Jun Ma unterrichtet an der Tonji-Universität in Schanghai.
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Jun Ma unterrichtet an der Tonji-Universität in Schanghai.

Mobilität

"Wir akzeptieren Fehler, das schafft ein günstiges Klima"

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Mobilitäts-Experte Jun Ma spricht über die Innovationskultur in China, Lebensqualität in Mega-Städten und Zukunft urbaner Fortbewegung.

Der Rundgang durch die Räume seines Fachbereichs an der Tonji-Universität in Schanghai ist beeindruckend. In Labors und Werkstätten und mit neuester Computertechnik sollen hier junge Talente lernen, Neues zu schaffen. Für Ma ist sein Fachbereich Ausdruck des neuen China, das ein riesiges Potenzial für digitale Innovationen besitze. Doch er setzt dabei auch auf die Kooperation mit deutschen Unternehmen: Viele Firmen hätten das Zeug dazu, zu Pionieren von Industrie 4.0 zu werden.

Herr Professor Ma, an Ihrer Universität sieht man viele europäische Studenten. Was muss ein deutscher Abiturient können, um bei Ihnen zu studieren?
Seit fünf Jahren sehen wir den Trend, dass junge deutsche Menschen Chinesisch lernen. An unser College kommen jedes Jahr 30 bis 40 Studenten aus Deutschland. Aber nicht nur aus Interesse an der chinesischen Kultur, sondern weil sie die Tongji-Universität als ein Sprungbrett für ihren Karrierestart entdeckt haben. Wobei man nicht zwingend Chinesisch können muss. Das Studium ist auch auf Englisch möglich. Ich glaube, die Chancen für junge Talente sind hier besser als in Deutschland. Zumal wir mit vielen renommierten Universitäten wie dem MIT in Boston oder mit Stanford zusammenarbeiten.

Sie haben in Deutschland an der TU Darmstadt studiert. Wenn Sie an Deutschland denken, was fällt Ihnen zuerst ein?
Sorgfältig, professionell und kalt.

Sind die ersten beiden Begriffe auch das, was Sie an Deutschland während zwölf Jahren schätzen gelernt haben?
In jedem Fall. Aber mit „kalt“ meine ich nicht nur das Wetter, sondern auch das Innovationssystem in der deutschen Industrie. Nach meiner Beobachtung fehlt es da an Flexibilität. Meine Studienkollegen wollten damals alle in einem der Top 500 Unternehmen ihr Karriere starten. Dort ist es aber relativ schwer, Innovationen durchzusetzen und zugleich ist es schwer, im Unternehmen nach oben zu kommen.

Warum?
Wegen starker Hierarchien. Das bremst die Umsetzung neuer Ideen. Das ist sehr schade. Ich war damals auch an der Stanford University in Kalifornien und im Silicon Valley. Schon damals war dort die Innovationskultur erheblich wärmer als in Europa.

Und wie sieht es heute in China aus?
Innovation heißt notwendigerweise auch, dass anfangs vielversprechende Projekte sterben werden. Die Regierung toleriert dies. Wir akzeptieren Fehler. Das schafft hier ein sehr günstiges Klima für Neues und ein starkes Streben nach Neuem – auch weil es schlicht die Möglichkeit eröffnet, reich zu werden.

Man hört aber immer wieder auch, dass Chinesen sehr ungeduldig sind und manchmal zu schnell Ergebnisse sehen wollen. Stimmt das?
Ja, da ist etwas dran. Man muss die richtige Balance finden. Hier ist einiges in den vergangenen Jahren sehr hektisch gewesen. Jetzt aber wird mehr in Richtung Substanz und den Wert von Unternehmen gedacht.

Haben deutsche Firmen beim Thema Neues ein Problem, weil sie risikoscheu sind und zu sehr an Substanz denken?
Ich würde das nicht Problem nennen. Deutschland entwickelt sich sehr, sehr gesund. Die Volkswirtschaft ist stark industrieorientiert. Und Kanzlerin Angela Merkel hat deutlich gemacht, dass Deutschland sich nun auf Industrie 4.0 konzentrieren will. Das ist, glaube ich, hundertprozentig richtig. Dadurch entsteht eine Basis, auf der man aufbauen kann.

Um agiler bei Innovationen zu werden?
Genau. Ich hoffe, dass dies in Deutschland einen Schwung erzeugt, der das Land zu einem Pionier für die neue Industrie macht.

Inwiefern setzen Sie auf deutsche Partner, um an Ihrer Universität Neues zu entwickeln? Sie arbeiten schon unter anderem mit BMW zusammen.
Fakt ist, dass China einen großen Markt hat. Menschen wie ich spielen gerne die Rolle als Brückenbauer. Um die Vorzüge Deutschlands mit der erheblich dynamischeren Situation in China zu kombinieren. Bei der Digitalisierung ist China offener als Deutschland. Die Entwicklung im Internet, etwa bei den sozialen Medien, oder in der Unterhaltungselektronik ist wirklich rasant.

Woran liegt das?
Nehmen Sie die Autobranche: Der Markt für Neuwagen ist hier ganz anders strukturiert als in Deutschland. Dort sind die Neuwagenkäufer mit Schnitt über 45 Jahre alt. In China sind sie mehr als zehn Jahre jünger. Es handelt sich um Menschen, die sehr schnell reich geworden sind. Ich habe kürzlich einen BMW-M3-Club besucht. Die Mitglieder waren alle zwischen 22 und 23 Jahre alt. Diese Generation hat Kaufkraft und eine große Affinität nicht nur zu Premiumautos, sondern gleichzeitig zu moderner Kommunikationstechnik.

Gilt das auch für Sie?
Ich bin eigentlich etwas konservativer. Aber auch Leute wie ich kommen nicht mehr daran vorbei, zum Beispiel die App Didi zu benutzen, mit der sie von der Fahrradmiete über öffentlichen Nahverkehr bis hin zu Autokauf eine große Bandbreite von Transaktionen machen können, die Mobilität zu tun haben. Als vor einiger Zeit ein deutscher Professor hier zu Gast war, haben wir vergeblich versucht, ganz analog und manuell ein Taxi herbeizuwinken. Ich habe es dann mit Didi bestellt.

Wie wirkt sich all das auf die Unternehmenskultur aus?
Jeden Tag werden in China mehrere Tausend Start-Ups gegründet. Hinzu kommen mittelgroße Unternehmen, die jungen Talenten viele Chancen geben. Daraus können auch für deutsche Firmen echte Win-Win-Situationen entstehen.

Wo sehen Sie konkret Chancen?
Nehmen Sie das autonome Fahren. Die deutschen Autobauer sind hier schon sehr weit. Um die enormen Chancen auf dem chinesischen Markt zu nutzen, müssen Sie in Zukunft hier in China Spezialisten finden, um die Autopiloten an die speziellen chinesischen Bedingungen anzupassen. Verkehrssituationen sind hier häufig – sagen wir einmal – komplexer.

Vielleicht auch chaotischer? Insbesondere in einer Riesenmetropole wie Schanghai?
In Deutschland ist das Leben ruhiger. Schanghai ist viel schneller. Der Takt ist ein anderer. In Deutschland schalten Sie ihr Diensthandy nach 17 Uhr aus. Hier in China müssen Sie 24 Stunden erreichbar sein.

Macht Ihnen das nicht auch Angst? Drohen da nicht massenweise Burnout-Fälle?
Ehrlich gesagt, habe ich in dieser Hinsicht große Angst. Meine Generation der über 40-Jährigen muss fleißig sein und mitdenken, um mit der Entwicklung gerade bei der Digitalisierung Schritt halten zu können. Wer stehen bleibt, ist nach zwei, drei Jahren verloren. Aber jedes Mal, wenn ich nach Deutschland komme, genieße ich die Ruhe.

Wo fehlt es bei der Lebensqualität in China?
Oft fehlt ganz einfach die Zeit für Sport nach Feierabend oder für einen Einkaufsbummel. Wir sind alle sehr fleißig. Deshalb ist übrigens der Onlinehändler Alibaba aus dem Leben vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Eine der interessantesten Gegenbewegungen ist aber das, was wir „Consumption Upgrade“ nennen. Gerade hier in Schanghai entstehen immer mehr mittelgroße Läden, wo man in angenehmer Atmosphäre relativ schnell und effizient höherwertige Produkte des täglichen Bedarfs bekommt. So entstehen neue Einkaufserlebnisse für die Kunden und neue Chancen für den Einzelhandel.

Schanghai hat in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum hingelegt. Gibt es eine Grenze für das Wachstum?
Keine Stadt kann unaufhörlich wachsen. Schanghai soll nicht noch größer werden. Aber wir wollen uns verbessern. Wir wollen intelligente Menschen in die Stadt holen. Die klassische produzierende Industrie soll nach außen gehen. Stattdessen setzen wir auf Dienstleistungen und qualitativ höhere Arbeitsplätze.

Kann die Zahl der Autos noch steigen? Die Straßen sind praktisch permanent verstopft.
Wir stoßen an Grenzen. Was wir aber mit wachsendem Wohlstand sehen werden, sind in der Summe nicht mehr Fahrzeuge dafür aber mehr Premiumautomobile.

Kein Wunder, dass Konzerne wie BMW immer stärker auf China setzen und IT-Abteilungen dort hin verlagern – wegen der großen Potenziale in diesem Feld. Wandelt sich China von der Fabrik für die Welt zu einem neuen, gigantischen Silicon Valley, zur Softwareschmiede für die Welt?
Ganz bestimmt werden nicht alle IT-Abteilungen der großen Konzerne nach China gehen. Wir entwickeln hier Produkte, die sich am chinesischen Kunden orientieren. Dabei sind Big-Data-Anwendungen und die künstliche Intelligenz für die speziellen hiesigen Anforderungen relevant. Aber diese Innovationen können in einem zweiten Schritt zum Beispiel an den europäischen Markt angepasst werden. Und: Chassis und Karosserien von Autos werden für Europa hundertprozentig auch künftig in Deutschland entwickelt.

BMW hat gemeinsam mit Ihnen ein System für elektrische Roller entwickelt – inklusive eigener Infrastruktur mit Hochstraße. Das alles soll mit künstlicher Intelligenz organisiert werden. Trügt der Eindruck, dass China bei der neuen Mobilität weiter ist als Deutschland?
Beim Thema Elektromobilität ist die staatliche Unterstützung viel größer als in Deutschland. Und noch einmal: China hat den Vorteil eines sehr großen Marktes, deshalb rentieren sich Investitionen schneller.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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