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Engagierte Diskussion beim „Forum Entwicklung“ von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und GIZ im Frankfurter Museum für Kommunikation.

Forum Entwicklung

„Wir brauchen ein Lieferkettengesetz“

Die Expertenrunde beim „Forum Entwicklung“ spricht sich in der Podiumsdiskussion in Frankfurt für eine Verpflichtung von Lebensmittelhändlern auf Menschenrechte aus.

Kaffee, Tee, Kakao, Bananen – Standard-Produkte, die fast jeder im Supermarkt oder beim Discounter kauft. Kaum jemand, der das tut, ahnt, wie stark er damit die Lebenssituation der Kleinbauern und Landarbeiter mitbestimmt, die die Genussmittel und Früchte anbauen und ernten. „Das wichtigste Thema ist ein existenzsicherndes Einkommen“, sagt Rewe-Manager Dirk Heim. Doch: „Ich kenne keinen Kaffee, der das gewährleistet“, gibt der Mann zu, der bei der bundesweit vertretenen Supermarkt-Kette Bereichsleiter für Nachhaltigkeit ist.

Ein unerwartet deutlicher Satz, gesprochen am Dienstagabend beim „Forum Entwicklung“, das von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wird. Eine plastische Illustration für das Thema des Abends: „Genuss mit Nebenwirkungen“. Und ein Satz, dessen Offenheit das zahlreich erschienene und engagierte mitdiskutierende Publikum doch sehr erstaunte.

Gut findet Heim das, natürlich, nicht. Rewe arbeite daran, die Situation zu verbessern, berichtet er. Zum Beispiel in einem Projekt mit Kakaobauern in Westafrika für Fairtrade-Schokolade, die dadurch ein existenzsicherndes Einkommen erhalten sollen. Das würde den Menschen erlauben, sich gut zu ernähren, die Gesundheitsversorgung und Schule für die Kinder zu bezahlen und etwa Geld für Krisenzeiten zurückzulegen. Auch für Orangensaft gebe es ein solches Rewe-Projekt, berichtet Heim, nämlich in Brasilien. Die Bauern würden geschult, um ihre Löhne besser verhandeln und Pestizide sparsamer einsetzten zu können.

Allerdings räumt der Manager ein: Ein Unternehmen wie Rewe sei nicht in der Lage, so etwas für das gesamte Sortiment zu machen. Erstens wegen dessen Umfangs: „Wir haben noch 1000 Produkte vor uns.“ Und zweitens, „weil 70 Prozent der Kunden nach Preis kaufen“, wie Heim sagt, auch wenn sie in Umfragen angeben, nachhaltige Waren seien ihnen wichtig. Billigpreise und fair produzierte Lebensmittel – das beißt sich offenbar.

Engagierte Diskussion beim „Forum Entwicklung“: „Was ist der wahre Preis der Banane?“, fragte Moderator Tobias Schwab, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Rundschau. Neben ihm Franziska Humbert (Oxfam) und Dirk Heim.

Wie kritisch die Lage ist, hat im vorigen Jahr ein Supermarkt- und Discounter-Test der Entwicklungsorganisation Oxfam gezeigt. Untersucht wurde, wie gut die Unternehmen darauf achten, dass bei der Produktion der bei ihnen verkauften Waren die Menschen-, Frauen- und Arbeitnehmerrechte eingehalten werden. Das ernüchternde Ergebnis: „Es gibt kaum ein Produkt ohne Menschenrechtsverletzungen“, so Oxfam-Referentin Franziska Humbert, die auf dem Forum mitdiskutiert. Die deutschen Unternehmen lagen dabei deutlich hinter der Konkurrenz etwa in den Niederlanden oder Großbritannien. Inzwischen bewege sich etwas, berichtet Humbert – „allerdings nur in Trippelschritten“. Bei Aldi gebe es inzwischen einen Menschenrechtsbeauftragten, und Rewe sei dabei, einen „Beschwerde-Mechanismus“ einzuführen.

Als großes Hemmnis sieht die Expertin jedoch die „Preispolitik“ der Einzelhandelskonzerne, die den Kampf um die Kunden vielfach mit Billigangeboten führen. Auch Nachhaltigkeits-Labels für Produkte wie die von UTZ oder Rainforest Alliance, die sich immer häufiger auf Kaffee, Schokolade und anderen Produkten finden, brächten wenig, sagte Humbert. Die Unternehmen dürften ihre Verantwortung nicht an solche Zertifizierungsorganisationen abschieben. Nötig sei ein „Lieferkettengesetz“, wie es derzeit hierzulande von Nichtregierungsorganisationen vehement gefordert wird. Es würde die Einzelhändler darauf verpflichten, auch im Ausland Menschenrechte und Umweltstandards zu achten, und Geschädigten ermöglichen, vor deutschen Gerichten gegen Verstöße zu klagen. Rewe-Manager Heim lässt an diesem Abend für ein solches Gesetz gewisse Sympathien erkennen.

„Kaffeebäuerinnen sollten einen fairen Lohn für ihre Arbeit erhalten, einer der ausreicht, die Existenz zu sichern“, forderte Start-up-Gründerin und Model Sara Nuru (links). Maike Möllers , Expertin der GIZ (rechts), sprach Verbraucherinnen und Verbrauchern eine wichtige Rolle zu.

GIZ-Expertin Maike Möllers spricht in dieser Debatte den Verbrauchern eine wichtige Rolle zu. Sie sollten sich vor dem Einkauf möglichst gut informieren. Die richtigen Produkte zu wählen, sei nämlich so „wichtig wie die Entscheidung an der Wahlurne“. Allerdings: „Sie können nur kaufen, was im Regal steht.“ Daher komme den Unternehmen die zentrale Rolle zu. „Sie müssen handeln.“

Möllers hält Nachhaltigkeitssiegel durchaus für wichtig, sie alleine reichten aber nicht. Die Einzelhändler müssten ihre eigenen Lieferketten selbst anschauen und verbessern. Zudem schlägt sie vor, das Dumpingpreis-Problem dadurch zu lösen, dass die Umwelt- und Sozialkosten in die Preise „internalisiert werden“, der Verbraucher also gar nicht in die Versuchung kommt, sich auf Kosten der armen Bauernfamilien in Entwicklungsländern schadlos zu halten – das freilich ist eine ferne Vision.

„Eine echte Drecksarbeit“

Sara Nuru fällt in der Diskussion die Rolle zu, alles zu erden. Die junge Frau mit äthiopischen Wurzeln, Model seit dem Gewinn von Heidi Klums Casting-Show GNTM 2009, aber auch Mit-Gründerin eines Kaffee-Start-ups in Berlin, weiß aus eigener Anschauung, wie das Lieblingsgetränk der Deutschen normalerweise produziert wird. „Das ist eine echte Drecksarbeit“, sagt sie, mit Jobs etwa von Tagelöhnern, oft auch Frauen, die im reichen Deutschland sicher niemand machen würde.

Nuru hat mit ihrer Schwester ein Unternehmen gegründet, das Kaffee aus einer äthiopischen Kooperative verkauft und dieser deutlich höhere Löhne ermöglicht – freilich auch zu deutlich höheren Preisen als im Supermarkt. „Man muss die Leute aufklären, wie normaler Kaffee entsteht“, dann seien sie auch bereit, mehr zu zahlen. „Die Nachfrage ist da.“ Doch auch Nuru glaubt, dass es alleine mit Freiwilligkeit nicht geht. Es müsse Gesetze geben, die Menschenrechte und Umwelt garantieren.

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