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Flugzeug-Verspätung

Wenn sich die Airline taub stellt

Flugrechte-Dienstleister helfen Passagieren, die Entschädigung für Verspätungen einzutreiben. Diese und andere Möglichkeiten für Geschädigte, ihre Ansprüche geltend zu machen.

Von Jürgen Hoffmann

Die Familie Erdmann (Name geändert) hatte sich so sehr auf ihren Städtetrip nach Rom gefreut. Drei Tage wollten Vater Anton, seine Frau und ihre beiden Kinder in der Ewigen Stadt verbringen. Am Flughafen hieß es kurz vor dem geplanten Start, dass sich ihre Germanwings-Maschine etwas verspäte. Da ahnte Anton Erdmann noch nicht, dass dies der Anfang einer ärgerlichen, monatelangen Auseinandersetzung mit der Fluggesellschaft sein sollte. Zwei Stunden nach der ersten Begründung für die Wartezeit kam die Durchsage, die Crew sei nicht am Flughafen, weitere zwei Stunden später, das Flugzeug sei kaputt. „Wir haben sieben Stunden warten müssen, bis es endlich losging“, berichtet Erdmann. „Damit war der erste unserer drei geplanten Urlaubstage verloren.“

Nach dem Vorfall schrieb Erdmann an die Fluggesellschaft. Er bat um Entschädigung. Germanwings antwortete nicht, auch nicht auf einen zweiten Brief einen Monat später. Im Internet stieß der verärgerte Familienvater auf den Factoring-Dienstleister EUflight.de. Dem trat er seine Ansprüche gegenüber der Lufthansa-Billigtochter in Höhe von je 250 Euro pro Person ab. Die Firma überwies den Erdmanns 65 Prozent der Gesamtforderungssumme abzüglich Mehrwertsteuer. Wenn der Flugrechte-Dienstleister mit seiner Klage vor dem Amtsgericht Köln erfolgreich ist und die volle Entschädigungssumme von 1000 Euro erhält, ist die Differenz sein Gewinn. Für Erdmann ist das in Ordnung: „Dafür musste ich mich um nichts mehr kümmern und habe meine Ruhe.“

Passagieren stehen aber noch andere Wege offen, ihr Geld zurückzufordern. Einer führt zur Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp) in Berlin. Sie hilft bei Flug-, Bus-, Bahn- und Schiffsreisen – unabhängig davon, ob diese privat oder geschäftlich waren. Laut Geschäftsführer Heinz Klewe hat die Söp im vergangenen Jahr in 10 446 Fällen außergerichtlich eine Streitbeilegung erzielt.

Anrufen kann ein Reisender die Schlichtungsstelle allerdings erst, wenn er sich vorher an die ausführende Airline gewandt und ihr die Möglichkeit einer „Nachbesserung“ gegeben hat. Dafür finden sich im Internet Musterschreiben. Der auf Fluggastrechte spezialisierte Anwalt Diekmann hat auf seiner Webseite einen Mahnschreiben-Generator eingerichtet. Über ihn können Passagiere in Eigenregie kostenlos einen Brief mit ihren Ansprüchen erstellen.

Das Problem: Obwohl die Rechtslage klar ist, bremsen und blockieren viele Airlines. Briefe und Mails von Passagieren werden häufig nicht beantwortet. Zudem behaupten Airlines nach einer Flugverspätung oder -streichung nicht selten, es hätte ein „Vogelschlag“ oder ein „medizinischer Notfall“ vorgelegen. Das Gegenteil zu beweisen, fällt einem Passagier meist schwer.

Deswegen und weil das Volumen der im Raum stehenden finanziellen Entschädigungen hoch ist, hat sich in den vergangenen Jahren hierzulande eine kleine Branche von Schadensersatz-Helfern gebildet. Diese lassen sich ihre Dienste bezahlen. Spezialisierte Anwälte verklagen die Airlines vor Gericht. Bei einem verlorenen Gerichtsprozess allerdings muss der Passagier die gesamten Kosten selbst tragen. Das können bei einem Anspruch von 400 Euro laut Diekmann „bis zu 400 Euro sein“.

Außerdem gibt es Inkasso-Firmen wie die Unternehmen Refund.me, Flugrecht.de oder Fairplane.de. Diese versuchen mit einer Vollmacht des Passagiers, dessen Ansprüche von der Fluggesellschaft einzutreiben, und verlangen dafür im Schnitt 25 bis 30 Prozent des Streitwerts plus Mehrwertsteuer als Provision. Dennoch muss der Passagier selbst bei berechtigten Ansprüchen nicht selten fünf, sechs oder sogar zwölf Monate auf sein Geld warten. Und: Inkasso-Firmen prüfen vor der Übernahme eines Falles genau die Erfolgsaussichten. Sind diese schlecht, werden sie nicht aktiv.

Schließlich mischen auch Factoring-Firmen in dem Geschäft mit: Sie kaufen dem Fluggast seine Ansprüche ab, übernehmen Kosten und Prozessrisiken. Nach Abzug ihres Honorars überweisen diese Firmen dem Passagier die Restsumme meist innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Der Fluggast behält das Geld auch dann, wenn der Dienstleister die Forderung nicht durchsetzen kann.

Es gibt drei Konkurrenten auf diesem Feld: Die Potsdamer Flightright.de wurde 2010 von dem Berliner Rechtsanwalt Philipp Kadelbach als reines Inkasso-Unternehmen aus der Taufe gehoben. Flightright bietet unter der Bezeichnung Flightcash auch Sofort-Geld. Unternehmenschef Marek Janetzke will damit Kunden ansprechen, die blitzschnell eine Entschädigung erhalten wollen, dafür aber auch einen entsprechenden Abschlag in Kauf nehmen. Kunden, die sich für die Sofort-Geld-Lösung entscheiden, bezahlen ihm 42 Prozent der Entschädigungssumme. Wird Flightright als Inkassofirma tätig, fallen 25 Prozent an.

Es gibt aber auch durchaus Alternativen zu Flightright.de. Der erst jüngst gegründete Anbieter Wirkaufendeinenflug.de (wkdf) behält nach eigenen Angaben zwischen 33 und 50 Prozent der Entschädigungssumme als Provision ein – je nach Risiko des Falles. Das Start-up scheint aber bereits einige Kunden verärgert zu haben: Bei Facebook beklagen sich Nutzer über „leere Versprechungen“.

Der Factorer EUflight.de nimmt von Flugpassagieren 35 Prozent Provision der Schadenssumme. Laut Geschäftsführer Lars Watermann hat EUflight.de seit Juli vergangenen Jahres rund 450 000 Euro an knapp 2000 Fluggäste ausgezahlt. Kunden können Flüge aus den zurückliegenden drei Jahren bei EUflight einreichen. Das gilt auch für Unternehmen.

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