Corona-Virus

Vom Wert der Schulden

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Das Corona-Beben illustriert die Bedeutung von Staatsanleihen für die Finanzmärkte - und warum der Abbau staatlicher Defizite neue Probleme schafft. Die Analyse.

Die globale Ausbreitung des Coronavirus hat an den Börsen zu einer Flucht aus riskanteren Anlagen in „sichere Häfen“ geführt. Gewinner waren Staatsanleihen aus Nordamerika, Westeuropa und Japan. In der Folge sind die Erträge sicherer Anlagen auf Rekordtiefs gefallen: Die zehnjährige US-Staatsanleihe rentierte vergangene Woche erstmals in der Geschichte mit unter einem Prozent, die Rendite des entsprechenden deutschen Papiers lag sogar deutlich im Minus. Das lässt erahnen, was passieren würde, wenn die Bundesregierung den Traum vieler Bürger wahr machen und die Staatsverschuldung dauerhaft senken würde: Die Zinsen kämen noch stärker unter Druck.

Deutschland ist mit dem Abbau seiner Verschuldung kräftig vorangekommen. Im Zuge der großen Finanzkrise ab 2008 waren die öffentlichen Schulden auf über 80 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Anschließend ging diese Schuldenquote zurück – zunächst wegen eines starken Wirtschaftswachstums, dann auch aufgrund der Tatsache, dass die Bundesregierung Überschüsse erwirtschaftete. Geholfen haben ihr dabei die niedrigen Zinsen. Nun liegt die Schuldenquote nur noch bei 60 Prozent der Wirtschaftsleistung, und sie könnte laut einer Modellrechnung der DZ Bank zum Jahr 2025 auf 40 Prozent sinken.

Das klingt für viele erst einmal beruhigend. Denn weniger Schulden bedeutet, dass weniger Geld für die Schuldenbedienung aufgewendet werden muss. Mit dem Abbau stünden künftigen Generationen mehr Mittel für Konsum und Investitionen zur Verfügung. Das Problem: Die Schulden des einen sind das Vermögen des anderen. Bundesanleihen sind Schuldscheine des Staates und gleichzeitig Vermögenswerte in den Portfolios von Banken, Fonds und Versicherungen. Auf Grund ihrer relativen Sicherheit bilden Bundesanleihen den „Boden“ der Märkte, sie sind ihr sicherer Hafen in unruhigen Zeiten. Banken und Versicherungen müssen sie aus regulatorischen Gründen vorhalten.

Sänke nun die deutsche Staatsschuld immer weiter und damit das Angebot an staatlichen Schuldscheinen, so würden diese noch begehrter. Ihre Preise würden weiter steigen und dauerhaft hoch bleiben – sicherheitsorientierte Anleger könnten sich auf immerwährende Minus-Renditen einstellen.

Alternativ könnten Investoren ihr Geld in andere Wertpapierklassen stecken, zum Beispiel Unternehmensanleihen oder Aktien, womit allerdings das Gesamtrisiko ihrer Anlagen steigen würde. Wahrscheinlicher wäre, dass sie ihr Geld ins Ausland tragen würden – es käme zu einem steten Kapitalabfluss, zum Beispiel in Staatsanleihen Frankreichs oder Italiens, die zwar einerseits unsicherer sind als Bundesanleihen, deren Rendite aufgrund des Kapitalzuflusses aber ebenfalls sinken würde. Oder die deutschen Sparer gehen in US-Staatsanleihen und handeln sich damit ein Wechselkursrisiko ein.

Verstärkt würde damit ein Trend, der bereits seit Jahren zu beobachten ist: Deutsches Kapital geht über die Grenze. 2004 lagen die deutschen Auslandsanlagen netto – also abzüglich ausländischer Anlagen in Deutschland – etwa bei null Euro. 2012 betrugen sie schon 20 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung – und zuletzt waren es über 70 Prozent. Deutschland ist zum Gläubiger der Welt geworden, mit all den Risiken, die damit einhergehen. Schließlich gibt es keine Garantie, dass Gläubiger ihr Geld zurückerhalten.

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