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Rainer Dulger ist Präsident von Gesamtmetall, dem Dachverband der Arbeitgeberverbände.

Interview

„Wir erleben absurdes Theater“

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Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger über drohende US-Strafzölle auf europäische Autos, den Brexit und die Digitalisierung als Chance.

Herr Dulger, steht Deutschland in diesem Jahr ein Konjunkturschock bevor?
Nein, aber das Wachstum verlangsamt sich. 2018 hatten wir in der Metall- und Elektroindustrie 1,4 Prozent Wachstum. Das war deutlich weniger als erwartet. Für 2019 erwarten wir gerade noch ein Prozent.

Und das ist noch optimistisch gerechnet?
Man kann es jeden Tag in der Zeitung lesen: Die Risiken sind erheblich. Da geht es um Donald Trump und seine Drohungen mit Schutzzöllen, um die Diesel-Krise und um den Brexit. Deshalb ist es so wichtig, dass die Politik die richtigen Rahmenbedingungen für die Industrie setzt und uns nicht mit sozialpolitischen Abenteuern zusätzlich belastet.

Wie stark wird sich der Brexit auswirken?
Die Bundesregierung und ihre europäischen Partner müssen dafür sorgen, dass Großbritannien in unserem Wirtschaftskreis bleibt. Ein harter Brexit hätte unabsehbare Folgen, nicht nur für die Wirtschaft in Großbritannien, sondern auch für uns in Deutschland. Das wäre auch ein verheerendes Signal für die Europawahlen im Mai. Dann könnte sich der Eindruck festsetzen, dass die Briten und die Europäer nicht in der Lage sind, Probleme zu lösen.

Was, wenn Donald Trump dieses Mal ernst macht und Strafzölle gegen die europäische Automobilindustrie verhängt?
Wir erleben hier ein absurdes Theater. Die Verunsicherung ist erheblich. Das ist Gift für die Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie. Ich setze weiter auf ein Umdenken in den Vereinigten Staaten. Strafzölle in der Automobilbranche wären auch für die US-Wirtschaft gefährlich.

Warum?
Der größte Exporteur von in den Vereinigten Staaten hergestellten Fahrzeugen sind deutsche Unternehmen. Ich befürchte, sie werden nicht ohne weiteres am US-Standort festhalten, sollten sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändern. Denn sie exportieren einen erheblichen Teil ihrer Fahrzeuge auch nach Lateinamerika, China und nach Europa. Die USA können an Produktionsverlagerungen kein Interesse haben.

Zum Arbeitsmarkt in Deutschland: Wird das Problem des Fachkräftemangels im Allgemeinen eher über- oder unterschätzt?
Mehr als ein Fünftel aller Unternehmen meldet, dass sie konkret aufgrund fehlender Fachleute nicht so viel produzieren können wie gewünscht. Auch wenn sich die Konjunktur etwas abkühlt: In unserer Industrie besteht unverändert ein hoher Fachkräftebedarf. Wir haben über 300 000 offene Stellen in den Berufen der Metall- und Elektroindustrie, die nicht besetzt werden können. Wer Arbeit sucht und ausreichend qualifiziert ist, hat aktuellbeste Aussichten.

Droht beim Thema von der Wirtschaft so herbeigesehnten Fachkräftezuwanderungsgesetz eine Hängepartie?
Es wäre schlimm, wenn die Bedenkenträger sich durchsetzen würden. Offensichtlich ist die Sorge groß, dass dieses Gesetz zu einem Massenzustrom Unqualifizierter führen wird. Aber wenn dieses Gesetz nicht bald kommt, wird das Interesse an qualifizierter Arbeitsmigration nach Deutschland rapide sinken.

Die Arbeitswelt verändert sich. Viele Firmen strukturieren um, digitalisieren sich, die Autoindustrie setzt verstärkt auf E-Mobilität. Kostet das alles Millionen Jobs?
Wir erleben gerade eine weitere industrielle Revolution. Bisher war es so, dass es nach jeder dieser Umwälzungen mehr statt weniger Wertschöpfung gegeben hat. Industrie 4.0 und Digitalisierung sind für uns eine Riesenchance. Deutschland ist in vielen Technologiebereichen führend. Wir können diesen Wandel gestalten. Und werden davon massiv profitieren.

Klingt ein wenig nach rosaroter Brille …
… natürlich wird es auch Umbrüche geben, als Folge des Strukturwandels. Aber am Ende wird es mehr Jobs geben als vorher. Ein Vorteil ist auch, dass durch technische Unterstützung mehr Geringqualifizierte an anspruchsvollere Tätigkeiten herangeführt werden können. Angst vor Veränderung ist ein schlechter Ratgeber.

Die Unternehmerverbände fordern flexiblere Arbeitszeiten. Wollen Sie weg vom Acht-Stunden-Tag?
Nein. Den Acht-Stunden-Tag stellen wir nicht in Frage.

Sondern?
Wir wollen eine Wochenbetrachtung bei der Arbeitszeit. Unsere Arbeitszeitregelungen orientieren sich an der Vorstellung, dass jemand morgens um acht Uhr in den Betrieb kommt und nachmittags um vier Uhr nach Hause geht. Heute gibt es viele, die morgens um neun ihr Kind in die Kita bringen, es um 14 Uhr abholen – und später noch von zu Hause arbeiten. Unsere Arbeitszeitregelungen sehen das aber nicht vor.

Was schlagen Sie stattdessen vor?
Es geht um mehr Flexibilität. Arbeitgeber und Arbeitnehmer brauchen mehr Entscheidungsspielräume, wenn es darum geht, die Arbeitszeit auf die Werktage zu verteilen.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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