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Uns geht’s gold: Auch hierzulande gibt es viele Milliardäre, die sich diese Hotel-Suite für 1000 Dollar pro Nacht locker leisten könnten. afp

Wohlstand

Wer ist reich?

  • vonFinn Mayer-Kuckuk
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Das Vermögen der Milliardäre steigt auf ein Rekordhoch. In Deutschland will sich aber niemand reich schimpfen lassen, arm will auch keiner sein. Gehören alle in die Mittelklasse?

Die wirtschaftlichen Trends der vergangenen drei Jahrzehnte haben dazu geführt, dass es den Kapitalbesitzern immer besser geht und sich die kleinen Einkommensempfänger immer mehr strecken müssen. Corona hat die Entwicklung noch einmal verschärft: Die Milliardäre im Land sind seit Beginn der Pandemie noch reicher geworden. Das ist das Ergebnis der aktuellen Milliardärs-Studie der Schweizer Großbank UBS, die am Mittwoch veröffentlicht wurde.

In Deutschland leben bereits die drittmeisten Milliardäre nach den USA und China – und ihr Vermögen ist durch Corona noch einmal gewachsen. Ende Juli besaßen die 2189 weltweit gezählten Milliardäre zusammen über zehn Billionen Dollar, das Dreifache der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung eines Jahres.

„Die Pandemie hat Jahrzehnte des Wandels in nur wenigen Monaten gebracht“, schreiben die Autoren. Seit 2010 habe sich der Reichtum der Superreichen verdreifacht. Vor allem ihre Firmenbeteiligungen und Immobilien sind immens im Wert gestiegen.

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) macht da nicht mit. Er legt sein Geld zinslos auf dem Sparbuch an, nicht in Wertpapiere, wie er einst einer Boulevardzeitung gesagt hat. Er gibt sich auch hier volksnah, aber vielleicht erklärt das auch eine Aussage des SPD-Politikers vom Wochenende. Scholz mochte sich im ARD-Interview mit einem Monatseinkommen über 15 000 Euro noch nicht „reich“ nennen und verordnete sich in der Mittelklasse. Nun legte er nach und bezeichnete sich als „Sehrgut-Verdiener“. Es ist verständlich, dass es einem sozialdemokratischen Finanzminister schwer fällt, sich „den Reichen“ zuzuordnen. Aber hinter Scholz’ Wahrnehmung steckt noch mehr. Und das hat auch mit den Milliardären zu tun.

Das mittlere Einkommen in Deutschland beträgt 1870 Euro netto im Monat. Wer also eine höhere Summe überwiesen bekommt, kann sich bereits auf die Schulter klopfen: Sie oder er verdient überdurchschnittlich viel. Wer 3440 Euro netto erhält, gehört bereits zu den oberen zehn Prozent. „Von denen, die tatsächlich einkommensmäßig in den oberen Bereich gehören, unterschätzten alle ihre Einkommensposition“, fasst das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln das Ergebnis einer Einkommensstudie von 2019 zusammen.

Spenden

Die Superreichen werden im Report der Schweizer Großbank UBS auch auf ihre Großzügigkeit hin analysiert. Das Geldhaus überschreibt die Zusammenfassung dazu mit den Worten „Rekordhohe Spenden“. Demnach hätten die Milliardäre zur Bekämpfung der Corona-Krise ihre Geldbörsen geöffnet und mehr gespendet als jemals zuvor. Für 209 Superreiche verzeichneten die Analysten insgesamt 7,2 Milliarden US-Dollar an Spenden – entweder in Cash oder auch als Sachspenden. Gemessen am Gesamtvermögen aller Superreichen entspricht diese Summe etwa 0,72 Promille. FR

Andere Statistiken machen ähnliche Aussagen. Wenn ein Haushalt mit zwei Kindern im Monat mehr als 2800 Euro zur Verfügung hat, gehört er laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zur Oberschicht. Denn die Mittelklasse endet nach seiner Definition beim Doppelten des mittleren Nettoeinkommens. Wer mit seinen zwei Kindern eine Wohnung mieten oder abbezahlen muss und auch mal eine Reise für selbstverständlich hält, wird sich damit jedoch nicht für reich halten.

Reich ist für die meisten Leute, wer im Alltag nicht sparen muss. Reich ist, wer Rechtsprobleme lässig auf seine Anwältin abschiebt, statt sich selbst mit der Vermieterin herumzuschlagen. Reich zu sein verbinden die Leute mit „sorgenfrei“. Ein Vierpersonenhaushalt lebt mit 3000 Euro zwar ganz gut, aber eben nicht sorgenfrei. Dennoch steht er für die Bundesregierung ein Stück über der Mittelklasse.

Der Armuts- und Reichtumsbericht geht bei der Einteilung der Bevölkerung vom mittleren Einkommen aus. Dieses „Median-einkommen“ liegt bei rund 20 000 Euro für eine Person, für Paare bei weniger als dem Doppelten, weil sie geringere Kosten haben. Der Bericht ordnet in der Mitte ein, wer mehr als 60 Prozent und weniger als das Doppelte dieses mittleren Einkommens verdient. Dazu gehören 76 Prozent der Bevölkerung. Nur acht Prozent fallen demnach in die Einkommensoberklasse. Der Report definiert noch eine weitere Gruppe – die der „sehr Wohlhabenden“ mit dem Dreifachen des mittleren Einkommens. Das fängt bei 60 000 Euro im Jahr oder 5000 Euro im Monat an. Scholz wäre nach der Definition der Regierung, der er angehört, also „sehr wohlhabend“.

Dennoch gibt es auch so etwas wie ein Mittelklasse-Lebensgefühl, von dem sich diese Spitzenverdiener offenbar nicht verabschiedet haben. In vielen Gesellschaften, darunter der deutschen, sehen sich die Reichen auch mit Neid und mit Vorwürfen der Ungerechtigkeit konfrontiert. Das motiviert zu einem verzerrten Weltbild, in dem man sich der Mittelklasse zurechnet. Bemerkenswert ist aber zugleich, dass auch Haushalte, die wirklich Entbehrungen ertragen müssen, sich oft nicht als arm bezeichnen. Doch während sich auf diese Weise fast alle der Mittelklasse zuordnen, ist diese zugleich vom gefühlten Wohlstand her in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgeblutet.

Das hat wiederum etwas damit zu tun, dass der Reichtum sich vor allem in den Händen der Kapitalbesitzer konzentriert, wie der Milliardärsbericht wieder einmal zeigt. Das Kapital ist für das Reichtumsgefühl viel ausschlaggebender, wird aber von der Einkommensstatistik nur unzureichend erfasst. Wenn jemand mit einer 50-Stunden-Woche 4000 im Monat Euro verdient, wird er sich weniger reich fühlen als jemand, der diese Summe ohne Arbeit als Investmentgewinn bezieht.

Dazu genügt es bereits, ein Vermögen von einer Million Euro gut anzulegen. Und wer 3000 Euro verdient und in einer abbezahlten Wohnung lebt, hat ebenfalls mehr vom Leben als der Kollege, der davon noch 1500 Euro Miete zahlen muss.

Wer sich über Scholz ärgert, richtet seinen Neid auf die falsche Gruppe. Die wirklichen Superreichen, die die Wertschöpfung der Mittelklasse absaugen, sind einfach weniger sichtbar als der Finanzminister. Und sie verdienen noch viel, viel mehr.

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