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Die Kreuzfahrtbranche hat unter Corona stark gelitten.
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Die Kreuzfahrtbranche hat unter Corona stark gelitten.

Schiffbau

Kampf um Jobs bei der Meyer Werft

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Die Pandemie hat den Kreuzfahrttourismus lahmgelegt. Darunter leidet die Meyer Werft in Papenburg. Geschäftführung und Betriebsrat liefern sich nun einen Kampf um Arbeitsplätze.

Die Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg hat schon bessere Tage gesehen. Seit die Corona-Pandemie das Kreuzfahrtgeschäft zum Erliegen brachte, gibt es praktisch keine Nachfrage mehr nach neuen Schiffen. Die Werftleitung will das Unternehmen umbauen, die Beschäftigten bangen um ihre Jobs. „Die Stimmung ist auf dem absoluten Tiefpunkt“, sagt Thomas Gelder, Bevollmächtigter der IG Metall in Leer/Papenburg, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Ein Funke und dann explodiert das hier“, so Betriebsratschef Nico Bloem.

Die beiden Gewerkschafter erheben schwere Vorwürfe gegen die Geschäftsführung der Werft: Es geht um eine umstrittene Abstimmung, einen Drohnenflug und das, was die Arbeitnehmervertreter:innen als Schikanen empfinden. Was ist passiert?

Am ersten Juni-Wochenende hatte die Geschäftsleitung die Belegschaft über den geplanten Stellenabbau abstimmen lassen. Betriebsrat und IG Metall waren nicht an der Abstimmung beteiligt. Die erste Option: die Streichung von 660 Stellen sowie zusätzlich 200 unbezahlte Überstunden pro Person und Jahr. Als zweite Option stand der Abbau von mehr als 1000 Jobs zur Wahl.

„Die Menschen hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera“

Nach Angaben der Meyer Werft hatten sich 1557 Mitarbeiter:innen an der Online-Befragung beteiligt. 1446 Beschäftigte wählten demnach die erste Option. „Es ist jetzt klar, dass die Lösung über das Zukunftspaket mehrheitlich den Willen der Belegschaft widerspiegelt“, teilte Geschäftsführer Jan Meyer nach der Abstimmung mit.

„Die Menschen hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera“, hält Gelder entgegen, der beide Optionen ablehnt und außerdem kritisiert, dass die Werksleitung zwar Zahlen nennt, aber nicht sage, wo sie die Stellen abbauen wolle. Die Beschäftigten seien deshalb verbittet: „Jahrzehntelang haben sie sich für das Unternehmen aufgeopfert und werden jetzt so behandelt“, sagt Gelder. Für ihn, sagt Gelder, sei klar geworden, dass die Geschäftsführung die Zukunft der Werft nicht verhandeln, sondern diktieren wolle.

Der Betriebsratsvorsitzende Bloem betont, dass weniger als die Hälfte aller Beschäftigten an der Abstimmung teilgenommen habe. Seinen Kolleginnen und Kollegen macht er keinen Vorwurf, sondern der Geschäftsführung, die den Stellenabbau als „Casting-Show“ inszeniert habe.

Eine beliebte Taktik der Arbeitgeberseite seien solche Abstimmungen, sagte Ralf-Carsten Bonkowski, Fachanwalt für Arbeitsrecht und früherer Gewerkschaftssekretär, der FR. Damit werde versucht, die Belegschaft und ihre Vertreter:innen zu spalten. Arbeitnehmer:innen sollten „einer solchen durchsichtigen Taktik nicht auf den Leim gehen und auf ihre gewählten Vertreter vertrauen“. Denn rechtliche Folgen habe eine solche Abstimmung nicht, so Bonkowski. „Verhandlungspartner der Arbeitgeberin für die Verhandlung von Interessenausgleich und Sozialplan bleibt der Betriebsrat. Dafür ist er von den Arbeitnehmern des Betriebs gewählt.“

Die Fronten verhärten sich weiter

Auch aus der Politik kam Kritik an dem Verhalten der Geschäftsleitung: „Ich habe die Infoveranstaltung als ein Foul empfunden“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ bei einem Besuch der Papenburger Werft vergangene Woche. Eine Situation mit derart verhärteten Fronten zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite wie auf der Meyer Werft kenne er „nirgendwo in Niedersachsen“, so der SPD-Politiker.

Und die Fronten verhärteten sich weiter: Die aufgeschreckten Arbeitnehmerverteter:innen organisierten am Montag nach der Abstimmung eine Betriebsversammlung. Gegen erheblichen Widerstand der Werftleitung, wie Thomas Gelder und Nico Bloem berichten. Vorgesetzte hätten Beschäftigten von der Teilnahme an der Betriebsversammlung abgeraten, Werkstore seien verschlossen gehalten worden und Wachleute hätten Fotos von Teilnehmenden geschossen, sagte Gelder. Außerdem sei eine Drohne über die Veranstaltung geflogen. „Das ist Union Busting“, sagt Gelder – ein Begriff, der den Kampf von Arbeitgebern gegen Betriebsräte bezeichnet.

Das Unternehmen weist die Vorwürfe auf FR-Anfrage zurück. Einen Drohnenflug räumt man ein. Um einen Überblick über die Teilnehmerzahl sowie die Einhaltung der Corona-Regeln zu erhalten, sei dabei ein Foto gemacht worden, auf dem keine einzelnen Personen zu erkennen seien. Außerdem schreibt das Unternehmen: „Wie auf jeder Betriebsversammlung bei uns wurden von unserem bekannten Fotografen Aufnahmen der sprechenden Personen gemacht. Weitere Fotografen, die vor Ort waren, sind uns nicht bekannt – ebenso deren Aufnahmen.“

Letzter Ausweg: Schlichtung

Seit mehr als einem Jahr streiten Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft in Papenburg. Mit Beginn der Pandemie blieben Aufträge aus der Kreuzfahrtbranche aus. Deutschlands größter Schiffsbauer schickte seine Beschäftigten in die Kurzarbeit, bestehende Aufträge werden verlangsamt bis 2025 abgearbeitet. Insgesamt rechnet das Unternehmen in den Jahren 2021 bis 2025 mit einem Minus von 40 Prozent bei Umsatz und Arbeitsleistung.

Die Auseinandersetzung betrifft mehr als 4200 Menschen und ihre Familien: 3600 Beschäftigte der Stammbelegschaft, mehrere Hunderte Mitarbeiter:innen in Tochterfirmen. Anders als die Unternehmensleitung will der Betriebsrat an der Stammbelegschaft festhalten. Reduziert werden sollen nur Arbeiten, die über Werkverträge erledigt werden. Das wiederum lehnt die Werftleitung ab.

An diesem Montag treffen die Konfliktparteien erneut zu einer Verhandlungsrunde zusammen. Es könnte die letzte sein: Bleibt eine Einigung aus, könnte eine innerbetriebliche Schlichtungsstelle eingerichtet werden. Diese Einigungsstelle mit Vertreter:innen aus allen Parteien würde dann einen verbindlichen Sozialplan festlegen. Damit wäre die Frage eines möglichen Stellenabbaus in Papenburg entschieden, die Stimmung aber bliebe wohl schlecht.

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