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Erst putzen, dann servieren: Trotz Schwerstarbeit gehört das Gastronomiegewerbe zu den am schlechtesten bezahlten Branchen im Land.

Arbeitsmarkt

Willkommen in der Minijob-Welt

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Nicht nur Hausfrauen, Rentner und Studenten arbeiten als Mini-Jobber. Viele Menschen müssen versuchen, mit dem kargen Einkommen durchs Leben zu gehen. Forscher erkunden jetzt Risiken und Nebenwirkungen von geringfügiger Beschäftigung.

Für Studenten, Rentner und Hausfrauen sind Minijobs eine feine Sache. Sie können ein bisschen Geld verdienen und müssen keine Sozialabgaben zahlen. Ihren Lohn bekommen sie voll ausgezahlt, der Staat greift nichts ab. Dieses rosige Bild zeichnen Befürworter von Minijobs. Und auch unter den Beschäftigten selbst sind viele durchaus zufrieden.

Doch das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Längst nicht alle Frauen und Männer sind glücklich darüber, dass sie nur eine geringfügige Beschäftigung haben. Auch für den Sozialstaat und den Arbeitsmarkt hat der Boom der Minijobs erhebliche Risiken und Nebenwirkungen, warnt die Arbeitsmarktforscherin Dorothea Voss von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Sie hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern diese Beschäftigungsform in mehreren Studien unter die Lupe genommen. Ihre Bilanz: Die staatlich subventionierten Minijobs sind ein Irrweg. Die Berliner Zeitung stellt die wichtigsten Befunde der Böckler-Studien und anderer Analysen vor.

Rätselhafter Boom: Eigentlich sind Minijobs für Arbeitgeber nicht sonderlich attraktiv. Denn rein formal entlastet der Staat nur die Beschäftigten: Wer bis zu 400 Euro im Monat verdient, muss keine Sozialabgaben zahlen. Der Arbeitgeber zahlt dagegen 30 Prozent Sozialbeiträge – und damit sogar mehr als bei einem regulären Job, wo nur rund 20 Prozent anfallen. Dennoch sind inzwischen im Einzelhandel 30 Prozent der Beschäftigen Minijobber und im Gastgewerbe ist es sogar jeder zweite. Insgesamt gibt es mittlerweile fast 7,5 Millionen 400-Euro-Jobs. Das sind mehr als 20 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse, so Voss. Rund fünf Millionen Menschen haben ausschließlich einen Minijob, davon sind 66 Prozent Frauen. 2,5 Millionen haben neben ihrem regulären Beruf einen Minijob.

Anreiz für Unternehmen: Warum also setzen Firmen auf 400-Euro-Jobber? Weil sie sie schlechter bezahlen können als regulär Beschäftigte, meint Voss. Dadurch würden die höheren Sozialabgaben mehr als ausgeglichen. Fallstudien im Einzelhandel zeigten, dass der Bruttostundenlohn von Minijobbern um die 30 Prozent unter dem entsprechenden Tariflohn liege. Insgesamt hätten 2009 rund 76 Prozent der Minijobber von weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdient. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat herausgefunden, dass Minijobber im Schnitt 17 Prozent niedrigere Stundenlöhne erhalten als vergleichbare sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

Lockmittel für Ehefrauen: Viele Beschäftigte akzeptieren den Lohnabschlag, weil sie ihren Job nicht verlieren wollen, meinen Beobachter. Es gibt aber noch einen anderen Grund: Minijobber erhalten den Lohn brutto für netto, weil sie ja keine Sozialabgaben zahlen. Sie sind allerdings auch nicht krankenversichert. Für Ehefrauen mit berufstätigem Mann ist das zunächst mal kein Problem, weil sie ja über ihren Gatten krankenversichert sind. Das Ehegattensplitting schafft einen zusätzlichen Anreiz, dass Frauen von gut verdienenden Männern nur hinzuverdienen.

Die Falle: Nach einer Scheidung ist dieses Modell hinfällig. Dann erwartet der Staat von der Frau, dass sie sich selbst versorgt. Und wer jahrelang nur Minijobs gemacht hat, erwirbt allenfalls minimale Rentenansprüche. Für Frauen sind Minijobs also durchaus riskant, betont Christina Klenner, Gleichstellungs-Expertin bei der Böckler-Stiftung. Sie laufen Gefahr, im Alter zu verarmen. Für die Gleichstellung seien die Jobs „desaströs“, weil sie Frauen dazu verleiten, sich nicht um eine eigenständige Existenzsicherung zu kümmern. Und die Aufstiegschancen von Minijobberinnen sind ohnehin zu vernachlässigen.

Die Notlösung: Laut Klenner ist es falsch, dass fast nur Ehefrauen von Gutverdienern freiwillig und gern ein bisschen dazu verdienen. Viele Minijobberinnen lebten alleine oder in Haushalten mit sehr geringem Gesamteinkommen. Oft fänden diese Frauen schlicht keinen anderen Job.

Der Staat verzichtet: Man kann darüber streiten, ob der Staat bei jedem kleinsten Job die „volle Sozialbürokratie anschmeißen“ sollte, wie IW-Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer formuliert. Allerdings meint auch er, dass es keine vernünftige Begründung dafür gibt, dass der Staat auch Menschen begünstigt, die neben ihrer regulären Beruf einen Minijob ausüben. Auch für solche Nebenjobs muss der Beschäftigte keine Sozialabgaben zahlen. Leidtragende sind die Sozialversicherungen.

Was ist zu tun? IW-Fachmann Holger Schäfer warnt davor, die Förderung von Minijobs sofort und komplett abzuschaffen, weil das Beschäftigungsmöglichkeiten verbauen könnte. Über ein Ende der Begünstigung von Nebenjobs lässt er mit sich reden. Alexander Herzog-Stein plädiert dagegen dafür, mittelfristig die Subventionen für Minijobs zu beenden. Stattdessen sollten tatsächlich bedürftige Haushalte unterstützt werden, meint der Arbeitsmarkt-Fachmann der Hans-Böckler-Stiftung.

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