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Der Westen dominiert die Finanzströme – doch China will sich endlich lösen

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Durch die Finanzzentren von London (Bild), New York und Frankfurt fließt das Geld der Welt.
Durch die Finanzzentren von London (Bild), New York und Frankfurt fließt das Geld der Welt. © IMAGO/Zoonar

Der Anteil des Westens an der Weltwirtschaftsleistung ist gesunken – als globales Finanzzentrum aber ist er noch dominant.

Frankfurt – Die USA und die EU-Staaten haben sich darauf geeinigt, den von ihnen eingefrorenen Staatsschatz Russlands zum Wohle der Ukraine einzusetzen. Erträge der im Westen lagernden Devisenreserven der russischen Zentralbank werden künftig wohl an Kiew überwiesen. Dieses Instrument zeigt, wo das ökonomische Machtzentrum des Westens liegt: in seiner Dominanz des globalen Finanzsektors. Diese Dominanz sichert ihm Kontrolle von Geldströmen und wirft darüber hinaus Milliarden ab. „Das exorbitante Privileg der USA hat sich erweitert und ist zu dem Privileg der reichen Staaten geworden“, so eine neue Studie der Paris School of Economics.

EU und USA nicht mehr Wirtschaftsmächte - dafür aber Finanzmächte

Als Weltwirtschaftsmächte sind die EU und die USA in den vergangenen Jahrzehnten zurückgefallen. Je nach Berechnungsmethode stellen sie nur noch 32 bis 40 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dominant sind sie aber weiter als Weltfinanzmächte. Denn ihre Währungen sind das Geld der Welt: Dollar und Euro und in geringerem Maße britisches Pfund und japanischer Yen. Sie gelten rund um den Globus als gültige Form des Reichtums, sie sind die sicheren Häfen für Finanzanleger, an ihnen müssen sich alle anderen Währungen messen – was Sambias Kwacha, Malaysias Ringgit oder Argentiniens Peso wert sind, entscheidet sich an ihrem Wechselkurs zu Dollar und Euro.

Diese Währungsdominanz macht die USA und die EU zur Heimat des Weltfinanzkapitals. 80 Prozent der internationalen Bankguthaben und 80 Prozent der internationalen Kredite lauten auf Dollar und Euro. Addiert man Yen und Pfund dazu, sind es 90 Prozent. Der US-Aktienmarkt macht fast 60 Prozent des globalen Aktienmarktes aus, Europa und Japan steuern weitere 20 Prozent bei. Das Geld der Welt fließt in die Finanzzentren New York, Frankfurt, Paris, London und Tokio und wird von dort wieder angelegt, also in alle Welt verteilt. Nicht nur private Investoren, auch alle Staaten brauchen daher Euro und Dollar: Sie stellen 80 Prozent der offiziellen globalen Devisenreserven.

Westen kann Sanktionen auf fremde Banken androhen – das zeigt auch Wirkung

Die finanzielle Dominanz sichert dem Westen gigantische Vorteile: So können die USA und die Euro-Länder ihre Importe in eigener Währung bezahlen – davon träumen Schwachwährungsländer, die sich für Importe Dollar oder Euro besorgen müssen.

Ein weiterer Vorteil für die Herren des Weltgeldes: Sie finden jederzeit Geldgeber, die ihre Kreditbedürfnisse zu niedrigsten Zinsen befriedigen. Die Euro-Länder können diesen Vorteil noch nur beschränkt nutzen, da sie ihre Verschuldung per Gesetz begrenzt haben. Die US-Regierung dagegen geht in die vollen: In den vergangenen fünf Jahren lag ihre Neuverschuldung bei durchschnittlich neun Prozent des BIP. Washington gibt immer mehr Anleihen heraus – und sie werden ihm aus den Händen gerissen. „Die Schuldenquote der USA erscheint uns nicht nachhaltig“, kommentiert die Bank Wells Fargo. „Aber das US-Finanzministerium ist in der Lage, seine Schuldscheine zu vernünftigen Zinsen zu verkaufen. Zu ihnen gibt es schlicht keine Alternative.“

Da der Westen die Heimat des Finanzkapitals ist, laufen die Finanzströme über seine Banken und Institutionen, sie kontrollieren die Geldflüsse – und geben ihren Regierungen die Möglichkeit, sie auch zu unterbinden und Gelder einzufrieren. So droht US-Finanzministerin Janet Yellen glaubwürdig chinesischen Banken mit Sanktionen, die Geschäfte mit Russland machen. Russlands Staat, Regierungsstellen und 2500 private Institutionen wurde der Zugang zu Dollars gesperrt. Russlands Devisenreserven über 300 Milliarden Dollar, die in den USA und der EU lagerten, hat der Westen beschlagnahmt und will sie nun zur Aufrüstung der Ukraine nutzen.

Finanzielle Dominanz führt zum Erhalt der Macht

Die finanzielle Dominanz des Westens dient ihm aber nicht nur als Mittel zur Schuldenaufnahme und zur Kontrolle des Weltgeschäfts. Sie ist auch selbst eine Quelle von Einnahmen. So zeigt eine Analyse der Weltbank und des Industrieländerclubs OECD: Im vergangenen Jahr dürften die Schwellen- und Entwicklungsländer – der „Globale Süden“ – rund 50 Milliarden Dollar mehr an den Globalen Norden gezahlt haben, als es von ihm in Form von Darlehen und Zuschüssen bekommen hat.

„Diese reichsten Länder agieren als Banker der Welt“, erklären Ökonominnen und Ökonomen von der Paris School of Economics in einer neuen Untersuchung der globalen Finanzströme. „Sie ziehen Kapital an, zahlen ihren Gläubigern dafür geringe Zinsen und investieren diese Zuflüsse in profitablere Geschäfte weltweit.“ Dieses Privileg sei äußerst lukrativ: Die Wissenschaftler:innen taxieren den Netto-Ertrag, der durch die Transfers der armen zu den Top zehn der reichsten Ländern entsteht, auf zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung.

Zu diesen reichsten Ländern gehörten die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Kanada, aber auch Australien, Belgien, Norwegen, die Schweiz und Israel. „Die zentrale Position dieser Länder im internationalen Geld- und Finanzsystem erlaubt es ihnen, als Vermittler zu fungieren“, erklären die Ökonominnen und Ökonomen. „Diese Rolle wiederum stärkt ihr Privileg, da sie billig an Kapital kommen und es in produktive Investments lenken können. Und dieser Zirkel wiederum verewigt ihre Dominanz und stärkt ihre Position als Schlüsselmächte der Wirtschaftswelt.“

China will sich vom Dollar lösen – Donald Trump will Gegenmaßnahmen ergreifen

Diese Position haben die Weltfinanzmächte inne, solange es zu ihren Währungen keine echte Alternative gibt. Und genau an dieser Stelle setzt China an. Peking wolle selbst „eine mächtige Währung“ schaffen, erklärt die Bank Société Générale, „und das bezieht sich vor allem auf die Rolle des Yuan im internationalen Handel und Finanzsystem.“ China versucht also, sich von Dollar und Euro zu lösen und seine Währung zu einem Welt-Geld zu machen. Dadurch aber würde es nicht nur unabhängiger vom Westen, sondern würde schrittweise auch die Alternativlosigkeit der West-Gelder unterminieren, also die Basis ihrer Dominanz.

US-Präsidentschaftsanwärter Donald Trump hat daher bereits reagiert. Er und seine Wirtschaftsberater:innen erwägen laut Medienberichten Strafen für Länder, die sich vom Dollar entkoppeln wollen. Diese Strafen könnten in Exportverboten oder Zöllen bestehen. „Ich hasse es, wenn Länder sich vom Dollar lösen“, sagte Trump. Verlöre das US-Geld seinen globalen Status, „wäre dies der größte Krieg, den wir je verloren hätten“.

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