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"Nach der Finanzkrise und der Wirtschaftskrise könnte 2010 die soziale Krise kommen", mahnt der rotwangige Chef des World Economic Forum (WEF) in Davos.
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"Nach der Finanzkrise und der Wirtschaftskrise könnte 2010 die soziale Krise kommen", mahnt der rotwangige Chef des World Economic Forum (WEF) in Davos.

World Economic Forum

Wettlauf um Wirtschaftsethik

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sind die Sorgen über Staatsschulden größer als die Ängste vor schärferer Regulierung. Der Chef des World Economic Forum, Klaus Schwab, warnt indessen vor einer sozialen Krise.Von Hannes Koch

Von Hannes Koch

Davos. In rabiatem, leicht schwäbisch gefärbtem Englisch spricht Klaus Schwab eine deutliche Warnung aus. "Nach der Finanzkrise und der Wirtschaftskrise könnte 2010 die soziale Krise kommen", mahnt der rotwangige Chef des World Economic Forum (WEF) in Davos. Diese Sorge, gerichtet an Konzernvorstände, Manager und Spitzenpolitiker, die Schwabs Eröffnungsansprache des 40. WEF beiwohnen, entspricht dem Credo des 71-Jährigen. Es lautet: "Den Zustand der Welt verbessern."

Doch eigentlich ist seine Warnung überflüssig. Beim diesjährigen WEF, dem informellen Gipfel der Wirtschafts- und Politikelite, geben sich die Manager erstaunlich zahm. Die früher üblichen Forderungen nach Deregulierung und Kürzungen der Sozialausgaben fehlen völlig. Den Ton trifft dagegen einer wie Metro-Vorstand Eckhard Cordes, der in einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Das Vertrauen in die Wirtschaftsführer erneuern" sagt: "Wir haben in der Krise keine Stellen abgebaut, obwohl das billiger für uns gewesen wäre." Damit nicht genug: Detailliert schildert Cordes, wie Metro soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft praktiziere, indem man gezielt die regionale Produktion kleiner Lebensmittellieferanten fördere.

Die süße Soße des sozialen Konsenses? Mag sein. In jedem Fall aber hat das Versagen privater Konzerne in der Finanzkrise die Atmosphäre insgesamt verändert. Und das macht sich auch in Davos bemerkbar. Es herrscht eine Art Wettlauf um Wirtschaftsethik.

So verläuft die tatsächliche Konfliktlinie des WEF denn auch woanders. Es geht nicht mehr um die alte Frage "Regulierung - ja oder nein?". Eine Rolle spielt nur noch, wie stark die staatlichen Eingriffe ausfallen sollen, mit der sich die Mehrheit der 2500 Gäste grundsätzlich abgefunden zu haben scheinen. An dieser Frage allerdings spaltet sich das WEF. Die Polarisierung zwischen den beiden Lagern ist zu keinem Zeitpunkt so spürbar, wie anlässlich der Rede des französischen Staatspräsidenten im großen Saal des Kongresszentrums.

Nicolas Sarkozy führt einen halbstündigen rhetorischen Feldzug gegen die bösen Banker. In undiplomatischen, fast beleidigenden Worten wirft er ihnen unverantwortliches Verhalten und Gier vor und fordert eine weitere Regulierung des Finanzsektors. Damit begibt sich der Franzose auf die Linie, die unlängst US-Präsident Barack Obama vorzeichnete, als er ankündigte, den Banken bestimmte Geschäftsmodelle zu verbieten und große Institute in kleinere Einheiten zu zerlegen.

Ackermann warnt vor zu großer Regulierung

Nachdem Sarkozy seine Rede beendet hat, springen die einen von ihren Sitzen auf und spenden ihm Applaus. Jacob Wallenberg, Chef von Investor AB aus Schweden, etwa sagt: "Ja, wir brauchen eine globale Regulierungsinstanz für die Finanzmärkte." Manche Vorstände großer Banken und Unternehmen schütteln dagegen entgeistert die Köpfe. Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann betrachtet die Szene mit hartem Gesicht. Später wird er in einem Interview vor zu weit gehender Regulierung warnen: "Wir sollten mit der Bankenschelte und den Schuldzuweisungen aufhören." Ackermanns Argument: Gesetze erschweren Investitionen, kosten damit Geld und gefährden Jobs.

Zu denen, die den Kopf über die vermeintliche Regulierungsorgie schütteln, gehört auch Hans Wagener. Der Senior Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) findet die Vorschläge aus den USA und Frankreich "abstrus". Gegen "einfache zielgerechte Regulierung" hat Wagener nichts einzuwenden. Er sagt: "Leitplanken müssen sein, die bestehenden noch höher zu machen, wird jedoch nichts ändern, weil sie zum Teil an falschen Stellen stehen."

Anstatt Banken bestimmte Geschäftsmodelle zu verbieten, hält er es für besser, etwa Ratingagenturen einer Aufsicht zu unterstellen. Wagener regt an, dass die Banken selbst Vorschläge für die weitere Regulierung machen sollten. "Es wäre gut, wenn sich die deutschen Bankenverbände zusammensetzten und ein Expertengremium benennen. Dieses könnte der Politik dann praktikable Anregungen unterbreiten."

Dass beim WEF solch harte Gegensätze öffentlich ausgetragen werden, ist ein Novum. Normalerweise wird Schwabs Anspruch, sich demonstrativ die Hände zu reichen, nicht in Frage gestellt. Nun passiert das Gegenteil. Unter dem Titel "Die nächste globale Krise" debattieren Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff, Jakob A. Frenkel, Vorstand der US-Bank JP Morgan Chase, und Lord Levene, Chef der Lloyd´s-Versicherung. Die Frage: Was ist die größte Gefahr im nächsten Jahr - Staatsverschuldung oder Überregulierung?

Vor laufenden Kameras bittet Maria Bartiromo, Moderatorin des US-Senders CNBC, die Zuhörer um ihr Votum. Das Ergebnis spiegelt die Spaltung des Forums wider. 51 Prozent machen sich mehr Sorgen wegen der horrenden Defizite. Die Regulierungsskeptiker sind mit 49 Prozent in der knappen Minderheit. Vor ein paar Jahren hätte diese Zahl noch 99 Prozent betragen.

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