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Ein Feuerwehrmann kämpft im australischen Bundesstaat New South Wales gegen das Flammenmeer. Foto: AAP Image/Dan Himbrechts/via reuters

Buschbrände in Australien

„Wie in einem Katastrophenfilm“

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Klimaforscherin Katrin Meissner über die verheerenden Buschbrände in Australien und die komplexe Stimmungslage in Sachen Umweltschutz in ihrer Wahlheimat

Ursprünglich stammt sie aus Berlin, doch inzwischen leitet die Klimaforscherin Katrin Meissner das Climate Change Research Centre an der Universität von New South Wales in Australien. Im Interview spricht sie darüber, wie besonders schlimm ihre Wahlheimat vom Klimawandel betroffen ist und wie die australische Regierung das Problem dennoch überwiegend negiert.

Frau Meissner, Sie leben in Sydney, das zurzeit von Buschfeuern umgeben und bedroht ist. Was bedeutet das für Ihren Alltag?

Je nach Windrichtung war die Luftverschmutzung in Sydney in den letzten Wochen zeitweise besorgniserregend. Man konnte die Rauchschwaden regelrecht sehen, riechen und schmecken. Die Augen tränten, es kratzte im Hals, die Sonne stand mitten am Tag blutrot am Himmel und das Licht war orange-gelb. Die Feinstaubbelastung war zeitweise weit über den Richtlinien der Gesundheitsbehörden. In den letzten paar Tagen hatten wir Glück, da kam der Wind vom Meer.

Wie wirkt sich das auf das Leben aus?

Schulen in den Außengebieten von Sydney hatten zeitweise geschlossen, weil die Brandgefahr zu hoch war. Selbst in der Innenstadt, wo die Schulen durchgehend geöffnet waren, durften die Kinder an schlechten Tagen beim Schulsport nicht raus. Man sieht mehr Menschen mit Atemschutzmasken in den Straßen. Wir erwarten eine Hitzewelle in den nächsten drei Tagen, und der Wind wird drehen. Was dann mit dem Megafeuer vor den Türen Sydneys passieren wird, weiß ich nicht. Das ist beängstigend.

Wie steht es um die Gegenden außerhalb des Zentrums?

Schlimmer betroffen als wir in der Innenstadt sind natürlich die Gebiete um Sydney, in denen es brennt. Wir hatten zum Beispiel zeitweise Freunde bei uns zu Hause einquartiert, weil es für sie doch zu riskant war, in ihrem eigenen Haus zu bleiben. Andere Freunde haben mir vor zwei Tagen Fotos von ihrem Haus geschickt, nachdem sie endlich wieder in das Gebiet gelassen wurden. Die Bilder sehen unheimlich aus. Alles schwarz und verbrannt. Wie in einem Katastrophenfilm. Viele Menschen haben ihre Häuser verloren, manche sogar ihr Leben.

Wie reagieren die Menschen auf diese Situation? Und wie reagiert die Politik?

Die Menschen versuchen, ihre Häuser zu retten und Nachbarn und Freunden zu helfen. Tausende sind mit der Freiwilligen Feuerwehr direkt an den Löscharbeiten beteiligt. Gleichzeitig ist unser Premierminister anscheinend auf Hawaii und macht Familienurlaub.

Australien hat mit zunehmender Hitze und daher auch mit zunehmenden Feuern zu kämpfen. Wird das in Australien als Folge des Klimawandels wahrgenommen?

Der Climate Council in Australien hat mehrere Berichte über den Zusammenhang zwischen Erderhitzung und Waldbränden herausgegeben. Die Regierung hat bis heute nicht merklich darauf reagiert. Der ehemalige Fire and Rescue Commissioner für New South Wales, Greg Mullins, hat außerdem versucht, ein Treffen über Klimawandel und Waldbrände mit Premierminister Scott Morrison zu organisieren. Aber das Treffen kam nie zustande. Unser Premierminister hat zwar endlich einen Zusammenhang zwischen der Länge der Feuersaison und dem Klimawandel zugegeben, ihn dann aber abgewertet mit den Worten: „Ich weiß, wie besorgniserregend diese Brände sind, vor allem für jüngere Menschen, die das so noch nie erlebt haben.“ Dabei hat das niemand so jemals erlebt. Unser Vizepremierminister Michael McCormack bezeichnete Menschen, die die tieferen Ursachen der Brände und die Rolle des Klimawandels ansprachen als „raving inner-city lunatics“ – verrückte innerstädtische Irre.

Gibt es auch andere Stimmen?

Der Umweltminister von New South Wales, Michael Kean, hat letzte Woche bestätigt, dass die Brände von Wissenschaftlern seit Jahren prophezeit worden seien, dass die Brände im engen Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen und dass wir unsere CO2-Emissionen sofort reduzieren müssen. Ich hoffe also, dass sich auf der Bundesstaatsregierungsebene nun endlich etwas tut.

Man sollte ja meinen, dass in einem Land, das mittlerweile so existenziell betroffen ist wie Australien, ein Umdenken einsetzt. Warum passiert das bisher nicht?

Es passiert schon. Laut Umfragen stimmen 77 Prozent der Australier der Aussage zu, dass die Erderwärmung Realität ist. Außerdem sind 64 Prozent dafür, die CO2-Emissionen bis 2050 auf Null zu reduzieren. Ungefähr 300 000 Menschen haben sich im September an den Fridays-for-Future-Demonstrationen beteiligt. Vor ein paar Monaten wurde eine Petition an das Parlament eingereicht, in dem australische Bürger landesweit einen Klima-Notstand deklarieren wollten. Die Petition hatte mehr als 370 000 Unterschriften – es war die größte Petition, die jemals eingereicht wurde. Sie wurde leider nicht angenommen, obwohl es bereits mehr als 1180 dieser Deklarationen weltweit gibt, davon 60 in Australien. Man darf aber nicht vergessen, dass Australien der weltgrößte Kohle-Exporteur ist. Kohlebergbau ist und bleibt ein bedeutender Wirtschaftsfaktor des Landes. Die führende Partei ist fest in den Händen der Kohlelobby. Sie hat bisher Klimawandel entweder totgeschwiegen oder direkt verleugnet.

Wie nehmen Sie unterdessen die Lage in Deutschland und in Europa wahr. Glauben Sie, dass wir hier weiter sind?

Ja, das glaube ich schon. Zumindest werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Klimawandel von der Regierung und der Mehrheit der Bevölkerung als Realität anerkannt. Aber auch in Europa ist der Weg noch lang, bis wir bei Null-Emissionen sind.

In Deutschland ist die Kohle ebenfalls ein Thema. Es heißt, man könne da wegen der Arbeitsplätze nicht so schnell raus. Wie sehen Sie das?

Umweltprobleme sind auch in der Vergangenheit nur gelöst worden, wenn der Staat Regeln aufgestellt und Geld bereitgestellt hat, damit das Land diese Regeln befolgen kann. Ohne Regeln würden wir immer noch ohne Katalysator fahren, Abwässer würden direkt in unsere Binnenseen geleitet werden, und wir würden uns weiterhin mit FCKW-Haarspray einsprühen. Um auf netto null zu kommen, brauchen wir eine fundamentale Umstellung unserer Industrie. Und die muss gut geplant, durchdacht und vor allem subventioniert werden. Es darf nicht passieren, dass ganze Regionen oder Berufsstände dabei verarmen. Da müssen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, zum Beispiel durch den Ausbau erneuerbarer Energien. Es müssen Umschulungen und Unterstützung und Subventionen angeboten werden. Das gilt natürlich für die Kohleindustrie, aber auch für viele andere Sektoren, zum Beispiel für die Landwirtschaft.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus? Haben Sie schon mal erwogen, aus Sydney wegzugehen? Oder wäre das übertrieben?

Eine Antwort auf diese Frage hätte ich auch gerne. Bis jetzt war meine Strategie, so flexibel wie möglich zu sein. Das heißt, mehrere Sprachen zu sprechen, mehrere Staatsbürgerschaften zu haben. Qualifikationen, mit denen man hoffentlich überall seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Sydney ist eine tolle Stadt, so international, so multikulturell und interessant und gleichzeitig von einer traumhaften Natur umgeben. Aber Australien ist eines der Länder, das am meisten unter dem Klimawandel leidet und auch in Zukunft leiden wird. Allerdings gibt es keinen Platz auf dieser Erde, an dem man vor dem Klimawandel und seinen weitläufigen Konsequenzen komplett geschützt sein wird. Flexibilität ist die beste Antwort, die ich zurzeit habe.

Der von Ihnen erwähnte australische Premierminister hat gesagt, seine Landsleute sollten für Regen beten. Beten Sie manchmal?

Nein.

Interview: Markus Decker

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