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In einer Schule im Senegal klärt ein Lehrer Schüler über Bilharziose auf. Das deutsche Pharmaunternehmen Merck engagiert sich im Kampf gegen die Krankheit.
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In einer Schule im Senegal klärt ein Lehrer Schüler über Bilharziose auf. Das deutsche Pharmaunternehmen Merck engagiert sich im Kampf gegen die Krankheit.

Studie

Wie sich Firmen engagieren

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Die im deutschen Leitindex Dax notierten Unternehmen haben im vergangenen Jahr mehr für gemeinnützige Zwecke getan als jemals zuvor. Eine Studie kritisiert aber, dass sie sich oft nicht für die richtigen Dinge einsetzen.

Die deutschen Dax-Konzerne haben im vergangenen Jahr, unter anderem wegen der Corona-Pandemie, mehr denn je für gemeinnützige Zwecke gespendet – nämlich Geld und Sachwerte in Höhe von mehr als 860 Millionen Euro. Das meiste davon fließt in traditionelle Kanäle, wie etwa die Förderung von Vereinen und anderen Organisationen aus der jeweiligen Region sowie Aktionen der Belegschaft.

Die gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen die Unternehmen zunehmend direkt konfrontiert sind – von Klimaschutz über Lieferketten-Problematik bis zu sozialer Ungleichheit – werden dabei jedoch vergleichsweise wenig beachtet. „Sie agieren zu wenig strategisch, setzen auf zu viele unterschiedliche Themen und berichten kaum darüber, was ihre Millionen bewirken“, lautet das Fazit einer aktuellen Untersuchung zum gesellschaftlichen Engagement der Konzerne, dem „Corporate Citizenship“.

Bayer als Positivbeispiel

Es gibt positive Beispiele. Der Chemie-Multi Bayer zum Beispiel hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 rund 100 Millionen Frauen in Entwicklungsländern den Zugang zu modernen Empfängnisverhütungsmitteln zu ermöglichen. Der Pharmakonzern Merck will dazu beitragen, dass die Tropenkrankheit Bilharziose ausgerottet wird, eine Wurminfektion, an der jährlich weltweit bis zu 200 000 Menschen sterben. Der Softwarekonzern SAP wiederum finanziert die Vermittlung von digitalem Wissen und Programmierkenntnissen an über zwei Millionen Menschen pro Jahr.

Diese drei Konzerne gehören zusammen mit der Deutschen Post und der Deutschen Telekom zu den fünf in der Studie am besten bewerteten Dax-Unternehmen. Doch auch sie schafften es nur in die zweitbeste Kategorie (von fünf) in der Bewertung des „Corporate Citizenship“. Schlusslichter in dem Ranking sind Fresenius, RWE, Sartorius und Symrise. Die meisten Dax-Konzerne, von Adidas bis Zalando, befinden sich im Mittelfeld, in Kategorie drei.

Rekorde bei Umsatz und Gewinn trotz Corona

Trotz Corona, Chipkrise und gestörter Lieferketten haben die Dax-Konzerne in den letzten Quartalen Rekorde bei Umsatz und Gewinn erzielt, die Werte des Vorkrisenjahres 2019 wurden übertroffen. Im Lockdown-Jahr 2020 verzeichneten sie zwar Einbrüche, trotzdem zeigten sie sich besonders spendabel. Ihre Geld- und Sachspenden übertrafen mit über 860 Millionen Euro den Wert von 2019 deutlich, damals waren es etwa 515 Millionen gewesen; wobei für 2019 Daten von 23 Unternehmen vorliegen und für 2020 von 26. Seit einer Reform im September 2021 gehören 40 Konzerne zum Dax, vorher waren nur 30 in dem Börsen-Leitindex verzeichnet.

Der Anstieg der Spenden sei maßgeblich auf die Pandemie zurückzuführen, erläutern die Studienautor:innen von den auf Nachhaltigkeit spezialisierten Beratungshäusern Wider Sense und Goetzpartners. Während der Krise hätten viele Konzerne insbesondere medizinische Sachspenden erhöht, etwa Corona-Tests, Masken oder medizinisches Equipment.

„Fridays for Future“, #MeToo, Black Lives Matter als Herausforderungen

Hintergrund der Studie, die der FR exklusiv vorliegt und für die die Autor:innen die Nachhaltigkeitsberichte der Konzerne analysierten sowie Hintergrundgespräche mit Dax-Verantwortlichen führten, ist folgende Erkenntnis: Unternehmen müssen nicht nur ihr Kerngeschäft beherrschen, also die Produktion von Waren oder die Bereitstellung von Dienstleistungen. Sie sehen sich auch mit rasant gewachsenen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. „Fridays for Future“, #MeToo, Black Lives Matter – das nennen die Autor:innen als Beispiele aus jüngster Zeit.

„Der Druck auf die Unternehmen steigt, das merken auch die Dax-Unternehmen seit Jahren“, sagt dazu Armin Raffalski von Goetzpartners. Das reiche von höheren Erwartungen der Verbraucher:innen bis zu neuen gesetzlichen Vorschriften für mehr Nachhaltigkeit wie dem Lieferkettengesetz. „Trotzdem fehlt oft noch der Wille, Corporate Citizenship und Kerngeschäft konsequent zusammen zu denken.“

Selbstverursachte Probleme und ihre Lösung

Die Dax 40 stünden insgesamt für über eine Billion Euro Umsatz und hätten mehrere Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Das ist eine Kraft, die bei weitem noch nicht genutzt wird“, so Raffalski.

Allerdings: Statt nur etwa für den Sportverein oder in der Region Gutes zu tun, spenden laut der Untersuchung inzwischen 75 Prozent der Dax-Unternehmen zumindest teilweise an Organisationen, die sich für die Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen einsetzen, welche von den Konzernen selbst mitverursacht werden. Kooperationen mit sogenannten Sozialunternehmen („Social Businesses“) beispielsweise gebe es aber nur selten. Dabei entstehe die größte positive Wirkung genau durch solche Formen strategischen Engagements.

Ein Beispiel aus der Studie: Konzerne fördern mit Spendengeldern den Aufbau von Sozialunternehmen in anderen Ländern, die vor Ort fair arbeiten und später sogar potenziell als Lieferanten nachhaltige Ressourcen für das eigene Kerngeschäft bereitstellen können.

Dax-Konzerne weit von gutem Engagement entfernt

Laut der Untersuchung sind die meisten Dax-Konzerne „von solch einem weitsichtigen gesellschaftlichen Engagement noch weit entfernt“. Ein Engagement in der eigenen Wertschöpfungskette, zum Beispiel zur Reduktion von Plastik, zur Wiederaufforstung von Wäldern oder für die Einhaltung von Menschenrechten entlang der Lieferkette, bleibe eine Seltenheit.

Erstmals haben die beiden Beratungsunternehmen das gesellschaftliche Engagement der Dax-Konzerne im Jahr 2017 analysiert. Bei einer ganzen Reihe der Unternehmen stellen sie inzwischen eine „Professionalisierung“ in dem Bereich fest. „Wirklich strategisch gehen das aber nur wenige Vorreiter an“, kommentierte der Geschäftsführer von Wider Sense, Michael Alberg-Seberich. „Die deutschen Konzerne vergeben so viele Chancen für positive ökologische und gesellschaftliche Wirkung.“ Die Studie trägt denn auch den Titel „Vergebene Chancen“.

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