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Der Sitz von Lehman Brothers in New York am 15. September 2008: Für die Mitarbeiter kam die Insolvenz nicht überraschend.

Lehman-Pleite

Wetten auf den Untergang

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Vincent Basulto war bei Lehman, als die Bank auseinanderbrach. Den Volkszorn auf Leute wie ihn versteht er bis heute nicht.

Wenn Vincent Basulto an seine Zeit bei Lehman Brothers zurückdenkt, dann kann er sich eine gewisse Nostalgie nicht verkneifen. Er bekommt dann ein Leuchten in den Augen, es huscht ihm ein Lächeln über das Gesicht und er sagt: „Das war schon eine spannende Zeit.“

Natürlich, fügt er dann gleich an, seien jetzt die Dinge besser in der Branche, es seien wieder Erwachsene im Hause und es gehe niemand mehr die ganz verrückten Risiken ein. Aber Spaß gemacht habe das damals allemal, „als alles jedes Jahr besser und größer wurde und es scheinbar keine Grenzen gab“.

Wir sitzen im Wintergarten des World Financial Center, einem mit Marmor ausgelegten Atrium, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf die Freiheitsstatue im New Yorker Hafen hat. Basulto arbeitet hier unten, in Spuckweite der Wall Street, bei einer Rechtsanwaltskanzlei, die Finanzfirmen berät.

Er ist weich gefallen nach dem Crash von 2008, auch wenn er darauf hinweist, dass er beim Untergang seines Arbeitgebers doch erhebliche Vermögenswerte verloren hat. „Ein guter Teil unserer Vergütung bestand ja aus Firmenanteilen.“

Trotzdem hat man nicht das Gefühl, als gehe es Vincent Basulto wirklich schlecht. Der blaue Blazer und die italienischen Schuhe sind vom Feinsten und auch die Villa auf Long Island, von der aus er jeden Tag nach Manhattan pendelt, steht noch. „Es geht mir gut“, sagt er. Doch man merkt auch, dass ihm etwas fehlt.

Als Basulto im Jahr 2000 zu Lehman kam, war das altehrwürdige Bankhaus einer der spannendsten Arbeitgeber an der Wall Street. Lehman galt im Vergleich zu den großen Häusern wie Goldmann Sachs als Underdog, als Straßenköter der Wall Street, der immer etwas härter kämpfen musste als die Konkurrenz. Und das prägte die Unternehmenskultur.

Jeder, der damals bei Lehman arbeitete, schwärmt davon, dass man dort, wenn man Initiative zeigte und hart arbeitete, etwas bewegen konnte. Die Hierarchien waren flach, man bekam Chancen, etwas zu entwickeln und sich zu beweisen. So wie Vincent, der an die Wall Street wollte, seit er in Michigan aufs College gegangen war. Als er nach Lehrjahren bei einer Rechtsanwaltskanzlei nahe der Wall Street den Job bei Lehman bekam, wähnte er sich im siebten Himmel. „Ich war genau da, wo ich hinwollte.“

Basulto arbeitete bei Lehman mit festverzinslichen Unternehmenswertpapieren und mit synthetischen CDOs – hochkomplizierten Finanzprodukten, die neben dem Hypothekengeschäft Lehman von 2007 an zunehmend Schwierigkeiten bereiteten. Zu Beginn der 2000er Jahre und besonders nach 2005 war das Jonglieren mit diesen Produkten für einen vergleichsweise jungen, ehrgeizigen Finanzanwalt jedoch eine nicht enden wollende Fiesta: Produkte entwickeln, verfeinern, auf den Markt bringen, irrsinnige Summen damit verdienen – es war wie ein Rausch.

Der Kater setzte allerdings schon früh ein, etwa Mitte 2006. „Alle haben das damals so dargestellt, als wäre der Kollaps von Lehman über Nacht gekommen“, sagt Vincent heute. Dabei sei es eher, „ein sehr, sehr langsames aber vorhersehbares Zugunglück“ gewesen. Im Jahr 2007 wurde bei Lehman dann allen klar, dass durch die Pipeline immer weniger fließe, so Basulto. Von Anfang 2008 an, erinnert er sich, wurden intern Wetten abgeschlossen, wann Schluss ist.

Trotz allem, das sagen heute viele ehemalige Lehman-Angestellte, hatte man noch immer irgendwie das Gefühl, unverwundbar zu sein. Das Gefühl, dass es irgendwie alles weitergeht. „Es hatte ja auch in der Vergangenheit Krisen gegeben, und wir sind da irgendwie durchgekommen.“

Dass es diesmal ernst ist, das wurde Vincent Basulto erst in der Woche vor dem Zusammenbruch klar, als „die Dinge sich ungemein beschleunigten“. Erst jetzt begannen er und viele seiner Kollegen, sich nach Alternativen umzuschauen.

An jenem Montag, als Lehman Chapter 11 deklarierte, also nach amerikanischem Recht das Insolvenzverfahren einleitete, fuhr Basulto gar nicht erst ins Büro. „Es hatte am Abend zuvor eine inoffizielle E-Mail gegeben“, erinnert er sich. „Ich wollte mir das nicht antun.“

Stattdessen schaute er fassungslos im Fernsehen dabei zu, wie seine Kollegen ihr Hab und Gut in Kartons auf die Straße trugen. „Es war irgendwie unbegreiflich“, sagt Basulto heute. Ein riesiges Unternehmen fiel innerhalb von Stunden auseinander. Der Prozess war surreal, auch wenn man es vorher hatte kommen sehen.

Basulto fand innerhalb weniger Wochen einen neuen Job bei einer australischen Bank. Die Lehman-Leute waren gefragt damals, „da liefen schon am Montag die Telefone mit Anrufen von Recruitern heiß“. Und mit der Zeit beruhigte sich auch die Finanzbranche wieder.

Bis heute geblieben ist der Volkszorn auf die Finanzbranche – ein Zorn, den Basulto nicht ganz verstehen kann. „Es war ja nicht so, dass irgend ein Einzelner von uns irgend jemandem schaden wollte“, sagt er. Manchmal würde er gerne mit einem Bernie Sanders-Wähler oder einem Occupy-Aktivisten reden und ihnen erklären, wie die Abläufe waren und sind. „Aber wahrscheinlich würde das nichts nutzen, diese Leute haben sich ihre Meinung gebildet.“ Vincent Basulto glaubt nicht an individuelle Schuldhaftigkeit, er hält das Problem der Finanzbranche für ein systematisches: „Es sind ja an jeder einzelnen Transaktion bis zu 50 Leute beteiligt.“

Und ist das systematische Problem geringer geworden? Hat die Branche ihre Lektion gelernt? Die Antwort ist ein klares Jein. Die Großbanken in den USA sind größer denn je, das „Zu-groß-zum-Scheitern-Problem“ ist eher noch größer geworden. Die Branche ist besonnener und erwachsener geworden, aber ist sie auch gegen eine neue Krise gewappnet? „Natürlich nicht“, sagt Vincent Basulto. Zumal die nächste Krise ganz sicher anders aussehen werde als die letzte.

Basulto sagt das mit der Gelassenheit eines Krisenveterans, während er seinen Kaffeebecher wegwirft und ohne Hast zurück in sein Büro schlurft. Damals, vor zehn Jahren, da konnte sich keiner vorstellen, wie es nach so einer Krise weitergeht. Jetzt weiß man zumindest, dass es immer irgendwie weitergehen wird an der Wall Street.

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