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Widerspruch gegen LNG-Terminal

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Von: Joachim Wille

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Ein LNG-Tanker macht in Rotterdam fest.
Ein LNG-Tanker macht in Rotterdam fest. © AFP

Die Deutsche Umwelthilfe geht gegen die Baugenehmigung für das Flüssiggas-Projekt in Wilhelmshaven vor und führt ökologische Gründe an. Eine Studie hält LNG-Terminals für die Versorgungssicherheit hierzulande nicht für notwendig.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat Widerspruch gegen den vorzeitigen Baubeginn des geplanten Flüssiggas-Terminals in Wilhelmshaven eingelegt und forderte einen sofortigen Baustopp. Nach Ansicht der DUH drohen die irreparable Zerstörung eines Unterwasser-Biotops und die Gefährdung von Schweinswalen durch Schallemissionen. Die Umwelthilfe stellt sich damit den Bemühungen der Bundesregierung entgegen, zu verkürzten Genehmigungszeiten für den Bau von LNG-Terminals zu kommen. Die Ampelkoalition will so den zügigen Ausstieg aus russischer Gasversorgung aufgrund des Ukraine-Kriegs ermöglichen.

Ihren Widerspruch richtete die DUH gegen den Bescheid des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz zur Errichtung des LNG-Terminals. Zuvor hatte die zuständige Landesdirektion in Niedersachsen dem vorzeitigen Baustart ohne Offenlegung der Unterlagen und Beteiligung von Umweltverbänden genehmigt.

Der Bau neuer LNG-Terminals an den Küsten wird derzeit von Deutschland, Italien und Polen geplant und umgesetzt. Die Bundesregierung zum Beispiel hat für die Beschaffung von vier schwimmenden Flüssiggas-Terminals 2,94 Milliarden Euro im Haushalt eingestellt. Die Konzerne Uniper und RWE sollen die Anlagen zur LNG-Anlandung und Regasifizierung betreiben. Im niedersächsischen Wilhelmshaven sollten die Arbeiten für das erste Terminal hierzulande in dieser Woche beginnen.

Laut einer neuen Studie des Beratungsunternehmen Artelys sind die Terminals jedoch für die Versorgungssicherheit nicht notwendig, zudem sehr kostspielig. Eine komplette Umsetzung der im EU-Klimaschutz-Paket „Fit-for-55“ vorgeschlagenen Maßnahmen würde die Union danach in die Lage versetzen, bis 2025 weitgehend aus dem russischen Gas auszusteigen. Die Brüsseler Kommission hat in dem Paket einen ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Energien, Energieeffizienz-Maßnahmen sowie eine sukzessive Umstellung der Heizungen unter anderem auf Wärmepumpen vorgesehen. Der CO2-Ausstoß soll damit bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Das würde laut Artelys die Gasnachfrage so weit senken, dass das Gas aus Russland nicht mehr gebraucht wird.

Probleme mit der Versorgungssicherheit, die gelöst werden müssen, gibt es nach der Analyse nur in vier der 27 EU-Länder, nämlich Finnland, Estland, Lettland und Litauen. Zudem würde das europäische Fernleitungs-Erdgasnetz durch die Umstellung der Lieferrichtung sehr hoch ausgelastet – zum Beispiel zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland über 95 Prozent. Von den dort vorhandenen LNG-Terminals müsste Gas herantransportiert werden.

Artelys-Mitarbeiter Anthony Vautrin sagte, die Pläne für neue LNG-Terminals seien unnötig, da die nötigen Kapazitäten im europäischen Erdgas-System bereits vorhanden sein. „Unsere Analyse zeigt, dass kein einziges der seit 2020 vorgeschlagenen Projekte – einschließlich aller Projekte, die seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine entstanden sind – einen Mehrwert für den Ausstieg aus dem russischen Gas bis 2025 bietet.“ Artelys ist ein unabhängiges Beratungs- und Softwareunternehmen zu Energiefragen. Finanziert wurde der Bericht von der European Climate Foundation.

Auch der deutsche Energieexperte Hans-Josef Fell warnte vor der LNG-Strategie. Mit dem Ausbau der Terminals in Europa werde „billigend in Kauf genommen, dass die Nutzung von LNG – ähnlich wie von russischer Energie – politische Verwerfungen mit erheblichen geopolitischen Auswirkungen in vielen anderen Weltregionen hervorruft“, schrieb Fell jetzt in seinem Blog. Er verwies auf knappe Lieferkapazitäten im Weltmarkt. Lieferungen durch Exporteure wie Katar könnten nur erfüllt werden kann, wenn deren andere Kunden weniger Gas erhalten. Viele Länder, die weniger zahlungskräftig als die EU sind, würden dann vom Erdgas abgehängt. „Aufstände, Krisen, Kriege drohen nun genau jenen Ländern“, warnte Fell, der Grünen-Bundestagsabgeordneter und einer der „Erfinder“ des Erneuerbare-Energien-Gesetzes war.

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