Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Tierwirtschaft“ ist kein offizieller Begriff, sondern ein politischer.
+
„Tierwirtschaft“ ist kein offizieller Begriff, sondern ein politischer.

Haltungsbedingungen

Wider den Tierwohl-Soli

  • VonKathrin Hartmann
    schließen

Eine Studie belegt, dass der Bund und die EU die Fleischproduktion in Deutschland bereits mit Milliarden fördern.

Vor einigen Tagen hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eine Machbarkeitsstudie für den Umbau der Tierhaltung gemäß der Borchert-Kommission vorgestellt. Letztere ermittelte im Auftrag ihres Ministeriums, wie sich mehr Tierwohl und Umweltschutz auf Deutschlands Bauernhöfen durch höhere Fleischpreise umsetzen ließe. Etwa durch eine höhere Mehrwertsteuer, eine Tierwohlabgabe oder einen Zuschlag auf die Einkommenssteuer, eine Art „Tierwohl-Soli“. „Die Gesellschaft möchte mehr Tierwohl. Die Tierhalter wollen mehr Tierwohl. Und mehr Tierwohl im Stall und auf der Wiese, das gibt es nicht zum Nulltarif“, sagte Klöckner – und schob die Verantwortung für die verheerenden Zustände in der Fleischproduktion auf die Konsumentinnen und Konsumenten ab.

Dabei zahlen diese genau dafür mit ihren Steuern: Eine Studie des Bündnisses „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ belegt, dass hierzulande mindestens 13,2 Milliarden Euro öffentliches Geld jedes Jahr in Erzeugung, Verarbeitung und Vertrieb von Fleisch fließt. Den größten Anteil macht dabei mit rund fünf Milliarden Euro die ermäßigte Mehrwertsteuer auf tierische Lebensmittel aus. Hinzu kommen landwirtschaftliche Direktzahlungen der EU für die Erzeugung von Futtermitteln (2,9 Milliarden Euro) und die Agrarsozialpolitik für Landwirt:innen, die vor allem von der Tierhaltung leben (2,7 Milliarden Euro). Dazu kommen unterschiedliche direkte und indirekte Subventionen wie die Finanzierung von Landwirtschaftsberatung, günstige Kredite, Steuervergünstigung von Agrardiesel, die Befreiung landwirtschaftlicher Fahrzeuge von der Kraftfahrzeugsteuer, Einsparungen bei der EEG-Umlage sowie Förderungen des Landwirtschaftsministeriums.

Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass die Summe deutlich höher liegt. Sie haben viele weitere Förderungen gefunden, für die aber nicht genug Daten zugänglich waren, um eine fundierte Schätzung vorzunehmen. In diesem Zuge prangern die Verfasser:innen mangelnde Transparenz an.„Viele relevante Daten sind auch auf Nachfrage bei staatlichen Institutionen nicht verfügbar“, heißt es in der Studie. Etwa die Subventionen für Tierzucht, die Zuschüsse der Länder zu den Tierseuchenkassen, die Landesmittel für Absatzförderung, Förderkredite der Landwirtschaftlichen Rentenbank oder das öffentliche Veterinärwesen.

„Tierwirtschaft“ ist kein offizieller Begriff, sondern ein politischer. Das „Bündnis gegen die Tierindustrie“ beschreibt damit „die Gesamtheit aller Bereiche, die mit der Haltung von Tieren zur Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern, mit der Verarbeitung und dem Vertrieb von Tierprodukten sowie der Erzeugung von Futtermitteln zusammenhängen“ und fordert den Abbau von mindestens 80 Prozent der Nutztier-Bestände bis 2030, Konzepte für Tierindustrie-Regionen, Ausstiegsprogramme, Umschichtung der Förderungen zu regionaler Produktion, Klimaschutz und Biodiversität sowie in die entsprechende Forschung und Lehre.

Das klingt radikal – doch die Schäden der Fleischproduktion sind evident. Mehr als 80 Prozent der Emissionen aus der Ernährung gehen in Europa auf den Konsum von Fleisch, Milch und Eiern zurück. Das Futter, das die Welt nach Deutschland exportiert, würde eine Fläche von der Größe Hessens einnehmen. Die Massentierhaltung schädigt Böden und Wasser, bringt Krankheiten sowie Antibiotikaresistenzen hervor und begünstigt katastrophale Arbeitsbedingungen. Auch laut dem im Januar erschienenen neuen Fleischatlas der Heinrich Böll Stiftung und der Umweltschutzorganisation BUND können Klima und Biodiversität nur geschützt werden, wenn die Industrieländer ihren Fleischkonsum wenigstens halbieren. Trotzdem hätte kein Land der Welt eine Strategie zur Senkung des Fleischkonsums.

Deshalb lehnt das Bündnis auch die Empfehlungen der Borchert-Kommission ab, die bis zu 3,6 Milliarden Euro vom Staat für den Umbau von Ställen und weitere „Tierwohl“-Maßnahmen vorsehen. Damit würden „die untragbaren Zustände noch einmal auf Jahrzehnte hin zementiert“, so die Studie.

Und deshalb gehören für die Verfasserinnen und Verfasser auch die 20 Millionen Euro für das umstrittene „Tierwohllabel“ zu den problematischen Subventionen – schließlich würden damit „negative Folgen der Branche abgemildert“ und gleichzeitig dienten sie dazu, „die gesellschaftliche Akzeptanz und damit den Absatz tierbasierter Produkte zu erhöhen oder zu sichern.“

Link zur Studie: https://gemeinsam-gegen-die-tierindustrie.org/studie-milliarden-tierindustrie/

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare