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Die Polaroid in der einen Hand, das Handy in der anderen: eine junge Frau beim Coachella Valley Music and Arts Festival in Indio, Kalifornien.

Polaroid

Die Wiedergeburt des Analogen

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Einst war die Firma Polaroid ein Opfer der Digitalisierung. Nun bedient sie mit der Neuauflage ihrer Sofortbildkameras höchst erfolgreich die Sehnsucht nach Langsamkeit und Authentizität.

Der Filmregisseur Wim Wenders hat ihr schon 1974 ein Denkmal gesetzt. In seinem Film „Alice in den Städten“ spielt die Polaroid-Sofortbildkamera des Typs SX 70 eine Hauptrolle. Am Anfang sitzt der Journalist Philip Winter (gespielt von Rüdiger Vogler) am Strand und fotografiert immer wieder das gleiche Motiv: einen leeren Hochsitz für Rettungsschwimmer. In dem melancholischen Roadmovie, in dem es um Lebenskrisen und Selbstfindung geht, werden immer wieder Fotos gemacht. Einmal knipst Alice Philip mit der Polaroid. Die Neunjährige, gespielt von Yella Rottländer, sagt: „Damit du wenigstens weißt, wie du aussiehst.“ 

Vorige Woche machten auf der Computermesse CES Besucher reihenweise solche Sofortbilder. Auch gerne Selfies. Die Firma Polaroid stellte an ihrem Stand in Las Vegas gleich mehrere Dutzend Exemplare des Modells One Step2 in vielen bunten Farben zur Verfügung. Ausgerechnet auf der CES, wo das Neuste vom Neuen in puncto künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und hochauflösende Bilddarstellung zu sehen war. 

Doch offenbar wächst mit der Perfektionierung der digitalen Technologien die Sehnsucht nach dem Einfachen und Analogen. An einem Stand konnten Besucher per Kopfhörer alte Vinylplatten von Pink Floyd und Miles Davies hören. Kodak feierte die Wiedergeburt der Super-8-Kamera. Es gibt wieder Nokia-Telefone mit Mini-Display und eben die Polaroid – am Stand trugen alle Mitarbeiter weiße Kittel, um den Retro-Effekt noch etwas zu steigern. 

Vor allem Ältere begutachteten die neuen Geräte, deren Design an die Klassiker der 60er und 70er Jahre erinnert, mit einem beglückten Lächeln. „Doch, doch, die können Sie überall kaufen, auch in Europa“, erläuterte ein Polaroid-Mitarbeiter einem Besucher, der nicht so recht glauben wollte, dass es die Kameras wirklich wieder gibt. „Wir sind wieder da“, sagte der Kittelträger. 

Polaroid hat bewegte Zeiten hinter sich

Tatsächlich ist die Wiedergeburt ein kleines Wunder. Das Unternehmen hat bewegte Zeiten hinter sich. Als der US-Physiker Edwin Herbert Land 1947 der Optical Society of America seine „Land-Camera“ vorstellte, war das eine technische Sensation. Ein Fotoapparat, der an Ort und Stelle das belichtete Negativ auf ein Positiv übertrug, das beeindruckte. In den ersten Jahren gab es nur die bräunlichen Sepia-Schwarz-Weiß-Bilder. Land perfektionierte die Verfahren.

Farbbilder waren bald möglich. Belichtungs- und Entwicklungszeiten wurden verkürzt. 1972 kam die SX 70 auf den Markt, die sich zusammenklappen lässt. Vier Minuten dauerte es nur noch, bis aus blassen Schemen ein Bild wurde. Die SX 70 ist zu dem klassischen Polaroid-Apparat geworden. Ein Gerät für Spontanfotographie – wofür heute das Smartphone herhalten muss. 
Als kluge Handys mit Kameras ihren Siegeszug antraten, ging es mit Polaroid steil bergab. Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt. Ende 2008 erklärte Polaroid seine Insolvenz. Damals wurde auch die letzte Fabrik für die Filme im niederländischen Enschede geschlossen. Alles sah danach aus, als ginge eine Ära zu Ende und eine Technologie verloren. 

Doch es gab noch einen kleinen Kreis von Enthusiasten. Florian Kaps und seine Mitstreiter gründeten die Firma The Impossible Project. Sie hatten erkannt, dass noch immer Nachfrage nach den Filmen bestand, schließlich waren noch ungezählt viele Kameras weltweit im Einsatz.

Allerdings war mit der Schließung des Werks in Enschede auch das Wissen über die Herstellung der Filme verloren gegangen. Doch die Leute von The Impossible Project machten sich daran, das Know-how zu recyceln. „Uns war damals nicht bewusst, wie unmöglich dieses unmögliche Projekt ist“, sagt Kaps. Ein Sofortbild besteht aus 46 verschiedenen Komponenten, die von verschiedenen Unternehmen hergestellt wurden. Doch es gelang schließlich mit Hilfe des britischen Fotospezialisten Ilford, die Zutaten wieder zusammen zu kriegen. Die Fabrik in Enschede wurde unter neuer Leitung wiedereröffnet. Kameras waren indes zeitweise nur sehr schwer zu bekommen, ältere Modelle wurden teilweise zu horrenden Preisen gehandelt. 

Mit den Fotos, die im Englischen Polaroids genannt werden, hat sich eine eigene Ästhetik entwickelt – mit den weich-milchigen Konturen und den etwas verwaschenen Farben. Viele große Künstler haben damit gearbeitet, um bewusst das Unperfekte zum Stilmittel zu machen, das auch immer die Aura des Spontanen und Authentischen hat. Der Popartist Andy Warhol ist eine Art Großmeister der Polaroid-Fotografie. Es gibt aber auch dicke Bücher mit Sofortbildern von Helmut Newton und jeder Menge anderer renommierter Künstler, die meisten nehmen am liebsten die SX 70 zur Hand. Und kürzlich ist ein Band erschienen, das im Deutschen „Sofort-Bilder“ heißt – mit Polaroids von Wim Wenders aus den 1970er und 1980er Jahren. 

Die Kunstszene hat mutmaßlich geholfen, das kleine Foto mit dem weißen Rand vor dem Aussterben zu retten. Doch die neue Nachfrage hat eine andere Ursache. Junge Menschen sind begeistert. Der Grund: Nach dem Knipsen kam man nicht nur sofort das Bild sehen – wie beim digitalen Foto. Hinzu komme, dass das Bild etwas Haptisches und einen „unglaublichen Charakter“ habe, so Kaps. Anfassen, Abschlecken oder Schütteln, das sei ganz wichtig, da spüre man eine Magie, die man mit dem Digitalen nicht erleben könne. Und Oskar Smolokowski ergänzt: „Für unsere Generation sind Polaroid-Kameras nicht etwas Altes, sondern etwas Neues“.

Der Pole mit Wohnsitz in Berlin ist 28 Jahre alt. Sein Vater, der Investor Wiaczeslaw Smolokowski, hat im Mai 2017 die Marke und das geistige Eigentum von Polaroid dem US-Finanzinvestor RLR IP Holdings für einen nicht genannten Preis abgekauft. Zuvor hatte er schon die Mehrheit am Kaps’ Filmhersteller The Impossible Project übernommen, rund zwei Millionen Euro investiert und Sohn Oskar zum Chef gemacht. 

Polaroid ist längst nicht mehr allein. Die japanische Fujifilm etwa verkauft schon seit einigen Jahren unter dem Namen Intax Kameras und Filme. Sogar der hessische Nobelkamerahersteller Leica ist mit seinem Modell „Sofort“ dabei, wobei hier die Fuji-Technik zum Einsatz kommt. Und die Smolokowskis haben wieder alles unter ein Dach gebracht. Es gibt die neue One Step2-Kamera, die im Spätsommer 2017 ihre Premiere feierte. Es gibt die einst so begehrten lichtempfindlichen Filme vom Typ 600. Und es gibt sogar aufgearbeitete „Vintage-Cameras“. Das Modell SX 70 aus „Alice in den Städten“ ist auch dabei. 

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