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Wenn es in Stuttgart 21 brennt

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Eine Studie sieht gravierende Mängel beim Brandschutz in dem geplanten Tiefbahnhof. Die Bahn wischt die Bedenken bislang weg.

Gerade sang Bahnchef Richard Lutz das Hohelied des Bahnverkehrs: „Die Schiene hat das Potenzial, zu /dem/ Verkehrsträger des 21. Jahrhunderts zu werden“, sagte er in Frankfurt vor Journalisten. Bei Klima- und Umweltschutz habe die Bahn große Vorteile gegenüber Auto und Flugzeug. Zudem biete die Digitalisierung der Deutschen Bahn die Chance, zur Reise-Plattform schlechthin für Haus-zu-Haus-Transport zu werden. Die Investitionen sollten daher hochgefahren werden. Über das derzeit größte Bahnprojekt sprach Lutz indes nicht: Stuttgart 21, den Umbau des oberirdischen Hauptbahnhofs in einen Tiefbahnhof, der statt geplanter 4,5 mindestens 8,2 Milliarden Euro kosten wird.

Dabei haben die Gegner des Projekts, an dem seit 2010 gebaut wird und das wegen diverser Verzögerungen nun Ende 2025 fertig werden soll, gerade neue Argumente vorgebracht, die durch den ICE-Brand von Mitte Oktober auf der Strecke Frankfurt-Köln große Brisanz bekommen haben. Sie werfen der Deutschen Bahn mangelnden Brandschutz in dem Tiefbahnhof und in den darauf zulaufenden, 60 Kilometer langen Tunnelstrecken vor. Bei Montabaur waren zwei ICE-Waggons auf freier Strecke ausgebrannt, die 510 Fahrgäste mussten den Zug verlassen. Die Strecke wird erst Mitte November wieder komplett freigegeben werden.

Eine vom „Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21“ vorgelegte 170-seitige Studie listet zahlreiche Kritikpunkte auf. In der unterirdischen Bahnsteighalle seien die Fluchtwege zu eng und die Fluchttreppen zu steil. Die für den Brandfall vorgesehene „Rauch-Abdrängung“ über sogenannte Luftaugen funktioniere nicht wie geplant, zudem müssten mehr Menschen gerettet werden als unterstellt. In den Tunnels wiederum lägen die Rettungsstollen teilweise zu weit auseinander. Die Autoren der Studie, der Ingenieur Hans Heydemann und der Physiker Christoph Engelhardt, formulieren drastisch: „Hunderte Passagiere werden vom Rauch eingeholt und ersticken.“ 

Die S21-Gegner forderten daher, dass die Genehmigung für das Projekt vom Eisenbahn-Bundesamt (Eba) zurückgenommen wird. Die Bahn hat sich davon bisher allerdings nicht beeindrucken lassen. Ein Sprecher der S-21-Projektgesellschaft kommentierte, die Planung biete „ein Maximum an Sicherheit für die Reisenden“ und finde auch die Zustimmung der Branddirektion der Stadt Stuttgart.

Das Thema ist damit aber nicht abgehakt. So wird es im Stuttgarter Stadtparlament behandelt werden. Die S21-kritische Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke-plus hat einen Antrag mit elf Fragen zum Szenario eines ICE-Brands im Tiefbahnhof eingereicht. Ihr Fraktionschef Thomas Adler sagte: „Die Stadt ist S-21-Projektpartner und muss diese Fragen klären.“ Das Aktionsbündnis forderte den Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und die Stadträte zu einer offenen Diskussion über das Brandschutzkonzept auf. Bisher herrsche bei diesem Thema „Ignoranz und Leichtgläubigkeit“. 

Lutz hatte im Frühjahr eingeräumt, die DB würde Stuttgart 21 heute angesichts der Kostenexplosion nicht noch einmal beginnen. Allerdings sei er „finster entschlossen, dieses Projekt zu einem Ende zu führen“. Hoffentlich nicht zu finster. Denn seine Prognose, es werde zu „einem guten Ende“ kommen, steht nun einmal mehr in Frage.

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