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Wider die Agrarindustrie

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Von: Kirsten Paul

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Eine politische Wende muss erstritten werden

Milch, die billiger ist als Mineralwasser, Masthähnchen, die zu tausenden in Ställen zusammengepfercht werden, Gülle, die das Grundwasser verseucht: Längst ist offensichtlich, dass das System, nach dem die meisten Lebensmittel produziert werden, gegen die Wand fährt. Mit der Bauernhof-Idylle auf der Wurstpackung hat das nichts zu tun. Stattdessen fördern Politik und Agrarindustrielobby mit ihrem Ruf nach Produktionssteigerung und der Ausrichtung auf den Weltmarkt eine Landwirtschaft, die das Tierwohl ignoriert, viele Bauern in den Ruin treibt und der Umwelt massiv schadet. Was tun? Wer allein auf mündige Konsumenten setzt, wird enttäuscht werden. Laut Umfragen sind zwar mehr als 80 Prozent der Verbraucher für artgerechte Tierhaltung und bessere Bezahlung der Bauern. Doch viele scheinen beim Einkauf die guten Vorsätze zu vergessen. Der Anteil von Biofleisch am Fleischkonsum etwa liegt bei unter zwei Prozent. Nötig wäre eine Agrarwende hin zu einer ökologisch nachhaltigen, bäuerlichen Landwirtschaft. Die Politik muss dafür die Rahmenbedingungen ändern. Aber einen solchen Politikwechsel wird es ohne öffentlichen Druck nicht geben. Er muss gegen den Widerstand der Agrarindustrie erstritten werden – von den Bauern selbst, von Umweltverbänden, von Tausenden, die auf die Straße gehen, wie bei der jährlichen „Wir haben es satt“-Demo in Berlin und von Initiativen, die gegen Massenställe vor Gericht ziehen. Zum Streiten für eine bessere Landwirtschaft gehört es auch, die Alternativen zu stärken – als Verbraucher, aber auch als Anleger. Wer Maisfeld-Wüsten und Megaställe verhindern will, kann Anteile an der Bioboden-Genossenschaft erwerben. Sie sichert Boden für den Ökolandbau, indem sie Flächen und Betriebe kauft, diese selbst bewirtschaftet oder an Landwirte verpachtet. Oder Regionalwert-AGs: Wer deren Aktien erwirbt, unterstützt die Erzeugung und den Handel von Bio-Lebensmitteln in seiner Region. Nur: Eine hohe Rendite ist davon nicht erwarten. Wenn überhaupt werden solche Genossenschaften und AGs erst nach Jahren Gewinne ausschütten. Doch auch andere Anlagen werfen gerade wenig ab. Deshalb wiegt hier die politische Rendite umso schwerer: gesunde Lebensmittel, artgerechte Tierhaltung und eine bäuerliche Landwirtschaft, die diesen Namen auch verdient.

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