein System mit eigenen Regeln. Man muss sich klar machen: Es gibt drei Arten der Beteiligung am erwirtschafteten Ertrag: Für unternehmerisches Handeln gibt es Profit, für Arbeit den Lohn. Die dritte Kategorie sind Finanzanleger, aber auch Immobilienbesitzer. Quelle ihres Einkommens ist keine Leistung, sondern allein der Besitz. Diese Quelle des Einkommens gewinnt im Finanzkapitalismus an Bedeutung.

Was ist daran schlecht?
Erstens setzt sich eine ganz andere Logik durch. Die Logik des Wertpapierhändlers lautet: Je mehr mein Handelspartner verliert, umso mehr gewinne ich. Ein Unternehmer dagegen kann niemals ein erfolgreiches Geschäft aufbauen nach der Devise „Je schlechter es meinen Mitarbeitern oder Lieferanten oder Kunden geht, umso besser geht es mir“. 

Und zweitens?
Wenn Besitz, wie zum Beispiel Aktien, höhere Erträge abwirft als unternehmerisches Handeln, dann wird die Anreizstruktur verzerrt: Finanzspekulation lohnt sich mehr als das Schaffen echter Werte. Finanzkapitalismus heißt, dass das Gewinnstreben sich verschiebt von der Herstellung von Gütern zur Spekulation auf Bewertungsveränderungen.

Woran lässt sich dieser Prozess erkennen?
Zum Beispiel daran, dass der Unternehmenssektor per Saldo spart. Eigentlich müsste es so sein, dass die privaten Haushalte sparen, die Unternehmen verschulden sich, sie leihen sich das Geld und produzieren damit ihre Güter. Auf diese Weise wird das Sparen der Haushalte verwandelt in Maschinen, Arbeitsplätze, Produkte. Nur so kann Kapitalismus auf Dauer funktionieren. Heute ist es aber so, dass die Unternehmen ihrerseits sparen, und das heißt: überschüssiges Geld nicht investieren, sondern vermehrt am Kapitalmarkt anlegen. Das System funktioniert nicht mehr.

Woran liegt das?
Damit das System funktioniert, muss die erwartete Profitrate auf Realinvestitionen höher sein als die Zinsen – und zwar deutlich höher, da Investitionen in Maschinen oder Anlagen sehr riskant sind. Man kann sie nicht – wie Finanzwerte – von heute auf morgen verkaufen. Im Deutschland der sechziger Jahre zum Beispiel lag die Rendite von Realanlagen über 20 Prozent und der Zins inflationsbereinigt bei ein bis zwei Prozent. Dann fließt das Geld natürlich in Fabriken und nicht in Zinspapiere. So entstehen „Wirtschaftswunder“. Das System funktioniert in dem Moment nicht mehr, wenn der Renditevergleich von Real- zu Finanzanlage zugunsten der Finanzanlage ausfällt. Das ist seit den siebziger Jahren der Fall.

Was ist in den 70ern geschehen?
Die Spielanordnung hat sich geändert. In der vorangegangenen Prosperitätsphase war das Finanzkapital stark reguliert und daher als Anlagesphäre relativ unattraktiv. Weil der Realkapitalismus aber so erfolgreich war, schuf er immer mehr Vermögen. Um die Vermehrung dieser Vermögen zu erleichtern, wurde der Finanzsektor liberalisiert. Gleichzeitig wurde der Kampf gegen die Inflation zum zentralen Anliegen, also die Sicherung des Geldwerts und damit der Finanzvermögen. 

Die Sicherung des Geldwerts ist doch in jedermanns Interesse, nicht nur in dem der Vermögenden.
Niedrige Inflationsraten und ausgeglichene Staatshaushalte sind nicht unbedingt genuine Ziele der Unternehmer und schon gar nicht der Arbeitnehmer. Es sind genuine Ziele im Interesse der Besitzer von Finanzvermögen, deren Reichtum sich durch Inflation oder Schuldenschnitte vermindert. Sie profitierten von der sinkenden Inflation und den steigenden Zinsen. Die realen Zinsen lagen ab Mitte der achtziger Jahre 35 Jahre lang über der Wirtschaftswachstumsrate. Folge: Die Unternehmen mussten sparen, sie haben weniger neue Kredite aufgenommen, weniger investiert und weniger Arbeitsplätze geschaffen. Die Arbeitslosigkeit stieg, dadurch stieg auch die Staatsverschuldung, die auf einmal als das zentrale Problem erschien. 

Sie sagen, das Übel liege im hohen Zins. Aber seit einigen Jahren ist der Zins doch sehr niedrig und liegt deutlich unter der Rate des Wirtschaftswachstums…
Also erstens ist das erst seit kurzem so, etwa seit 2014. Zweitens: Dass der Zinssatz unter der Wachstumsrate liegt, ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Da muss noch einiges dazukommen: Das Umfeld muss so geformt werden, dass Investitionen in Realkapital deutlich profitabler sind als Finanzinvestitionen. Dafür wiederum brauche ich Stabilität der Rahmenbedingungen – sonst scheuen Unternehmen das Risiko. Stabilität wiederum wird untergraben durch die Finanzspekulation, die Wechselkurse, Rohstoffpreise und Aktien wild schwanken lässt.

Ist es möglich, diese Entwicklung zu bremsen?
Normalerweise zerstört sich der Finanzkapitalismus selbst, da gibt es einige Beispiele in der Geschichte. Zum Beispiel nach den Hochkonjunkturen 1865 bis 1873 oder 1925 bis 1929. Stets folgte eine Depression. Denn eine finanzkapitalistische Spielanordnung produziert permanent riesige Finanzvermögen, die keine realwirtschaftliche Deckung haben. Das geschieht seit den siebziger Jahren wieder.

Von einer großen Depression ist allerdings bislang nichts zu sehen.
Die früheren großen Kapitalismuskrisen waren Keulenschläge. Derzeit erleben wir eher eine Strangulation – die Krise streckt sich über inzwischen 40 Jahre. Sie ist mittlerweile so eine Art Normalzustand und wirkt dadurch wie ein Sachzwang. Dadurch haben es die jungen Leute heutzutage gar nicht so leicht aufzubegehren. Sie haben gar keine Vorstellung mehr davon, dass es eine Welt geben kann, in der es zum Beispiel Vollbeschäftigung und sichere Jobs gibt – Dinge, die früher mal normal waren.

Die Wirtschaft wächst aber ordentlich. Woran merken wir die Krise?
In der Zunahme der Armut, sehr stark auch im allgemeinen Anwachsen der Zukunftssorgen. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz, andere schauen alle drei Minuten auf den Stand ihres Investmentkontos. Die Räume werden eng, die wirtschaftliche Sicherheit verschwindet, der Reichtum ist permanent gefährdet, alles wird zum Kampf. „Die Sorge is a Hund“, würde man auf Wienerisch sagen, sie frisst sich in einen hinein. Man fühlt keine Panik, sondern wird langsam aufgezehrt. Das ist ja der Nährboden des Rechtspopulismus. Er bietet den verunsicherten Menschen scheinbar konkrete Bedrohungen, die es zu bekämpfen gilt. Zum Beispiel Flüchtlinge.

Was tun?
Die Menschen aufklären. Es könnte sein, dass diese Arbeit erleichtert wird durch die nächste Krise. Die steht wohl an, einfach weil sich an den Märkten so ein großes Absturzpotenzial aufgebaut hat. An Anlässen für einen Crash wird es nicht fehlen. Und dann wird Europa an eine Wegkreuzung getrieben, an der es sich entscheiden muss: stärkerer Nationalismus? Oder rauft man sich noch einmal zusammen und geht ökonomisch einen anderen Weg?

Interview: Stephan Kaufmann

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