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Wirtschaft: „Es braucht eine völlig andere Wettbewerbspolitik“

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Von: Stephan Kaufmann

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Arbeiterinnen produzieren im tschechischen Mlada Boleslav Kabelbäume für Skoda.
Arbeiterinnen produzieren im tschechischen Mlada Boleslav Kabelbäume für Skoda. © Imago

Der Entwicklungsökonom Patrick Kaczmarczyk kritisiert volkswirtschaftliche Modelle und fordert ein Umdenken bei den Lohn- und Kapitalkosten in Europa.

Volkswirtschaftliche Modellrechnungen beschäftigen nur selten die breite Öffentlichkeit. Dies hat sich mit dem Ukraine-Krieg geändert: Eine Gruppe von Fachleuten rechnete kürzlich aus, was es die deutsche Wirtschaft kosten würde, auf Energielieferungen aus Russland zu verzichten und kam auf relativ geringe Einbußen. Dem widersprachen nicht nur andere Ökonomen, sondern auch Bundeskanzler Olaf Scholz, der derartige Berechnungen als „verantwortungslos“ kritisierte. Die Modellrechner wiederum nannten Scholz‘ Haltung „wissenschaftsfeindlich“. Das ist jedoch verfehlt, sagt der Entwicklungsökonom Patrick Kaczmarczyk. Auch jenseits der Russland-Frage fordert er eine Generalüberholung der gängigen volkswirtschaftlichen Modelle.

Herr Kaczmarczyk, ökonomische Modelle sind nie perfekt, können also die Realität nie vollständig abbilden und mit Sicherheit die Zukunft vorhersagen. Andererseits ist Politik immer darauf angewiesen, dass Fachleute die Wirkungen von Maßnahmen prognostizieren. Wie löst man dieses Dilemma?

Das Problem an diesen Modellen ist, dass sie insbesondere in einer Lage wie heute mit zu viel Unsicherheit behaftet sind. Bereits im Zuge des Post-Corona-Booms haben wir gesehen: Selbst wenn es zu Lieferproblemen bei kleinen Input-Faktoren wie Halbleitern kommt, kann das eine ganze Industrie lahmlegen. Um Potenzen größer wären die möglichen Folgen, wenn es auf einmal zu einem Energieembargo käme.

Aber eine Modellierung wird dennoch versucht…

Das ist eine Aufgabe der Ökonomie. Das Problem aber ist, dass solche Modelle nur begrenzt aussagekräftig sind, da sie auf vielen vereinfachenden Annahmen beruhen. Zwar brauchen wir eine Reduktion der Komplexität. Doch auf Basis eines Modells, das per Annahme unter anderem Kaskadeneffekte, Nachfrageausfälle oder Finanzkrisen ausschließt, darf keine politische Stimmung gemacht werden.

Wirtschaftspolitik: Die Frage nach den Modellberechnungen

Wie sollte die Politik also insgesamt mit solchen Modellberechnungen umgehen?

Solche Modelle können zwar einen Teil der politischen Entscheidungsfindung ausmachen – aber eben nur einen Teil. Qualitative Informationen über die Wirkungszusammenhänge der Wertschöpfungsketten gehören ebenfalls dazu, genauso wie die Analyse möglicher Langzeitschäden und Finanzmarktrisiken. Der Bundeskanzler hat eine Entscheidung unter extremer Unsicherheit getroffen. Das als „wissenschaftsfeindlich“ zu diffamieren, schießt weit über das Ziel hinaus. Bei all den Debatten um das Energieembargo jedoch, wo die Unsicherheiten offensichtlich sind, dürfen wir nicht vergessen, dass wir generell mehr Diversität in der ökonomischen Beratung brauchen. In den letzten Jahrzehnten hat sich eine ökonomische Denkschule als Hegemonialmacht etabliert, die mit der realen Welt wenig zu tun hat. Sie erweckt den Anschein von Wissenschaftlichkeit, weil sie hoch mathematisiert ist und somit wertneutral erscheint. Doch die mathematischen Modelle sind nichts weiter als formalisierte Theorie, also Ideen darüber, wie die Welt funktioniert.

Patrick Kaczmarczyk, 31, promovierte am Institut für politische Ökonomie in Sheffield und war Visiting Scholar an der Sciences Po Paris. Zuletzt arbeitete er als Berater für die Vereinten Nationen. Im Februar erschien sein Buch „Kampf der Nationen“ im Westend Verlag. Im Interview gibt er ausschließlich seine persönlichen Ansichten wieder.
Patrick Kaczmarczyk, 31, promovierte am Institut für politische Ökonomie in Sheffield und war Visiting Scholar an der Sciences Po Paris. Zuletzt arbeitete er als Berater für die Vereinten Nationen. Im Interview gibt er ausschließlich seine persönlichen Ansichten wieder. Im Februar erschien sein Buch „Kampf der Nationen“ im Westend Verlag. © Privat

Welche Theorie meinen Sie?

Ich beziehe mich auf die neoklassische Gleichgewichtstheorie, der zufolge sich die Wirtschaft immer im Gleichgewicht oder auf dem Weg dahin befindet. Der Entwicklungsökonom Joseph Schumpeter bezeichnete diese Theorie als „leer und nichtssagend“, weil sie unfähig ist, dynamische Entwicklungen zu erklären. Für Schumpeter ist kapitalistische Entwicklung eine Abfolge von Ungleichgewichten.

Immer gleiche Empfehlungen: Liberalisierung, Flexibilisierung und Privatisierung

Das klingt nach einem Akademikerstreit.

Das ist er auch. Aber mit sehr realen Auswirkungen. Wenn ich die Welt als ein System von Märkten verstehe, das man am besten sich selbst überlässt, dann erhält man die besten Ergebnisse, wenn möglichst alle Preise flexibel sind. Deswegen lauten die Empfehlungen immer gleich: Liberalisierung, Flexibilisierung und Privatisierung. Egal, bei welchem Problem. Allerdings funktioniert die Welt nicht so. Ganz abgesehen davon, dass Märkte in ein soziales und ökologisches Umfeld eingebettet sind, verhalten sich die wichtigsten Märkte einer Volkswirtschaft – der Arbeitsmarkt und der Kapitalmarkt – gar nicht wie „richtige“ Märkte. Auf dem Arbeitsmarkt bestimmen die Löhne, was die Haushalte ausgeben und die Unternehmen somit einnehmen können. Die Einnahmen der Unternehmen wiederum bestimmen, wie viele Beschäftigte eingestellt werden. Löhne sind somit ein wichtiger Kosten- und Nachfragefaktor zugleich, und damit gibt es keine voneinander unabhängige Angebots- und Nachfragekurve. Auch der Kapitalmarkt ist ein besonderer Markt, da sich die gesamte Preisbildung stark an den Renditen auf Staatsanleihen orientiert. Zudem verzerren Spekulationen immer wieder die Preise.

Was müsste sich wirtschaftspolitisch ändern?

Wir müssen begreifen, wie dynamische Entwicklung funktioniert. Dazu brauchen wir zwar auch eine Wettbewerbspolitik, allerdings eine völlig andere. Bisher ging es nur darum, möglichst flexible Preise für alle Produktionsfaktoren zu schaffen. Das hat vor allem zu Produktionsverlagerungen und Druck auf die Löhne geführt. Die Deflation der letzten zehn Jahre und die fallenden Investitionsquoten zeugen davon. Von Schumpeter hingegen lernen wir, dass manche Preise eben fix sein müssen, damit Marktwirtschaft funktioniert. Gerade in einer Zeit, die von massiven technologischen Umbrüchen geprägt ist – Stichwort Digitalisierung, Klimaschutz, industrielle Transformation – sollten wir lernen, uns vom alten Modell zu verabschieden.

Europa: Die Wirtschaft braucht eine neue Lohnpolitik

Wie würde sich dieses Umdenken in der Politik auswirken?

Um einen Wettbewerb der Unternehmen um Investitionen und Innovationen zu entfachen, brauchen wir eine andere Lohnpolitik: produktivitätsorientierte Lohnsteigerungen und eine Koordination der Löhne in Europa. So wie wir gegen den Klimawandel den CO2-Preis anwenden, damit die Unternehmen weniger CO2 ausstoßen, so setzen höhere Löhne einen Anreiz, über Investitionen und eine höhere Produktivität an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen – denn kein Unternehmen würde bei hoher Nachfrage auf Marktanteile und zusätzliche Einnahmen verzichten wollen. Und bei hoher Tarifbindung und internationaler Lohnkoordination bleibt den Unternehmen langfristig eben kein anderer Weg als die höhere Produktivität, wenn sie überleben wollen. Doch nicht nur bei den Lohn-, sondern auch den Kapitalkosten müssten wir in Europa umdenken.

Was bedeutet das?

Kapitalkosten sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und hier hat Deutschland zum Beispiel einen Vorteil. Denn die Rendite auf Staatsanleihen bestimmt wesentlich den Zins, den Unternehmen für ihre Kredite oder auf ihre Anleihen zahlen müssen. Und da die Bundesregierung derzeit null Prozent Zinsen zahlt, profitieren deutsche Unternehmen. Ihre italienischen Konkurrenten dagegen haben höhere Kapitalkosten, weil die Finanzmärkte vom italienischen Staat eine höhere Rendite verlangen. Diese Differenzen bei den Kapitalkosten müssen eingeebnet werden, indem die Europäische Zentralbank alle Euro-Staatsanleihen explizit garantiert und damit das Länderrisiko verschwindet.

Investitionen: Es ist der Staat, der Impulse setzen muss

Ginge dies nicht auf Kosten der Effizienz?

Effizienz ist nicht alles – was gewinne ich, wenn ich hocheffiziente Unternehmen habe, deren Produktivität stagniert und die technologisch zurückfallen, weil sie nicht investieren? Zweitens brauchen Menschen und Unternehmen Luft, um sich gewisse „Ineffizienzen“ erlauben zu können, aus denen Innovationen hervorgehen können. Das gehört zum schumpeterschen Einmaleins. Und drittens: Aktuell ist die Lage enorm unsicher, gleichzeitig besteht die Notwendigkeit, massive Investitionen zu stemmen, deren Risiko sehr hoch ist. In solch einer Situation ist es der Staat, der Impulse geben muss – und dabei durch eine Schuldenbremse oder Bürokratie nicht gebremst werden sollte. Denn die vielfach kritisierten Staatsausgaben verbessern die Einnahmeaussichten der Unternehmen und geben ihnen dringend benötigte Planungssicherheit. (Interview: Stephan Kaufmann)

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