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Windkraft: Warten aufs Job-Wunder

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Von: Hermannus Pfeiffer

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Montage von Rotoren an einer Windenergieanlage. Auch hier fehlen Fachkräfte.
Montage von Rotoren an einer Windenergieanlage. Auch hier fehlen Fachkräfte. © Imago

Die Aussichten für die Windkraft-Branche in Deutschland sind besser denn je – eigentlich.

Die Welt wird stromlinienförmig. Heute macht Strom zwar erst ein Viertel des europäischen Energiesystems aus, bis 2050 sollen es aber drei Viertel sein. Einen Großteil davon werden Windturbinen liefern. Die jährliche Wachstumsrate für Windenergie an Land werde weltweit in den nächsten Jahren bei 6,1 Prozent liegen, erwartet das Global Wind Energy Council (GWEC). Was einer durchschnittlichen jährlichen Installation von rund 90 Gigawatt entspricht. Noch mehr Wind gibt es auf See: Im vergangenen Jahr gingen Offshore-Anlagen mit einer installierten Gesamtleistung von mehr als 21 Gigawatt ans Netz, jubelt GWEC in seinem Jahresbericht. „Das ist ein Branchenrekord und das Dreifache der Vergleichszahl von 2020.“

Seine ohnehin optimistischen Prognosen dürfte der Branchenverband bald noch erheblich nach oben korrigieren, denn infolge des Ukraine-Krieges sind in Europa und auch anderswo umfassende Initiativen zur Umstrukturierung der Energieversorgung in Vorbereitung. „Nicht allein, um unsere Welt vor der globalen Erwärmung zu retten, sondern auch, weil wir Energiesicherheit brauchen“, so Bernd Aufderheide, Chef der vermeintlich größten Windenergiemesse der Welt, die kommende Woche in Hamburg startet.

„Alle Zeichen stehen auf Go – und kaum etwas passiert“

Doch die stürmische Entwicklung scheint an der deutschen Windindustrie vorbeizuziehen. Mit dem Aus für das letzte Rotorblattwerk in Deutschland, Nordex in Rostock, gab es in diesem Jahr erneut eine größere Standortschließung. Rotorblätter mit einer Länge von bis zu bald 135 Metern werden zukünftig nicht mehr in Deutschland produziert und müssen aus anderen Ländern importiert werden.

„Alle Zeichen stehen auf Go – und kaum etwas passiert“, zitiert Thorsten Ludwig einen Betriebsrat, der ungenannt bleiben will. Ludwig, Forschungsleiter der Agentur für Struktur- und Personalentwicklung in Bremen, hat für die IG Metall Betriebsräte von 28 Unternehmen mit etwa 25 000 Beschäftigten aus dem gesamten Bundesgebiet befragt. Sie stehen für den Kern der deutschen Windindustrie. Die deckt nach schweren Jahren mit Werksschließungen, Verlagerungen nach Portugal, China und Indien sowie Personalabbau – Ludwig schätzt diesen auf jede zehnte Stelle – immer noch fast die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb Deutschlands ab: von der Turbine über die Kabelverbindung bis zum Service.

„Das grüne Job-Wunder lässt auf sich warten“, lautet dennoch das Fazit aus der Befragung von Betriebsräten, welches der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich, zieht. Die Zeit der Sonntagsreden von Politikern und ehrgeizigen Gesetzesvorhaben sei vorbei, nun müsse endlich eine „tatsächliche Energiewende“ umgesetzt werden, sagte Friedrich am Mittwoch während einer Online-Pressekonferenz aus Hamburg.

Dafür senden die Betriebsräte positive Signale. Die Aussichten für die Windindustrie in Deutschland seien besser denn je. Mehr als drei Viertel der Betriebsräte erwarten eine positive Marktentwicklung – insbesondere in Deutschland und Europa sowie Asien. Sorge bereitet den Arbeitnehmervertretern der Fachkräftemangel. Er stelle eine ernsthafte Gefahr für den Ausbau der Windkraft in Deutschland dar. Vor diesem Hintergrund zeigt sich Friedrich „fassungslos“, dass die Ausbildungsquote mit 3,4 Prozent auf einen historischen Tiefstand gesunken sei. Die Windindustrie bildet damit nur halb so viele junge Leute aus wie vergleichbare Branchen. Immerhin plant fast die Hälfte der Betriebe künftig mehr Auszubildende einzustellen.

Nicht allein die Politik sei gefordert. „Die Unternehmen haben es selbst in der Hand. Mit guten, tariflichen Arbeitsbedingungen und gelebter Mitbestimmung sind sie attraktiv für Beschäftigte“, wirbt der Gewerkschafter. Die IG Metall will dafür auf der „Wind Energy Hamburg“ in der kommenden Woche unter den mehr als tausend Ausstellern offensiv werben. „Wer sich – wie aktuell der Windanlagenhersteller Vestas – Tarifverhandlungen verweigert, muss sich über die negativen Auswirkungen bei der Suche nach Fachkräften nicht wundern.“

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