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Das Carlton Intercontinental in Cannes bei Nacht: Der Marktwert des Hotel-Gebäudes dürfte sich laut Studie in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht haben.
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Das Carlton Intercontinental in Cannes bei Nacht: Der Marktwert des Hotel-Gebäudes dürfte sich laut Studie in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht haben.

MGI-Studie

Wie groß ist der Wohlstand?

  • VonStephan Kaufmann
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Eine US-Denkfabrik hat sich der Frage einmal anders angenähert und festgestellt: Nie war die Welt reicher. Grund ist der Wertzuwachs realer Anlagen wie Immobilien. Sorgen bereitet aber das Ungleichgewicht zwischen Vermögen und Wirtschaftsleistung.

Der Wohlstand der Welt ist sehr ungleich verteilt, das ist bekannt. Aber wie groß ist er und woraus besteht er eigentlich? Das McKinsey Global Institute (MGI), die Denkfabrik der gleichnamigen Unternehmensberatung, hat sich an eine Aufstellung gewagt. In seiner globalen Vermögensbilanz listet das Institut Finanz- und Sachanlagen auf und kommt zu beunruhigenden Befunden.

Denn in den vergangenen 20 Jahren ist der Wert des Weltvermögens rasant gestiegen und hat sich zunehmend von der globalen Wirtschaftsleistung entkoppelt. Ein Problem könnte das sein, weil dieses Vermögen seinen Wert letztlich aus künftig erwarteten Einnahmen bezieht, die die Wirtschaft liefern muss. Angesichts eines eher flauen Wirtschaftswachstums stellt sich daher die Frage, ob das globale Vermögen vor einer großen Korrektur steht.

Der Wohlstand der Nationen wird üblicherweise in Flussgrößen wie dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen, also in der Addition der Einkommen pro Jahr. Das MGI wählt einen anderen Ansatz: den Bestand, also das Vermögen der Welt, das es annäherungsweise aus den Daten von zehn Industrienationen errechnet, die 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erbringen.

Dieses Vermögen ist laut MGI seit dem Jahr 2000 kräftig angeschwollen. So wuchs das Volumen der Finanzanlagen – zum Beispiel Anleihen und Aktien – bei den Unternehmen aus dem Finanzsektor von 150 auf 510 Billionen Dollar, bei privaten Haushalten, Regierungen und nicht-finanziellen Unternehmen ergibt sich ein Anstieg von 150 auf 540 Billionen. Der Wert des Sachvermögens – zum Beispiel Immobilien, Fabriken, Infrastruktur – wuchs von 160 auf 520 Billionen Dollar. „Der Marktwert der globalen Bilanz hat sich in den ersten beiden Dekaden dieses Jahrhunderts verdreifacht“, so das MGI.

Wie reich ist die Welt? Das globale Finanzvermögen beläuft sich netto auf 0 Dollar

Doch sind dies nur die Brutto-Zahlen. Zur Bilanz gehört auch die Gegenseite, also die Verbindlichkeiten und Schulden. Und hier zeigt sich: Dem Finanzvermögen stehen Zahlungsverpflichtungen in gleicher Höhe gegenüber. Denn dieses Vermögen besteht lediglich aus Forderungen an die Schuldner. Beispiel Anleihen: Was die Sparer in ihren Portfolios oder Lebensversicherungen als festverzinsliche Anlagen haben, sind nichts weiter als Schulden von Staaten und Unternehmen. Beispiel Aktien: Auch sie sind „Ansprüche an künftige Zahlungsströme wie Dividenden“, erklärt MGI.

Daraus folgt erstens: Der Wert des globalen Finanzvermögens beläuft sich netto – also abzüglich Schulden – auf 0 Dollar, denn „Forderungen und Verbindlichkeiten gleichen sich aus“, so MGI. Zweitens hängt der Wert all dieser Finanzanlagen davon ab, dass die Schuldner ihren Zahlungspflichten nachkommen und dass die erwarteten Zahlungsströme auch wirklich eintreten.

Da sich in der Finanzsphäre Forderungen und Schulden ausgleichen, besteht der Netto-Reichtum der Welt laut MGI aus den „realen Anlagen“, also den Sachwerten. Sie bestehen zu 68 Prozent aus Immobilien. Der Rest sind Maschinen, Ausrüstungen, Infrastruktur, Warenlager sowie geistiges Eigentum wie Patente und Marken.

Dieser Netto-Reichtum der Welt hat sich laut MGI zwischen 2000 und 2020 auf 510 Billionen Dollar verdreifacht, das entspricht dem Sechsfachen der globalen Wirtschaftsleistung. Im Wesentlichen spiegelt sich hierin eine stetige Verteuerung von Immobilien. Oder anders gesagt: Das Wachstum des globalen Netto-Vermögens verdankt sich weniger einer Zunahme von produktivem Reichtum wie Fabriken, Anlagen und Infrastruktur, sondern vor allem einer höheren Bewertung von Immobilien durch den Markt.

Im Ergebnis „war die Welt nie wohlhabender“ als heute, stellt MGI fest. Allerdings ist dieser Wohlstand prekär. Denn während das Weltvermögen bis zum Jahr 2000 in etwa parallel zur Wirtschaftsleistung gestiegen ist, hat es sich seitdem von ihr entkoppelt. Das bedeutet: Ein immer größeres Vermögen steht einer relativ kleineren Wirtschaftsleistung gegenüber. Gleichzeitig aber beruht der Wert des Vermögens darauf, dass die Einkommen – also die Wirtschaftsleistung – wächst. Denn nicht nur Finanzanlagen sind Ansprüche auf künftige Zahlungen wie Zinsen und Dividenden. Auch Sachanlagen sind nur so viel wert, wie sie an Rendite bringen. Der Wert einer Fabrik steht und fällt mit dem Gewinn, den sie abwirft. Und eine Immobilie ist wertlos, wenn niemand die Miete zahlen kann.

Wohlstand der Nationen

Die höhere Bewertung des Weltvermögens entspricht daher einer Spekulation auf künftiges Wirtschaftswachstum, dass die höhere Bewertung des Vermögens rechtfertigen soll. „Am Ende müssen die Einkommen den Wert der Anlagen unterlegen“, so MGI. Anders gesagt: Das Vermögen ist nicht das, was die Menschheit hat, sondern ein gigantischer Anspruch auf künftiges Wachstum.

Vor diesem Hintergrund macht sich MGI Sorgen darüber, dass das Wachstum der Weltwirtschaftsleistung in den vergangenen Jahren eher schwächlich und von Krisen gekennzeichnet war, während das Vermögen sich immer weiter aufblähte. „Die in der Vergangenheit gültige Verbindung zwischen beiden ist gebrochen“, so das Institut. Ursache dafür sei eine Geldschwemme gewesen, die die Preise der Vermögenswerte in die Höhe trieb.

Für die Zukunft zeichnet das Institut drei Szenarien. Im ersten könnte das Ungleichgewicht zwischen Vermögen und Wirtschaftsleistung schlicht bestehen bleiben. Im zweiten Szenario würde das Ungleichgewicht korrigiert durch eine Entwertung des Vermögens. Rein rechnerisch sei eine Entwertung – je nach Land – von 15 bis 50 Prozent vonnöten, damit Vermögen und Wirtschaftsleistung wieder in einem Verhältnis wie im Jahr 2000 stehen.

Die angenehmere Variante wäre das dritte Szenario: Die Wirtschaftsleistung steigt wieder stärker und gibt so dem aufgeblähten Vermögen eine reale Basis. Dafür allerdings wären laut MGI massive Investitionen nötig, um neue Wachstumsfelder zu erschließen und um „die Produktivität der Arbeitnehmerschaft kontinuierlich zu steigern“. Die Aufgabe, „unseren Wohlstand und das Finanzsystem zu schützen“, bleibt also letztlich an den Beschäftigten hängen.

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