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„Wer sollte mit Hersteller-Namen etwas anfangen können?“

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Von: Tobias Schwab

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Auch in Indien werden Schuhe für den deutschen Markt gefertigt.
Auch in Indien werden Schuhe für den deutschen Markt gefertigt. © Inkota/Change Your Shoes

Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Schuhindustrie, über Transparenz in der Lieferkette, Missstände in der Produktion und existenzsichernde Löhne.

Es ist kalt an diesem Dezembermorgen, Schneeregen fällt vom trüben Offenbacher Himmel. Gutes Schuhwerk ist da von Vorteil. Von Qualität hat Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie, eine klare Vorstellung und lässt nichts auf die Branche kommen, die er vertritt. Zum Interview hat er in sein Büro in der Offenbacher City eingeladen. In der Stadt am Main mit großer, aber längst vergangener Tradition in der Lederverarbeitung hat das Deutsche Schuhinstitut seinen Sitz, das Junkert in Personalunion leitet.

Herr Junkert, die Corona-Pandemie mit Lockdowns und unterbrochenen Lieferketten hat die Hersteller und Händler von Schuhen mächtig aus dem Tritt kommen lassen. Wie geht es der Branche jetzt angesichts der hohen Inflation?

Die Herausforderungen sind nach wie vor groß. Corona hat vieles auf den Kopf gestellt, nicht nur was die Lieferketten angeht, sondern auch das Verbraucherverhalten. Viel Geschäft ist ins Internet abgewandert, was der stationäre Handel zu spüren bekommt - mit weitreichenden Folgen für die Hersteller von Qualitätsschuhen. Hinzu kommen die Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Und jetzt üben sich die Kunden in Kaufzurückhaltung angesichts der immensen Teuerungsraten.

Zuletzt ist der Hamburger Schuhhändler Görtz zum Sanierungsfall geworden und hat ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Werden weitere Unternehmen folgen?

Die Branche ist krisenerprobt. Aber ich kann es nicht ausschließen, dass im Zuge der Transformation des Geschäfts hin zu noch mehr Onlinehandel weitere Firmen in Schwierigkeiten geraten. Umso wichtiger ist es, dass sich der stationäre Handel gut aufstellt und sich genau überlegt, an welchen Standorten und mit welchen Angeboten er die Kundinnen und Kunden erreicht. Da sind neue Konzepte und aktives Unternehmertum gefragt.

Wie steht es aktuell um die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten?

Lieferprobleme sind – anders als in der Hochphase der Pandemie – nicht mehr das ganz große Thema. Dafür haben wir bei Leder, Textilien, Kunststoffen, Garnen und Ösen teilweise erhebliche Preissteigerungen zu verzeichnen.

Wie wird die Branche das Jahr 2022 abschließen?

Ein richtig gutes Jahr ist es nicht geworden. In den ersten zwei Quartalen waren die Zahlen noch positiv. Mit einem Halbjahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro lag der Wert elf Prozent im Plus gegenüber dem Vergleichszeitraum des Coronajahres 2021. Da haben sich die Folgen des Krieges im Geschäft noch nicht unmittelbar niedergeschlagen. Nach dem Ifo-Konjunkturspiegel haben sich in der zweiten Jahreshälfte 2022 die Nachfragesituation sowie der Auftragsbestand für die deutschen Schuhhersteller abgeschwächt. Nominal rechnen wir nur noch mit einem leichten Umsatzplus für das Gesamtjahr. Die genauen Zahlen erwarten wir aber erst für Anfang März.

Was macht eigentlich einen guten Schuh aus?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es hängt ja auch davon ab, welche Bedürfnisse Kundinnen und Kunden haben. Auf jeden Fall muss die Passform stimmen, Schuhe müssen bequem sein. Dafür braucht es eine gute handwerkliche Qualität, auch bei der Verarbeitung der Nähte. Daran entscheidet sich auch, dass der Schuh lange getragen werden kann. Am Ende geht es aber auch darum, dass der Kundin und dem Kunden das Schuhwerk gefällt. Ein guter Schuh vereint also Ästhetik und gute Qualität.

Von Nachhaltigkeit und guten Bedingungen bei der Produktion haben Sie jetzt noch gar nicht geredet. Gehört das nicht auch zu einem guten Schuh?

Wenn ich von guter Qualität spreche und davon, dass Sneakers, Stiefel und Sandalen lange getragen und im Idealfall sogar repariert werden können, dann ist das eines der wesentlichen Kriterien von Nachhaltigkeit. Inzwischen wird der Begriff Nachhaltigkeit aber so inflationär gebraucht und jeder meint etwas anders damit.

Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?

Man muss da doch ganz unterschiedliche Kategorien einbeziehen und darf nicht nur einzelne Kriterien isoliert betrachten. Das reicht vom CO2-Fußabdruck in allen Produktionsstufen über den verantwortlichen Einsatz von Chemikalien bis hin zur Frage, wie lange ich gut gearbeitetes Schuhwerk tragen kann.

Seit Januar gilt das deutsche Lieferkettengesetz, das durch eine EU-Regulierung wahrscheinlich noch einmal verschärft werden dürfte. Wie gut sind Hersteller und Händler darauf vorbereitet, ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten nachzukommen?

Die Anforderungen sind in der Tat sehr umfangreich. Die größeren Unternehmen, die das Gesetz zuerst trifft, sind intensiv damit befasst, ihre menschenrechtlichen Risiken in der Wertschöpfungskette zu identifizieren. Aber auch alle anderen Firmen beschäftigen sich damit, übrigens haben sie damit schon lange vor der Lieferkettengesetzgebung begonnen. Unsere Brancheninitiative Cads für nachhaltige, schadstofffreie und mit sozialer Verantwortung hergestellte Schuhe zeigt, wie stark sich der Sektor schon lange engagiert.

ZUR PERSON

Manfred Junkert (63) ist seit 2007 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwaren-industrie e. V. und Geschäftsführer des in Offenbach ansässigen Deutschen Schuhinstituts. Der Jurist führte zuvor unter anderem bei einer internationalen Qualitätsgemeinschaft für Aluminium und Stahlbauteile die Geschäfte.

Das Schuhinstitut (DSI) wurde 1956 gegründet und wird von Industrie und Handel der Branche getragen. Als DSI-Chef managt Junkert seit 2010 auch die Kooperation für abgesicherte Standards bei Schuh- und Lederwarenprodukten, kurz Cads.

Die Initiative Cads, der mehr als 80 Unternehmen angehören, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Vermarktung nachhaltiger, schadstofffreier, umweltverträglicher und mit sozialer Verantwortung hergestellte Schuhe und Lederwaren zu fördern.

Deutschland ist innerhalb der EU eine der größten Schuh-produzierenden Nationen und importiert auch viel. 2021 wurde Schuhwerk für 11,3 Milliarden Euro eingeführt. Hauptlieferländer sind China, Vietnam, Indonesien, Italien, die Niederlande und Indien. tos

Eine aktuelle Studie der NGO Inkota und des niederländischen Recherchenetzwerks Somo berichtet von systematischen Verstößen gegen internationale Standards im Arbeitsrecht und Gesundheitsschutz in südasiatischen Fabriken der Lederverarbeitung. Schaut Ihre Branche doch nicht genau genug hin?

Wir kennen diese Berichte und gehen Missständen natürlich nach. Alle Mitgliedsunternehmen von Cads legen Wert auf langfristige Geschäftsbeziehungen mit Partnern, bei denen wir solche Zustände möglichst ausschließen können. Bei der Menge an Vorprodukten ist das aber auch nicht ganz einfach.

Warum legen bislang so wenige Unternehmen der Schuhbranche ihre Zulieferer offen?

Weil es da auch um Know-how und Geschäftsgeheimnisse in einem scharfen Wettbewerb geht. Es ist schwierig, wenn Konkurrenten erfahren, wo der Zulieferer sitzt, der die perfekte Passform liefert. Und wer sollte mit Informationen über Hersteller in Südostasien, mit Tausenden von Firmennamen wirklich etwas anfangen können?

Mehr Transparenz könnte helfen, Missstände schneller aufzudecken und zu beheben. Zivilgesellschaftliche Organisationen und Gewerkschaften könnten Firmen dann in die Pflicht nehmen, Abhilfe zu schaffen, wenn bei Zulieferern Kinderarbeit im Spiel ist oder unbezahlte Überstunden an der Tagesordnung sind.

Da sind wir doch in der Sache schon viel weiter: Unsere Mitglieder verpflichten sich, den Einsatz chemischer Substanzen in der Schuhproduktion über die gesetzlichen Anforderungen hinaus zu reduzieren und ihre Lieferanten sorgfältig auszuwählen. Darüber hinaus hat Cads einen Verhaltenskodex für Produktion und Vermarktung von Schuhen mit sozialer Verantwortung beschlossen, der sich an den Standards der Internationalen Arbeitsorganisation und menschenrechtlichen Konventionen orientiert.

Es gibt Firmen, die um ihre Lieferketten kein Geheimnis mehr machen. Adidas und Puma zum Beispiel haben ihre Zulieferer veröffentlicht, bis hin zu den Gerbereien und den Quellen für Rohmaterialien. Die Christliche Initiative Romero hat daraufhin Adidas damit konfrontiert, dass die Arbeiterinnen, die für den Sportartikler WM-Trikots und Fanartikel nähen, Hungerlöhne erhalten.

Wer die Lieferkette offenlegen will und nicht um seine Geschäftsgeheimnisse fürchtet, soll das gerne tun. Aber ich weiß wirklich nicht, inwiefern das auch den Verbrauchern im Laden weiterhilft. Im Übrigen sind wir für jeden konkreten Hinweis auf menschenrechtliche Verstöße in Fabriken dankbar und gehen dem gewissenhaft nach.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, wo will die Branche noch besser werden?

Das Thema Kreislaufwirtschaft beschäftigt uns zum Beispiel stark. Wir wollen Konzepte entwickeln, um noch ressourcenschonender zu produzieren. Aber das ist noch viel komplexer als bei Textilien. Schuhe bestehen aus vielen Einzelteilen und unterschiedlichen Materialien.

Und wie sieht es bei der Bezahlung der Arbeiterinnen und Arbeiter aus? Viele Menschen in Fabriken in Südostasien erhalten zwar Mindestlöhne, die aber meist nicht die Existenz sichern.

Da kann ich nur für die Firmen sprechen, die wir vertreten. Die arbeiten mit Zulieferern, von denen sie wissen, dass diese niemanden ausbeuten und ihre Beschäftigten ordentlich bezahlen, so dass sie davon leben können.

Mit einem Lohn, der nicht nur die physischen Grundbedürfnisse abdeckt?

Sie wissen, dass das ein komplexes Thema ist. Die Einhaltung fairer Umwelt- und Sozialstandards gehört zur DNA mittelständischer deutscher Qualitätsmarken. Wir sollten aber auch so realistisch sein, dass wir als deutsche Schuhhersteller nicht die Marktmacht haben, die politischen Rahmenbedingungen in den Produktionsländern weltweit zu ändern.

Woran können sich Konsumentinnen und Konsumenten orientieren, wenn sie auf der Suche nach Schuhen sind, die unter fairen Bedingungen und ökologisch hergestellt wurden?

Gut beraten sind Verbraucher, wenn sie bei einem Hersteller kaufen, der mit seinen Marken schon lange am Markt ist und Qualität bietet. Wir haben in Deutschland viele Traditionsmarken, die ihr Handwerk verstehen und die in unserer Cads-Initiative mitarbeiten. Daran sehen Sie, wie wichtig uns einheitliche Standards für eine nachhaltige, schadstofffreie, umweltverträgliche und soziale Schuhproduktion sind. Uns geht es um gutes Handwerk, damit fängt Nachhaltigkeit an.

Interview: Tobias Schwab

Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie und zugleich Geschäftsführer des in Offenbach ansässigen Deutschen Schuhinstituts.
Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie und zugleich Geschäftsführer des in Offenbach ansässigen Deutschen Schuhinstituts. © Anka Bardeleben

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